• Predigt
»Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.« (Röm 1,7) Amen.

I.
Liebe Gemeinde,
seit Februar gibt es im Weißen Haus ein neues Büro: das Office für Glaubensfragen (»White House Faith Office«). Es hat offiziell die Aufgabe, Glaubensgemeinschaften in der Gesellschaft zu unterstützen. Offensichtlich geht es aber vor allem um die Förderung eines weißen christlichen Nationalismus. Zur Chefberaterin des Glaubensbüros wurde Paula White ernannt. Sie hat sich für dieses Amt dadurch qualifiziert, dass sie 2011 mit einer selbstgegründeten Kirche Insolvenz anmeldete. Inzwischen ist sie aber als Telepredigerin zur mehrfachen Millionärin aufgestiegen. Berühmt wurde Paula White, als sie 2020 während der Stimmenauszählung zur US-Wahl einen Live-Gottesdienst von 2 ½ Stunden abhielt. In wildem Stakkato schrie sie gegen die Dämonen an, die angeblich versuchten, Trump den Wahlsieg zu stehlen:
»Ich höre ein Geräusch des Sieges (woo!)
Der Herr sagt, es ist vollbracht (steh auf!)
(…) Ich höre ein Geräusch des Sieges (woo!)
(…) Die Engel werden jetzt freigelassen (steh auf!)
Die Engel werden jetzt losgeschickt (woo!)«1 usw.
Minutenlang redete sich Paula White in Ekstase und zwischendurch verfiel sie in Zungenrede, was in pfingstlichen Kirchen als eine besondere Gabe Gottes gilt:
»Hamanda akha atta rattate papake sanda anda (…)
Ata ambo ossa kata, rite ekha banda ata rikedidi atata«

II.
Liebe Gemeinde,
dieser Auftritt von Paula White wurde millionenfach angeklickt. Er wurde bewundert, in den sozialen Medien aber auch verspottet. Für die einen gehört Zungenrede unbedingt zur echten Verkündigung dazu, für die anderen ist das sehr sehr befremdlich.
Diese widersprüchliche Einschätzung begegnet uns auch in den frühchristlichen Gemeinden zur Zeit des Paulus. Wir erinnern uns: Zu Pfingsten war es in Jerusalem mit Hilfe des Geistes zu einem Wunder gekommen: Die Apostel konnten plötzlich in Zungen und Sprachen reden und wurden von den Pilgern aus aller Welt doch verstanden.
20 Jahre nach dem ersten Pfingsten ist in Korinth eine junge, dynamische Gemeinde entstanden. Der Apostel Paulus selbst hat sie gegründet. Und die Gemeinde wächst schnell. Denn die Verehrung der römischen Götter und Kaiser in den Staatstempeln hatte etwas Schematisches und war teilweise zur seelenlosen Pflichterfüllung verkommen.
Der neue christliche Glaube aber war gesättigt mit den Geschichten und Gebeten des Alten Testamentes, mit der Erfahrung von Gemeinschaft über soziale Grenzen hinweg und mit dem Erleben geistgewirkter Gaben. Und dazu gehörte eben auch die Fähigkeit, wie die Apostel in Jerusalem in Zungen zu reden. Viele Menschen in Korinth ließen sich begeistern von der Auferstehung des einen Menschen und von dem neuen Geist, der spürbar in der Gemeinde wirkte.
Und das war zugleich der Grund, warum Paulus Mühe hatte mit dieser Gemeinde in der korinthischen Hafenstadt. In der Gemeinde gab es sehr eigene Vorstellungen davon, was christlich ist und wie ein christlicher Gottesdienst abläuft. Teilweise herrschten chaotische Zustände. Einige gerieten im Gottesdienst in Verzückung, redeten in Ekstase mit Worten und Lauten, die ihnen der Geist eingab.
Paulus selbst praktizierte das auch und er sah darin eine besondere Form der Wirkung des Geistes. Zugleich sah er aber auch eine Gefahr: nämlich dass der Gottesdienst zu einer Bühne verkommt, um die eigene, persönliche Nähe zu Gott öffentlich zur Schau zu stellen.
Dieser Umstand veranlasste Paulus, sich grundsätzliche Gedanken über den Gottesdienst zu machen. In Ephesus, wo er seit drei Jahren als Missionar arbeitete, schrieb er seine Gedanken auf und schickte sie nach Korinth. Wir hören den ersten Teil des langen Predigttextes aus 1. Kor 14:
»1 Bleibt auf dem Weg der Hilfsbereitschaft und der konkreten Nächstenliebe. Und bemüht euch um die Gaben des Geistes, besonders darum, prophetisch zu reden. 2 Denn wenn ihr Unverständliches brabbelt, erreicht ihr die Menschen nicht. Ihr redet allenfalls zu Gott; niemand sonst versteht es. Denn ihr redet unter Einwirkung des Geistes rätselhafte Dinge. 3 Wer aber prophetisch redet, erreicht die Menschen. Er baut auf, ermutigt und spendet Trost.
4 Wer in Zungen redet, baut damit nur sich selbst auf. Wer aber prophetisch redet, dient der ganzen Gemeinde. 5 Ich wünschte, ihr alle könntet in Zungen reden. Besser ist es aber, wenn ihr prophetisch redet. Wenn ihr wie die Propheten kritisch auf eure Welt schaut, ist dies dem Reden in Zungen vorzuziehen. Es sei denn jemand deutet die unverständlichen Zungenworte, damit die Gemeinde etwas davon hat.
6 Stellt euch vor, Geschwister, ich würde bei meinem nächsten Besuch nur in Zungen zu euch reden – was hättet ihr davon? Nützen wird euch mein Kommen erst dann etwas, wenn ich mit verständlichen Worten zu euch rede. Das kann etwas Enthüllendes sein oder eine Erkenntnis, eine prophetische Botschaft oder etwas Gelehrtes. 7 Denkt zum Vergleich an ein Musikinstrument, an eine Flöte oder an eine Harfe. Nur wenn die einzelnen Töne deutlich unterscheidbar sind, kann man die Melodie der Flöte oder Harfe erkennen. (...) 9 Genauso wirkt es, wenn ihr in unverständlichen Zungen redet. Wie soll das Gerede verstanden werden? Ihr sprecht dann in den Wind.
10 Es gibt, wer weiß, wie viele Sprachen in der Welt, und keine kommt ohne Verständigung aus. 11 Wenn ich die Bedeutung eines Lautes nicht kenne, kann ich mich mit dem, der spricht, nicht verständigen und er sich nicht mit mir. Wir bleiben einander fremd. 12 Das gilt auch für euch: Wenn ihr schon um die Gaben des Geistes wetteifert, dann trachtet nach dem, was die Gemeinde in vollem Maß aufbaut. (…)
18 Ich selbst danke Gott, denn ich rede mehr in Zungen als ihr alle. 19 Doch in der Versammlung der Gemeinde will ich lieber fünf Worte mit Sinn und Verstand reden, um auch andere im Glauben zu unterrichten, als viele tausend Wörter in Zungenrede.«

III.
Liebe Gemeinde,
Sie haben beim Zuhören vielleicht gemerkt, dass Paulus sowohl den Anhängern als auch den Gegnern der Zungenrede in Korinth gerecht werden möchte. Er würdigt die Zungenrede als eine Gabe des Geistes. Zugleich macht er deutlich, dass die Geistgabe auch darin bestehen kann, prophetisch zu reden. Und Paulus lässt durchblicken, dass er in der prophetischen Rede die ungleich wichtigere Gabe für die Gemeinde sieht.
Sie werden jetzt vielleicht fragen: »Zungenrede oder prophetische Rede – wo ist da der Unterschied? Die einen wollen durch ihre Ekstase zeigen, dass sie von Gott begabt sind. Die anderen beanspruchen, dass Gott ihnen zukünftige Dinge offenbart hat.«
Doch wenn wir genauer hinschauen, merken wir, dass Paulus sowohl die Zungenrede (a) als auch die prophetische Rede (b) eingrenzt.
a. Die Zungenrede ist eine Gabe Gottes – da stimmt Paulus zu. Aber, damit sie wirksam werden kann, muss jemand das ›Zungengerede‹ erläutern. Die Zungenrede ist also nur die halbe Gabe Gottes. Viel entscheidender ist eine Person, die die Gabe hat, das Gehörte zu interpretieren. So wie ein Medizinstudent, der einen menschlichen Körper abklopft und abhört, das Wahrgenommene aber nicht sinnvoll zuordnen kann, ohne vertiefte Kenntnisse und langjährige Erfahrung.
Paulus selbst zieht zum Vergleich die Musik heran. Wer auf einem ungestimmten Instrument spielt oder die Töne nicht sauber trifft, wird keine erkennbaren Melodien erzeugen können. Denn schräge Töne erzeugen keine Stimmung, sie erzählen keine Geschichte. Musik braucht ein gewisses Maß an Struktur und Wiedererkennung, sei es durch eine eingängige Melodie oder einen markanten Rhythmus. Wenn das alles fehlt, hilft auch die beste Deutung nicht; es kommt keine Verbindung zum Hörenden zustande. Es geht hier rein und da wieder raus. Man tönt in den Wind – schreibt Paulus – , allenfalls Gott hat Freude an dieser ›Musik‹.
Und um bei diesem Beispiel zu bleiben. Wer sich dann auch noch toll fühlt, weil er experimentelle Musik macht und alle, die das befremdet, nur für zu dumm hält, das zu verstehen… Wenn es sich so verhält, dient die Gabe experimenteller Musik nur dazu, sich selber zu erhöhen und andere zu verunsichern.
Zwischen den Zeilen ist Paulus also sehr deutlich; er lehnt die Zungenrede ab. Und dem Einwand, er habe keine Ahnung, begegnet er mit dem Hinweis, dass er selbst wie kein anderer die Zungenrede beherrsche. Aber niemand könne wollen, dass er bei seinem nächsten Besuch nur in Zungen rede.

IV.
b. Liebe Gemeinde,
nun lautet die Alternative für Paulus aber nicht, in der Gemeindeversammlung die andere Gabe Gottes zu überhöhen – die prophetische Rede.
Wir denken bei der Prophetie zuerst an die Gabe, die Zukunft vorherzusagen. Doch das ist in der Bibel normalerweise nicht gemeint. Bei der Prophetie geht es darum, auf die Gegenwart zu schauen und diese im Licht der empfangenen Verheißungen Gottes kritisch zu betrachten.
Dazu drei Beispiele:

a. Der Prophet Micha verheißt, dass sich das internationale Recht durchsetzt und niemand mehr das Kriegshandwerk lernt (Mi 4,1-5). Wir sehen, dass das internationale Recht gerade mit Füßen getreten wird und Europa aufrüstet wie nie zuvor.
b. In der Offenbarung des Johannes (21,4) heißt es: »Der Tod wird nicht mehr sein, noch Trauer, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein«. Die Nachrichten aus den aktuellen Kriegsgebieten und aus den Hunger-Regionen zeigen andere Bilder.
c. Im 2. Petrusbrief (3,13) lesen wir die Verheißung eines »neuen Himmels und einer neuen Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt«. Wir sehen aber, dass die Präsenz am Himmel umkämpft ist und immer mehr das Recht des Stärkeren gelten soll.

Die Propheten erinnern also an die Verheißungen Gottes. Sie blicken damit nicht in die Zukunft, sondern zeigen, wie es um unsere Gegenwart bestellt ist. Und genau das ist für Paulus Aufgabe der prophetischen Rede in der Gemeindeversammlung: Schauen wir auf die Verheißungen Gottes, dann sehen wir, was für einen langen Weg wir noch vor uns haben. Dann sehen wir, worin das Reich Gottes besteht und dass Gott uns auf dem Weg dorthin nicht alleine lässt. Oder wie es Jesus sagt: »Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt.« (Mt 5,6)
In diesem Sinne baut prophetische Rede auf, wie Paulus es sagt. Sie ermutigt und spendet Trost (V. 3).
Und jetzt verstehen wir auch, wenn Paulus zum Inhalt der prophetischen Rede schreibt: »Das kann etwas Enthüllendes sein oder eine Erkenntnis, eine prophetische Botschaft oder etwas Gelehrtes.« (V. 6)
Im Griechischen stehen dafür die schönen Begriffe Apokalypse, Gnosis, Prophetie und Didaktik: etwas Enthüllendes, eine Erkenntnis, eine prophetische Botschaft oder etwas Gelehrtes. In einer so aufgebauten Predigt sieht Paulus eine Gabe Gottes, die der ganzen Gemeinde dient (V. 4).

V.
Und zum Schluss geht Paulus noch auf die Außenwirkung ein:

»20 Geschwister, seid nicht naiv, wenn eure Einsicht gefragt ist. (…) Sondern zeigt euch darin als erwachsene Menschen! (…) Die Zungenrede ist für die Glaubenden kein Wunderzeichen, sondern nur für Außenstehende. Bei der prophetischen Rede ist es umgekehrt: Sie ist für Außenstehende keine Zeichen des Wunders, wohl aber für die, die glauben. 23 Wenn nun die ganze Gemeinde versammelt ist und alle in Zungen reden würden, und es kommen Unkundige oder Außenstehende hinzu, werden sie da nicht fragen: Seid ihr verrückt geworden? 24 Wenn aber alle prophetisch reden, und Unkundige oder Außenstehende kommen hinzu, so werden sie von allem, was sie hören, mit der Wahrheit konfrontiert und herausgefordert. 25 Ihr Herz wird aufgehen, sie werden auf ihr Angesicht niederfallen, Gott anbeten und bekennen: »Wahrhaftig, Gott ist bei euch.«

Paulus appelliert also an den erwachsenen Menschenverstand: »Seid doch nicht naiv. Die Zungenrede ist für uns nichts Besonderes, vor allem kein Wunder. Aber für Außenstehende muss das sehr befremdlich sein. ›Seid ihr verrückt geworden?‹ werden die sagen.«
Im Blick auf die Innenwirkung ist die Zungenrede für Paulus wie gesehen zweifelhaft, aber erst recht für die Außenwirkung.
Hier empfiehlt er die prophetische Rede als die andere Gabe des Geistes. Sie konfrontiert die suchenden Menschen mit einer Wahrheit, die sie sonst nicht erfahren. Eine Wahrheit über den Zustand der Gesellschaft im römischen Reich z. B., wo Menschen gezwungen werden, in staatlichen Göttertempeln den aktuellen Kaisern Opfer darzubringen. Wo Kriege benutzt werden, um fremde Völker auszubeuten und sie zu versklaven.
Gleich der erste Vers unseres Predigttextes spricht hier eine deutlich andere Sprache. Im Sinne Jesu erinnert Paulus an das Reich Gottes, wo für die Gemeinde gilt: »Bleibt auf dem Weg der Hilfsbereitschaft und der konkreten Nächstenliebe.« (V. 1).
Wenn das im Vordergrund steht, so Paulus, wird das auch für Außenstehende als Verheißung einer neuen Welt Gottes spürbar: »25 Ihr Herz wird aufgehen, sie werden auf ihr Angesicht niederfallen, Gott anbeten und bekennen: »Wahrhaftig, Gott ist bei euch.«

VI.
Liebe Gemeinde,
in dieser Woche ging ein Video viral, das auf dem Gelände des Weißen Hauses gedreht wurde.2 Es zeigt eine Gruppe bei einer Veranstaltung des Office für Glaubensfragen. Chefberaterin Paula White hatte 100 Pastor:innen eingeladen, um sie auf die neue Religionspolitik einzuschwören. Auf dem Video ist ein Frau zu hören, wie sie in Ekstase betet und andere aus der Gruppe in Zungen reden.
Die betende Frau ist Sharon Bolan. Eine aufstrebende Predigerin mit Internetpräsenz. Sie dankte Gott dafür, Amerika zu einer großen Nation gemacht zu haben und auf den richtigen Weg zu führen. Die Frau bat um Schutz für den Präsidenten. Legionen von Engeln sollen ihn geleiten, damit auf sein Flugzeug kein Anschlag ausgeübt werde. Gott möge ihn für die Welt zu einem unvergesslicher Anführer machen und alle seine Feinde zerstreuen und in die Flucht schlagen.
Sharon Bolan wurde mit diesem Video schnell bekannt und konnte auf ihrer Homepage schon wenige Tage später vermelden, dass die Polyester-Decken mit Heilungskraft zu 75$ das Stück restlos ausverkauft sind.
Liebe Gemeinde,
Zungenrede ist eine Gabe Gottes, wie Paulus sagt. Aktuell sind aber eher prophetische Rede und Klartext gefragt, wenn in den USA und auch in Russland den Herrschern Denkmäler errichtet werden und Priester und Pastoren zu deren Verehrung vor Staatstempeln auftreten.
»Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.« (Phil 4,7)