Predigt für Sonntag,
den 11. Januar 2026
Vikarin Sabine Schumacher

Psalm 46:
Gottes Schutz und Hilfe
für 2026

 



„Eins, zwei, drei, vier Eckstein, alles muss versteckt sein. Hinter mir und vorder mir gilt es nicht, und an beiden Seiten nicht! Eins, zwei, drei – ich komme.“
So startet ein Versteckspiel. Je nach Regelwerk wird dann auch noch ein Fangenspiel integriert.
Da steigt das Adrenalin: Was ist ein gutes Versteck? Werde ich gleich entdeckt? Wohin kann ich noch abhauen?!

Und dann dieses Gefühl, wenn man fast erwischt wird,
aber es noch ganz schnell mit schnellem Atem endlich in die Bonne schafft.
Andere nennen das Klippo, Freio oder Frei.
Der Ort, an dem man sicher ist.
Ein Schutzraum zum Durchatmen.

Nur ärgerlich, wenn es diesen Ort, wie bei den Spielregeln einer Freundin, gar nicht gibt
Immer in Lauerstellung? Immer bereit gleich abzuhauen?!
Ich lob mir da die Bonne. Bei uns hieß es Patt.
Ein guter Ort. Da ist Waffenstillstand.
Zeit zum Ausruhen.
Zeit zum Ablassen von aller Anspannung.

Ein Schutzraum. Eine sichere Zone.
Darum geht es heute in unserem Predigttext.
Ich lese Psalm 46, ein Vertrauensbekenntnis und Gedicht:

1Für den Chorleiter. Von den Korachiten. Ein Lied nach der Weise „junge Frauen“.
2Gott ist uns Zuflucht und Stärke als Hilfe in Nöten wohl bewährt. 3Darum fürchten wir uns nicht, wenn die Erde bebt und Berge in der Tiefe des Meeres wanken. 4Es tosen, es brausen seine Wasser, die Berge erbeben durch sein Ungestüm. SELA.

 5Da ist ein Fluss. Seine Kanäle erfreuen die Stadt Gottes, die heiligste der Wohnungen des Höchsten. 6Gott ist in ihrer Mitte, sie wankt nicht. Gott hilft ihr, wenn der Morgen anbricht. 7Völker toben, Reiche wanken. Erhebt er seine Stimme, erbebt die Erde. 8Der Gott der himmlischen Heerscharen ist mit uns. Eine Schutzburg ist uns der Gott Jakobs. SELA.

9Kommt und betrachtet die Taten Gottes, der Erstarren bereitet hat auf der Erde, 10der Kriege zum Aufhören bringt bis ans Ende der Erde. Den Bogen zerbricht er und Lanzen zerschlägt er, Schilde verbrennt er im Feuer. 11Lasst ab und erkennt, dass ich Gott bin. Ich bin erhaben über die Völker, erhaben über die Erde. 12Der Gott der himmlischen Heerscharen ist mit uns. Eine Schutzburg ist uns der Gott Jakobs. SELA.

Wann dieser Psalm geschrieben wurde ist unklar.
Die Themen sind zeitlos.
Es ist ein Gedicht mit zwei Perspektiven.

Da sind wir:
Unsere chaotische Welt in der Natur und in der Gesellschaft.
Unsere ganz eigenen Bedrängnisse und Nöte.
Unsere Angst. Unser Vertrauen.

Da ist Gott:
Er ist Zuflucht und Hilfe. Mittendrin.
Wohl bewährt. Präsent. Aktiv.

Schon bei Jakob hat er gezeigt, wie er beschützen kann.
Und er hat alle Hände voll zu tun.
Ganz schön gewaltig bringt er Kriege zum Aufhören.

Er zerstört Kriegsgerät:
Den Bogen für die Angriffe auf Distanz.
Die Lanze aus dem Nahkampf.
Das Schild als Verteidigungswaffe.

Manch einer oder eine von uns kennt den Psalm durch die Lutherübersetzung:
„Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen.“
Ein Ort, der in allem, was uns bedrängt, Schutz schenkt.

Vor dem inneren Auge entsteht da ein Panorama
von einer erhabenen mittelalterlichen Festung.
Doch in der Zeit, als der Psalm geschrieben wurde,
sah so eine Schutzburg anders aus.
Eine Anhöhe mit Mauern,
sodass die Feinde es schwer hatten diesen Ort einzunehmen.

Und wenn ich heute über Schutz und Sicherheit nachdenke,
dann ist es keine mittelalterliche Burg, die mich beschützt.
Gott sei Dank brauchen wir hier heute in Hannover
auch keine Schutzbunker, müssen nicht in großer Bedrängnis
durch Krieg und Gewalt in die U-Bahn-Stationen flüchten.
1200 km entfernt von uns sieht es da schon anders aus.

Und doch, unsere U-Bahn-Station am Waterloo Platz zählt nicht zu den sichersten Orten in Hannover.
Wenn wir uns mit den Jungen Erwachsenen oder andere Gruppen hier abends im Gemeindehaus treffen, schauen wir, dass keiner und keine dort alleine einsteigen muss.
Ich bin froh, dass es in Hannover Läden gibt, die als Notinseln für Kinder, sichere Orte sind.
Mit Aufklebern markiert heißt da der Slogan „Wo wir sind, bist du sicher.“
Vielleicht haben Sie das schonmal gesehen.

Unsere Welt ist und bleibt ein unsicherer Ort.
Nicht zuletzt in Berlin haben das viele in der vergangenen Woche leibhaftig erfahren.
Wir waren mit Heizung und Strom sicher.
Nicht alle von uns sind persönlich betroffen oder kennen solche Bedrängnisse und Nöte.

Und gerade deshalb sind wir aufgefordert,
die Menschen und Gruppen in den Blick zu nehmen,
die benachteiligt oder verletzlicher sind.

Vielleicht steht das nicht auf unserer eigenen Prioritätenliste,
aber andere brauchen unser Hinsehen und unsere Verantwortung.
Das ist Teil unseres Auftrags als Christenmenschen.

Ich bin froh, dass wir in unserer Gemeinde selbst über ein gutes Schutzkonzept nachdenken
und achtsam miteinander umgehen wollen. Gleichzeitig bleibt es unsere Aufgabe und Herausforderung,
als Kirchengemeinde ein sicherer Ort zu sein.
Das ist weiterhin ein gemeinsamer, manchmal steiniger Weg, den wir da gehen.

Schutzräume brauchen wir für unseren Körper,
aber auch für das, was uns bewegt.
Manche nennen das auch Safe Space.
Ein sicherer Raum, an dem ich nicht kämpfen muss,
an dem ich keine Schutzmauern brauche,
sondern meine Waffen ablegen kann.
Ein Ort, an dem ich über meine verletzlichen Themen sprechen kann.

Der Psalm sagt: Solch ein Ort ist Gott für uns.
Was heißt das für uns heute?

In einem Lied von Kayef, einem jungen Popmusiker und Rapper,
wird solch ein Schutzraum und Safe Space genauer beschrieben.
Ich lese uns diesen Pop-Song einmal vor.

Er klingt für mich wie ein moderner Psalm.
Fast wie eine Übertragung von Psalm 46:

Das ist mein Safe Space, meine kleine Welt ohne Zeit.
In der es mir nicht schwerfällt, einfach nur ich selber zu sein.
Hier kann ich sagen, was ich sonst keinem sag'.
Jedes Gefühl findet hier seinen Platz.
Mein Safe Space, das hier ist mein sicherer Kreis.

Hier gibt's keine falschen Versprechen,
nur Liebe für all die Facetten, es ist ganz egal,
wenn es im Detail nicht perfekt ist.
Hauptsache bleibt, dass es echt ist, ja, ja.

Stimme bisschen kratzig, aber das macht nix.
Ich bin, wie ich bin, und am liebsten da.
Wo es einen Platz gibt für all den Schwachsinn,
für alles und jeden, der aus der Reihe tanzt.
Hier gibt's keine Angst, nur noch Sicherheit,
ich fühl' mich, als ob ich hier nicht allein bin.
Mein Herz klopft, wird es um mich leise.

Das ist mein Safe Space, meine kleine Welt ohne Zeit.
In der es mir nicht schwerfällt, einfach nur ich selber zu sein.
Hier kann ich sagen, was ich sonst keinem sag'.
Jedes Gefühl findet hier seinen Platz.
Mein Safe Space, das hier ist mein sicherer Kreis.

Einfach reden, ohne drüber nachzudenken.
Einfach durchatmen für ein paar Momente.
Ich hab' mich genau in das verliebt.
Wo alle sagen: „Ist nur Fantasie“, ja, ja.
Ein Ort zum Träumen, auch wenn Tag ist,
wo alles andre scheißegal wird.
Weil was du liebst, in deinem Arm liegt und du dir sagst, ja.
Hier gibt's keine Angst, nur noch Sicherheit,
ich fühl' mich, als ob ich hier nicht allein bin.
Mein Herz klopft, wird es um mich leise.

Das ist mein Safe Space, meine kleine Welt ohne Zeit.
In der es mir nicht schwerfällt, einfach nur ich selber zu sein.
Hier kann ich sagen, was ich sonst keinem sag'.
Jedes Gefühl findet hier seinen Platz.
Mein Safe Space, das hier ist mein sicherer Kreis.

„Wo wir sind, bist du sicher.“
So habe ich vorhin den Slogan den Aufkleber der Kindernotinsel gezeigt.
Der Psalm spricht davon „Wo Gott ist, bist du sicher“.
Mitten bei uns.

Und der Psalm ist ein Vertrauensbekenntnis, denn da steht:
„Gott ist uns Zuflucht und Stärke als Hilfe in Nöten wohl bewährt.
Darum fürchten wir uns nicht.“
Hier kann ich sagen, was ich sonst keinem sag'.
Jedes Gefühl findet hier seinen Platz.
Mein Safe Space, das hier ist mein sicherer Kreis.

„Der Gott der himmlischen Heerscharen ist mit uns.
Eine Schutzburg ist uns der Gott Jakobs.“
Hier gibt's keine Angst, nur noch Sicherheit.
Fühl' mich, als ob ich hier nicht allein bin.
Mein Herz klopft, wird es um mich leise.

Das bedeutet:
Der Gott, der schon mit seinem Volk durch das Schilfmeer gezogen ist.
Der Gott, der mit Jakob gekämpft hat,
dieser Gott will auch für uns eintreten.

Er kümmert sich um unsere Nöte und Sorgen.
Seine Schutzburg ist kein Geheimversteck,
an dem uns die Feinde und Bedrängnisse nicht finden könnten.
Sein Safe Space ist der Ort, an dem wir trotz allem sicher sind,
weil er mittendrin bei uns ist und für uns streitet.

Ein eindrucksvolles Zeugnis dafür
ist die niederländische Christin Corrie ten Boom.
Aus tiefer Glaubensüberzeugung half sie
während der Zeit des Nationalsozialismus, jüdische Menschen zu verstecken.
Für dieses mutige Handeln wurde sie selbst verhaftet.
Sie musste in das Konzentrationslager Ravensbrück.
In all diesem Leid, hat sie Gott als Zuflucht beschrieben und erlebt.

Sie sagt:
„Schau die Welt an, und du wirst beunruhigt sein.
Schau in dich, und du wirst deprimiert sein.
Schau auf Gott, und du kommst zur Ruhe.“

Der Psalm fragt uns: Glauben wir das?
Kann ich da mitgehen? Und wenn ja, was verändert das?
Was bringt das für mein neues Jahr 2026?

Ich bin froh, dass wir eine Bonne bei Gott haben,
in der ich raus aus meinem Aktionismus,
meinem Kampfmodus, meiner Selbstkontrolle raus kann.

Ein Ort, wo ich in aller Verletzlichkeit sagen kann, was mich beschäftigt.
Ich bin gewiss, dass er sich um meine Anliegen kümmert
und ich nicht alles selbst erkämpfen muss.

Das kann ich persönlich für dieses neue Jahr sagen,
weil ich es auch im letzten Jahr erlebt habe.
Viele haben es mitbekommen.
Nach dem überraschenden Tod meines Doktorvaters
habe ich in den letzten zwei Jahren um einen guten Abschluss
meiner Doktorarbeit gekämpft.

Bei allem, was ich da erlebt habe,
ist Kampf tatsächlich ein passender Begriff.
Bewusst habe ich mir in dieser Phase ein Plakat
in mein Arbeitszimmer gehängt auf dem steht:
„Der HERR (Ich bin da) wird für dich streiten. Du aber sollst still sein.“

Still sein hieß für mich nicht untätig werden, sondern mein Bestes geben.
Aber mein Bestes sind dabei nicht
meine Angriffs- oder Verteidigungswaffen,
nicht meine Wut und mein Frust.
Das, was mich geärgert hat, hab ich immer wieder Gott überlassen
und mir immer wieder gesagt: Gott kämpft für dich.

Mit vielen hilfreichen Menschen an meiner Seite und mit Gott
war ich letztlich gut zugerüstet und habe es geschafft.
Andere sind für mich zur richtigen Zeit eingetreten.
Zugerüstet werden bedeutet für mich damit nicht Bewaffnung,
sondern Befähigt werden zum Vertrauen.
So stand ich trotz allem nicht ich in der ersten Frontlinie,
sondern wusste in aller Not: Gott wird für mich sorgen.

Darum kann ich einmal mehr bezeugen:
Gott ist meine Zuflucht und Stärke, als Hilfe in Nöten wohl bewährt.

Vielleicht kennen auch einige von euch solche Kampfzeiten.
Der Psalm erinnert uns daran,
dass Sicherheit nicht aus eigener Verteidigung und eigener Kampfbereitschaft entsteht,
sondern aus der Nähe Gottes.
Gottes Schutz heißt: Er hilft uns. Er ist verlässlich. Er hört zu. Er geht mit und bleibt bei uns.

Gott lädt dich ein,
Angst, Aktivismus und Abwehrmechanismen abzulegen
und neu zu entdecken:
Er selbst ist Schutzraum und Hilfe.

Mein Wunsch für dieses neue Jahr ist eine gemeinsame Entdeckungstour.
Ich wünsche mir,
dass wir hier am Waterlooplatz eine Bonne, ein sicherer Ort sind.
Wo wir vertrauensvoll unsere Angriffs- und Verteidigungswaffen ablegen.
Ein Safe Space, an dem unsere Ängste und unsere Hoffnungen Platz haben.

Ich wünsche mir, dass wir 2026 Gottes Hilfe und Schutz erfahren.
Dass wir entdecken, wie Gott in unserer Mitte handelt und für uns einsteht.

Ich wünsche mir, dass wir uns erzählen, was wir mit Gott erleben.
Dass wir uns so gegenseitig zur Ermutigung und Hilfe werden.
Mit Gott mittendrin.