Liebe Gemeinde,
Angeregt durch das Materialheft zur Friedensdekade stütze ich mich auf einen Text aus dem Römerbrief. Da haben wir schon einige Verse gehört und ich lese wieder aus dem 13. Kapitel:
„Die Liebe fügt dem Nächsten nichts Böses zu.
Des Gesetzes Erfüllung also ist die Liebe.
Und dies tut im Wissen, dass die Stunde geschlagen hat: Es ist Zeit, aus dem Schlaf aufzuwachen.
Denn jetzt ist unsere Rettung näher als zu der Zeit, da wir zum Glauben kamen. Die Nacht ist vorgerückt, bald wird es Tag. Lasst uns also ablegen die Werke der Finsternis und anziehen die Waffen des Lichts!
Nirgends kommt da das Wort Frieden vor und doch verstehen wir, was gemeint ist, wenn wir aufgefordert werden, „die Waffen des Lichts“ anzuziehen.
Jetzt ist die Zeit der Liebe gekommen!
Darin stimmen Paulus und Jesus hundertprozentig überein: Des Gesetzes Erfüllung ist die Liebe!
Der Weckruf ist also eindeutig, ein Ruf in die Nachfolge Jesu, ein Ruf so zu sein wie Jesus Christus, indem wir hören und vor allem tun, was Jesus gelehrt und uns auch vorgelebt hat.
Und was lehrt Jesus? Er hat nie etwas anderes gelehrt, als auf Gewalt zu verzichten um der Nächstenliebe willen. Den Frieden zu suchen nicht blos unter Freunden, sondern mit denen, die uns nicht mögen und uns angreifen. Immer und immer wieder, geht es um die Liebe zu unserem Nächsten. Und wer der Nächste ist, macht Jesus deutlich im berühmten Gleichnis vom Barmherzigen Samariter. Der Nächste kann ein wildfremder Mensch sein, sogar mein Feind.
Es ist im Evangelium alles so eindeutig, so klar. Wie kann man da etwas missverstehen? Wie kann man da auf die Idee kommen, im Namen Jesu zur Waffe zu greifen? Jahrhunderte lang haben Christen trotzdem diese klaren Worte Jesu verbogen und umgedeutet.
Ausgerechnet morgen wird die Evangelische Kirche in Deutschland ihre neue Friedensdenkschrift bekannt geben. Ich kenne sie noch nicht, aber man wird sich darin wieder fragen, wie sieht die geopolitische Lage aus? Wie verändern Drohnen die Kriegsführung? Was ist die Rolle der Vereinten Nationen? Man wird sich den Kopf zerbrechen für die Regierung und fragen, ob die Kirchen mit einer neuen Wehrpflicht einverstanden sind und was man von der NATO halten soll.
Das alles hat Jesu nicht gekümmert. Seine Botschaft lautet:
“Leistet dem, der Böses tut, keinen Widerstand! Nein! Wenn dich einer auf die rechte Backe schlägt, dann halte ihm auch die andere hin.“
Das wird in der Friedensdenkschrift nicht drin stehen. Es fällt uns schwer diese Anweisung zu befolgen. Kann Jesus das wirklich so gemeint haben? Muss man sich denn alles gefallen lassen? Wir können Jesu Worte nicht ertragen, aber genauso hat er sie uns vorgelebt auf dem Weg zum Kreuz. Es ist da keine Schwäche, sondern Stärke im Hinhalten der linken Wange.
Der Weg Jesu ist nichts für Schwächlinge, aber gerade deshalb fiel es seinen Jüngern so schwer, ihm nachzufolgen. Sie waren zu schwach, um auf Gewalt zu verzichten. Von jeher wollten sie für die Sache Jesu kämpfen. Ihn verteidigen. Wie viele Kriege wurden im Zeichen des Kreuzes geführt? Wieviel Blut wurde dabei vergossen!
Der Weckruf zur Nächstenliebe und zum Frieden ist nichts für Regierungen, für Kaiser, für Könige, für Autokraten und auch nichts für demokratisch gewählte Regierungen.
Der Weckruf, „die Waffen des Lichts“ anzuziehen, der ergeht an jede und jeden von uns. Jede und jeder für sich hört den Ruf Jesu und muss für sich entscheiden, ganz individuell. Es ist zu allererst eine Glaubens- und Gewissensfrage.
Uns ist die Geschichte von der Verhaftung Jesu überliefert. Als die Soldaten kamen, um ihn gefangen zu nehmen im Garten Gethsemane, da griff einer der Jünger zum Schwert, die anderen nicht. Da sagt Jesus zu ihm: „Steck dein Schwert an seinen Ort! Denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen.“
Solche Worte sind uns überliefert, kostbare Worte, Die sollten nicht verloren gehen. Sie wurden aufgeschrieben und weitergereicht von Generation zu Generation, weil es darum geht in jeder Generation aufs Neue, in jeder Generation, die wieder vergisst, was die Generationen vor ihr so schmerzhaft erfahren mussten „alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen.“
Eine Zeitlang hatten wir gehofft, dass wir der Zukunftsvision der Propheten näherkommen. Ich zumindest hatte diese Hoffnung, und viele andere mit mir, ganz konkret, gerade als an jenem 9. November vor 36 Jahren, als in Berlin die Mauer fiel und sich dann die Grenzen in Europa öffneten. Als Truppen sich zurückzogen, Amerikaner und Briten und Franzosen und Sowjets zogen sich zurück, Waffen wurden verschrottet. Kasernen wurden zu Schulen und Wohnungen. Man ahnte, zumindest in Europa, dass es möglich werden könnte, in einer Welt zu leben, in der kein Volk mehr gegen ein anderes Volk das Schwert erhebt, und die Menschen nicht mehr lernen, Krieg zu führen, wie es bei den Propheten Micha und Jesaja heißt.
Ja, es schien wahr zu werden. Viele Schritte in die richtige Richtung wurden getan.
Wenn wir jetzt um uns herum schauen und auf die Nachrichten hören, kommt es uns vor, als sei Frieden nicht mehr denkbar. Höchstens ein naiver Traum. Feindbilder werden geschürt und machen uns blind. Wir sehen nicht mehr das Gesicht unseres Nächsten. Kriegsgeschrei ist ohrenbetäubend und macht uns taub. Wir hören nicht, wie Jesus ruft: Selig sind die Friedfertigen, Selig sind die Friedensstifter!
Ja die Nacht ist vorgerückt, wie Paulus sagt.
Aber er sagt auch: Bald wird es Tag!
Wer heutzutage auf Jesus schaut, weiß, dass der helle Tag kommt und wie er aussieht. „Frieden auf Erden“ lautet die Botschaft der Engel bei Jesu Geburt. Wir dürfen auf die Verheißung der Propheten vertrauen, wir hören, wie der Psalm davon spricht, dass Frieden und Gerechtigkeit sich küssen werden(Psalm 85).
Es gibt uns Mut darauf zu schauen, wie Gott im Menschen Jesus hier auf Erden gelebt hat, wie er unter Willkür, Verrat, Gewalt und Folter gelitten hat, doch niemals zu Gewalt, zu Rache oder Widerstand aufgerufen hat. Er war kein Heerführer, er hat nicht mit dem Schwert in der Hand für die Ausbreitung seiner Ideen gekämpft. Nicht einmal zur Vergeltung oder zu angemessenen Sanktionen wollte er aufrufen. Dem Prinzip „Auge um Auge und Zahn um Zahn“ erteilt Jesus eine Abfuhr.
Das ist es, was uns Kraft gibt, aufzuwachen, stark zu sein, Christus nachzufolgen, Ja, es ist Zeit, aus dem Schlaf aufzuwachen. Weil jetzt unsere Rettung näher ist als zu der Zeit, da wir zum Glauben kamen. Die Nacht ist vorgerückt, bald wird es Tag. Lasst uns also ablegen die Werke der Finsternis und anziehen die Waffen des Lichts!
Amen

