Liebe Gemeinde,
Für reformierte Christenmenschen ist der Sonntag Invocavit vergleichbar mit dem Thesenanschlag von Martin Luther in Wittenberg. Am 9. März 1522, dem ersten Sonntag der Fastenzeit, verstieß der Züricher Buchdrucker Christoph Froschauer demonstrativ gegen das Verbot, Fleisch zu essen. Das war aus Sicht der römischen Kirche ein schweres Vergehen, das mit Gefängnishaft und Geldbußen bestraft wurde.
Folgendes war der Auslöser: Die Arbeiter von Froschauer sollten Bücher für die Frankfurter Buchmesse herstellen. Während sie hart arbeiteten, litten sie unter Hunger, weil die Kirche das strenge Fasten vorschrieb. Froschauer lud daraufhin die führenden Köpfe der Bürgervertretung und den Pfarrer des Zürcher Großmünsters, Huldrych Zwingli, zu einem Wurstessen ein. Es war der Protest gegen kirchlichen Machtmissbrauch, denn in der Bibel gibt es keine Vorschriften für eine vorösterliche Fastenzeit. Kirchliche Regeln unter Androhung vermeintlicher göttlicher Strafen dienten als Vorwand, um Menschen in Abhängigkeit zu halten, Reichtum anzuhäufen und feudale Privilegien zu bewahren.
Über dem Treffen beim Buchdrucker Froschauer stand also die Frage „Was fordert Gottes Gesetz eigentlich?“
Auch mit unserem Predigttext vom Garten Eden geht sich um die Frage: Welche Vorschriften Gottes gelten für uns und was heißt das konkret ?
Die sogenannte Vertreibung aus dem Paradies, die wir als Lesung und Predigttext gehört haben, kennt fast jeder und jede, selbst kirchenferne Leute. Fragt man nach, kommen Schlagwörter wie „Erbsünde“, „Sündenfall“, „Adam und Eva“, Adam wird von Eva verführt“, „Eva und die Schlange“, der vermeintliche „Apfel“.
Liest man den Text genau, steckt noch anderes darin als die bekannten Bilder. Denn bei jedem Übersetzen oder Verstehen eines Textes fließen eigene Prägungen mit ein. Menschen neigen in allen Zeiten dazu, Fakten so zu interpretieren, dass sie in das eigene Weltbild passen. So wurde z.B. die Geschichte im Garten Eden lange Zeit als ein Instrument benutzt, um in einer patriarchalen Gesellschaft die Unterordnung der Frau zu begründen.
Hier lohnt sich ein kritischer Blick:
Haben Sie wahrgenommen, dass in Lesung vorhin weder vom „Paradies“ gesprochen wurde, noch das Wort „Sünde“ vorgekommen ist? ….Von beidem war nicht die Rede. Auch der Name „Adam“ wurde nicht genannt. Und der Name „Eva“ wird erst ganz am Schluss vergeben, als das Menschenpaar schon auf der Schwelle zur Gartenpforte steht.
Ich kann jetzt schon verraten, dass im Hebräischen Text auch an keiner Stelle von einer „Verführung“ gesprochen wird.
Der Schauplatz der Geschichte, der Garten Eden, wurde von Gott selber angelegt. Einer der Flüsse, die aus ihm hervorgehen, ist der Euphrat im heutigen Irak. Dorthinein setzt Gott den Mann, der den Garten bebauen und bewahren soll. Gott sagt ihm, dass er von allen Bäumen essen dürfe, nur nicht von dem Baum der Erkenntnis in der Mitte, sonst würde er sterben.
Nach der Erschaffung der Tiere entsteht schließlich die Frau aus der Rippe des Mannes.
„Adam“ ist dabei schlicht das hebräischen Wort für Mensch. Und die Frau wird einfach nur „Ischa“ genannt, hebräisch für die „Frau“.
Unser Predigttext steigt ein bei der Schlange. Eigentlich müsste es an dieser Stelle heißen: „der Schlangerich“, denn im Hebräischen ist die Schlange männlich.
Die Worte, mit denen der Schlangerich den Kontakt zur Frau sucht, sind subtil und suggestiv: „Hat Gott wirklich gesagt, dass ihr von keinem Baum essen dürft?“
…… Das klingt für unsere heutigen Ohren doch sehr nach einem Influencer, der die Menschen an einen bestimmten Punkt haben will. Da wird schon mal mit alternativen Wahrheiten gearbeitet.
Die Frau zitiert das Verbot von Gott und die Drohung zu sterben. Der Schlangerich manipuliert gleich weiter, verharmlost und stellt seine Aussage über die Aussage Gottes: „Ihr werdet nicht sterben, sondern sein wie Gott und wissen, was Gut und Böse ist.“
Die Motivation für die Frau, von dem Baum zu essen, ist damit gut verständlich und menschlich: die Früchte sehen nicht nur gut aus, sie versprechen auch Wissen.
Das Handeln der Frau ist grundpositiv aus heutiger Sicht: Sie möchte Wissen erlangen und bekommt die Chance dazu. Das ist das, was wir für unsere Kinder und auch für unsere Mitmenschen wünschen: „Greift nach dem Wissen und schaut hinter die Fassaden!“
Die Frau isst, behält aber den Schlüssel zum Wissen nicht für sich, sondern teilt ihn mit ihrem Mann. Da steht nichts von Verführung! Sie gibt ihm von der Frucht. Er lehnt nicht ab. Er warnt nicht. Er zögert nicht. Er isst einfach.…..Naja, und am Ende soll es die Schuld der Frau gewesen sein.
Dieser Teil der Schöpfungsgeschichte wird oft auch interpretiert als Abbild der Entwicklungsschritte, die ein Mensch von der Kindheit bis zum Erwachsenwerden durchläuft. Ein Aspekt ist dabei, dass wir Erwachsenen mit zunehmenden Wissen die Welt in Kategorien von "gut und schlecht“, „lohnenswert und ablehnend“, „arm und reich“ einteilen. Kinder schauen noch vorbehaltlos und ohne Unterschiede aufeinander.
Das Mehr an Wissen bedeutet somit auch Verlust. Je mehr wir lernen, desto mehr verlieren wir die Unbeschwertheit der Kindheit. Und manchmal auch an Idealen.
Als Kinder wünschen wir uns mehr Autonomie und merken dann, wie mühsam die damit verbundene Verantwortung der „erwachsenen Welt“ ist.
Die Geschichte aus dem Garten Eden spiegelt in fast jedem Vers menschliches Erleben wider, auch schlechtes Gewissen und Schuldzuweisungen.
An jenem schicksalshaften Abend wandelt Gott durch den Garten, und es entspinnt sich eine nahezu kuriose Szenerie: Peinlich berührt und schuldbewusst verstecken sich der Mensch und seine Frau im Gebüsch. Sie haben nicht nur gegen Gottes Regeln verstoßen, sondern sind auch noch leichtgläubig dem Taschenspielertrick eines Hochstaplers aufgesessen. Als Gott sie schließlich entdeckt, schiebt der Mann die Schuld umgehend auf die Frau: Sie habe ihm zu essen gegeben. Er könne nichts dafür. Die Frau wiederum schiebt die Schuld auf den Schlangerich.
An dieser Stelle übersetzen viele Bibeln, dass die Frau sagt, sie sei verführt worden. Hier werden somit „Frau“ und „Verführung“ miteinander sprachlich für die Zuhörenden verbunden. Es entsteht subtil das Bild, dass die Frau leicht zu verführen sei und ihrerseits wieder verführt.
Tatsächlich steht da aber etwas Anderes: Das hebräische Wort (הִשִּׁיאַ֖נִי) hishiani. Dieser Wortstamm bedeutet „täuschen“, „suggerieren“. Der Schlangerich hat die Frau nicht „verführt“. Sie sagt in Orginaltext: „Der Schlangerich hat mich getäuscht“. Das ist eine grundsätzlich andere Aussage als: „Er habe verführt“. Die Frau hat ihrerseits den Mann nicht verführt, sondern mit ihm einfach eine Frucht geteilt und ihn teilhaben lassen an dem Bestreben nach Wissen.
In den Köpfen verfestigt sich eine bestimmte Vorstellung, wenn sie oft genug wiederholt wird.
Das Streben nach Wissen und Erkenntnis ist eine ureigener Drang des Menschen. So ist auch die Schöpfungsgeschichte entstanden: Menschen haben versucht, sich zu erklären, warum vieles in ihrer Welt genau so geordnet ist. Erklärungen benachbarter Völker wurden hinzugezogen. Das war ungefähr 900 Jahre vor dem Beginn unserer Zeitrechnung. Es war der Versuch, in der Ordnung ihrer Welt Gottes Plan zu erkennen: Warum die Schmerzen bei der Geburt? Warum die harte Arbeit? Warum hat der Mensch Erkenntnis und die Tier nicht? Warum lebt der Mensch nicht ewig?….
(Pause)
Im Anbeginn ist Gott dem Menschen noch ganz nah. Er hat den den Garten selber angelegt. Der Mensch lebt in diesem geschützten Raum und ist behütet. Nur das eine Gebot hat er zu beachten: „Iss nicht von dem einen Baum“. Es ist quasi ein erstes Speisegesetz.
Gott setzt faktisch zwei Grenzen: eine räumliche um den Garten und eine moralisch-ethische, nicht von dem Baum der Erkenntnis zu essen, der doch so verlockend aussieht. Räumliche Begrenzung und Einhalten einer bestimmten Regel schaffen die Grundvoraussetzung für das Leben im Garten Eden.
Es entspricht menschlichen Idealvorstellungen: Einen Garten gestalten, aber ohne den Druck, davon den Lebensunterhalt bestreiten zu müssen, keine Sorgen um das Morgen, keine Unterschiede.
Regeln haben einen Sinn. Sie sind wie ein schützender Zaun und Grundlage jedes Zusammenlebens. Das Einhalten von Regeln begrenzt einzelne Freiheiten des Individuums, schafft aber den Freiheitsraum für eine Gemeinschaft.
Gott wird die Verbindung zur Freiheit selber herstellen, als er Mose die Zehn Gebote übergibt. Sie werden das Volk der Israeliten zu einer Gemeinschaft in der Wüste machen.
Daran erinnert er mit dem ersten Gebot: „Ich bin der Herr Dein Gott, der ich Dich aus Ägypten aus der Knechtschaft geführt habe.“
Die Zehn Gebote mit dem Bekenntnis zu dem einen Gott als gesellschaftliche Ordnung sind keine Verbote, sondern eben Gebote. Sie sind ein Gegenpol zu dem Leben in der Unterdrückung in Ägypten. Sie garantieren den Schutz die Schwachen. Sie sind die Grundvoraussetzung einer gerechten und stabilen Gesellschaft.
Gesetze einzuhalten, bedeutet in einer Gemeinschaft zu bleiben. Letztlich hat der Verstoß gegen das Verbot von dem einen Baum zu essen, zum Bruch der engen Gemeinschaft zwischen Gott und den Menschen geführt.
Gottes Gebote sind anders als viele Gesetze, die Menschen machen. Seine Gebote sind entstanden aus der Erfahrung der Unterdrückung. Ihr Rechtsverständnis ist beständig bis heute.
Menschengemachte Gesetzgebung ist dem Wandel von Zeit und Macht unterworfen. Sie kann missbraucht werden, um Menschen zu verfolgen, auszugrenzen oder auszubeuten. Wir erleben es: Gesetze können vor aller Augen zum Machtinstrument gemacht werden.
Gottes Gebote sind dagegen universell und unveränderlich.
Er hat ein anderes Ziel: Seine Gebote dienen dem Schutz der Menschen. Sie stellen die Gemeinschaft in den Mittelpunkt und halten die Verbindung zwischen ihm und uns. Sie sind nicht Machtdemonstration, sondern Lebensader des Glaubens.
Die Zehn Gebote sind dabei wie ein Grundgesetz für die Beziehung zu Gott und garantieren zugleich Menschenrechte.
Im Heidelberger Katechismus, dessen Fragen 92 der heutige Bekenntnistext war, hat sein Verfasser Ursinus die Gebote ganz bewusst in das Kapitel „Von des Menschen Dankbarkeit“ gestellt zusammen mit dem Unser-Vater-Gebet. Es ist das dritte und letzte Kapitel des Katechismus. Die Fragen des Heidelberger Katechismus sind in drei Kapitel unterteilt: Beginnend mit „Von des Menschen Elend“ zu „Von des Menschen Erlösung“ und abschließend mit „Von des Menschen Dankbarkeit“. Die Reflexion des Heidelberger Katechismus mündet somit in der Dankbarkeit als eine grundsätzliche Lebenseinstellung, die von den Zehn-Geboten getragen wird.
Im auslaufenden Mittelalter und dem Beginn der Reformation sind sie wie ein Manifest gegen feudale Unterdrückung durch kirchliche und weltliche Aristokratie. Menschen fühlten sich durch die reformatorischen Bewegungen aus einer Knechtschaft der alten Kirche befreit, wie das Volk Israel nach dem Auszug aus Ägypten. Das Unser-Vater-Gebet, jetzt in der eigenen Muttersprache selber gesprochen und nicht mehr auf Latein vorgebetet, öffnete dem einzelnen Menschen den Zugang zu Gott mit Worten, so wie Jesus sie gelehrt hat.
Gebet und Gebote sind das Kernstück, auf das die Fragen des Heidelberger Katechismus zulaufen.
Die Zehn-Gebote sind dabei wie eine Drehtür. Wo sie eingehalten werden, garantieren sie Freiheit und wer für ihre Einhaltung sorgt, gibt selber Freiheit. Aus ihrer Beachtung erwächst eine ethischen Grundhaltung gegenüber der Welt.
Schon deshalb kann man die Zehn Gebote gar nicht oft genug hören. In manchen reformierten Gemeinden werden sie jeden Sonntag verlesen oder hängen als fortwährende Erinnerung im Kirchsaal, wie in der Gemeinde in Celle.
Ich kehre noch einmal zurück zum Garten Eden. An seinem Ausgang steht ein Neuanfang:
Obwohl die beiden Menschen das allererste Gebot, das Gott Menschen gegeben hat, missachtet haben, ist Gott am Ende doch barmherzig. Das Menschenpaar wird aus dem Garten vertrieben, damit sie nicht auch noch von dem Baum des Lebens essen und unsterblich werden. Ihr bisheriges Leben stirbt und bleibt zurück. Gott hat seine Grenzen gesetzt und öffnet zugleich neuen Lebensraum.
Der Mensch seinerseits gibt seiner Partnerin, als sie den Garten der Sorglosigkeit verlassen müssen, einen Namen: „Eva“, vom hebräischen Wort für „Leben“.
Gottes Geschichte mit den Menschen ist damit nicht zu Ende. Er bleibt fürsorglich. Für die rauhe Welt macht er ihnen Kleidung aus Fell als Schutz. Er kommt ihnen noch einmal ganz nah, als er sie ihnen eigenhändig umlegt.
Gott lässt nicht los und sorgt für das, was sie brauchen. Später in der Wüste werden es die vollzähligen Gebote sein, die sie zur Gemeinschaft im Land der Freiheit machen.
Noch etwas anderes ist im Garten passiert: Der Mensch und die Frau haben dem Schlagerichs mehr Vertrauen geschenkt als Gott. Sie haben ihn über Gott gesetzt. Es hat sie aus dem Schutzraum des Gartens geführt.
Gott setzt später dagegen: „Ich bin der Herr, dein Gott…..Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“. Das wird der Zufluchtsort in dieser Welt jenseits von Eden. Er gibt eine Geborgenheit, die über alle weltlichen Maßstäbe hinausreicht.
Gott hat uns in die Welt gestellt, damit wir sie gestalten. Mit dem Schritt aus dem Garten sind die Menschen zu Individuen geworden und nicht mehr namenlos. Sie haben die Fähigkeit erworben, Unterschiede zu erkennen und Abwägungen zu treffen. Daraus erwächst die Verantwortung für das eigene Handeln.
Ich komme an die Frage vom Anfang zurück: Was fordert Gott von uns?
Es ist das, was uns zu Werkzeug an seinem Reich macht: das Bekenntnis zu dem einen Gott, dem wir im Gebet begegnen, und auf dessen Gnade wir uns unverbrüchlich verlassen können. Und zum anderen: Das Handeln nach seinen Geboten, mit dem wir unseren Mitmenschen begegnen, und ihnen eine Ahnung von Gottes gerechter Welt geben. Es ist zugleich unser Ausdruck höchster Dankbarkeit für seine Fürsorge und die Freiheit, die uns geschenkt sind.
Und als Jesus danach gefragt wurde, was zu tun sei, hat er so geantwortet:
“Du sollst den HERRN, deinen Gott,
lieben von ganzem Herzen,
von ganzer Seele
und von ganzem Gemüt.
Dies ist das höchste und größte Gebot.
Das andere aber ist dem gleich:
Du sollst deinen Nächsten lieben
wie dich selbst.
In diesen beiden Geboten
hängt das ganze Gesetz und die Propheten."
(Matthäus 22,37-40)
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

