Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

„Wenn et Bedde sich lohne däät, wat meinste wohl, wat ich dann bedde däät. Ja, wenn et Bedde sich lohne däät, wat meinste wohl, wat ich dann bedde däät.“ Ich muss mich jetzt entschuldigen: Ich kann kein Kölsch. Das hört sich bei mir wahrscheinlich ziemlich lustig an. Also noch einmal auf Hochdeutsch: „Wenn beten sich lohnen würde, was meinst du wohl, was ich beten würde, was meinst du wohl was ich beten würde?“ Das Lied stammt von der Gruppe BAP auf der Platte „Von drinnen nach draußen“ - aus dem Jahr 1982. (Und ich entschuldige mich jetzt nicht, dass ich manchmal Deutsch-Pop aus den Achtzigern höre. Das war halt meine Zeit.)

Wenn beten sich lohnen würde, was meinst du wohl, was ich dann beten würde? Ich glaube schon, dass der Songwriter Wolfgang Niedecken mit seinem Lied einen Nerv getroffen hat. Ich habe den Eindruck, dass es manchen Menschen eher schwer fällt zu beten. Ein Grund dafür kann das Gefühl sein, dass einem die Worte fehlen. Wenn ich abends vor dem Schlafen gehen im Bett liege, oder in der Mittagspause einfach mal in die Kirche gehe und still werde, um zu beten, dann weiß ich manchmal gar nicht so richtig, was ich jetzt sagen soll. Alles das, was ich in den vergangenen Stunden und Tagen erlebt habe, was mir so durch den Kopf geht und mich beschäftigt, das kann ich doch jetzt nicht alles erzählen! Es ist viel zu viel. Wo soll ich denn anfangen? Über manches bin ich mir selber noch gar nicht im Klaren.

Wenn beten sich lohnen würde,
was meinst du wohl, was ich dann beten würde, was ich beten würde?
Ohne Prioritäten, einfach so, wie es käme, finge ich an,
nicht bei Adam und nicht bei Unendlich,
trotzdem: Jeder und jedes käme
Für all das, wo der Wurm drin ist,
für all das, was mich immer schon quält,
für all das, was sich wohl niemals ändert,
klar, und auch für das, was mir gefällt.

Vom Choral für die Dom-Taube,
die krank in der Gosse verendet,
bis zu Psalmen für das Wetter
und die Stunden mit dir, die zu kurz.
Ich würde beten, was das Zeug hält,
ich würde beten auf Teufel komm raus.
Ich würde beten, wofür ich gerade Lust hätte,
doch für nichts, wo jemand mir sagt: „Du musst!“,
„Du musst!“

Ich würde beten für Sand im Getriebe
und jede Klofrau bekäme Riesenapplaus.
Überhaupt jeder Unmengen Liebe
und dem Sisyphus nicht nur eine Pause.
Ich würde die Rubel bremsen, die rollen,
Kronjuwelen verbannen auf den Schrott.
Ließe alle Grenzen und Schranken verschwinden,
jeden Speer, jedes Gewehr, jedes Schafott.

Ich kann mich dem gut anschließen. Auch wenn es das vielleicht ziemlich wirre und unsortierte Stoßgebet eines Rock-Poeten ist. (Besonders gefällt mir die Zeile mit der Klofrau. Ich denke auch oft, dass sie eigentlich einen Riesenapplaus verdient hat.) - Aber ist das wirklich mein Gebet? Als Pop-Song auf den Ohren ist es allemal eine Inspiration, ein Anstoß für den Tag. Und vielleicht verändert es sogar ein bisschen was. Vielleicht könnte es mir ja auch gelingen, meinen Gefühlen und meinen Bildern einfach so freien Lauf zu lassen, einfach drauflos zu plappern – oder zu singen – so wie Wolfgang Niedecken. Eigentlich ist das schon gar kein schlechtes Gebet!

Aber ich möchte noch mehr. Ich möchte mein Innerstes vor Gott ausbreiten. Ich möchte, das, was mich wirklich ganz persönlich bewegt – sozusagen in meiner Seele – vor ihn legen. Ich möchte, dass er es hört und dass er es weiß. Ich möchte es mit ihm teilen, weil es mir guttut, wenn ich weiß, dass er es weiß – dass es nicht nur bei mir ist, sondern auch bei ihm. Von daher gehört zum Beten vielleicht auch ein Stück Selbstbeobachtung dazu. Vielleicht muss ich mir ja zuerst einmal darüber bewusstwerden, wo ich eigentlich selber stehe: Wer ich gerade bin und was mich ausmacht. Was tatsächlich in mir vorgeht und was wirklich wichtig ist. Wenn das so ist, dann könnte beten auch ziemlich anstrengend sein, weil es manchmal richtige Arbeit ist, sich mit sich selbst zu beschäftigen.

Eigentlich glaube ich aber, dass das Beten hier schon anfängt. Und ich glaube, dass Gott mir zumindest hilft, in mich hineinzuschauen. Ich muss das nicht alleine hinkriegen, bevor ich überhaupt anfangen kann zu beten. Schon vom ersten Augenblick, wenn ich mich in Ruhe hinsetze oder abends im Bett an ihn denke, dann ist er da. Er ist da und schaut in mein Herz hinein, wie es in der Bibel an einer Stelle heißt. Und er schaut viel klarer in mein Herz, als ich es überhaupt kann. Vermutlich weiß Gott daher am Ende viel besser, was ich beten möchte, als ich es selber weiß. Das hört sich irgendwie paradox an, aber ich glaube, dass Gott alle meine Anliegen, Gedanken und Gebete kennt, bevor ich selbst ein Wort gesprochen habe. Es geht also gar nicht darum, dass ich Gott etwas erzählen muss, was er noch nicht weiß. Es geht darum, dass wir beide – er und ich – etwas teilen. Das befreit mich. Es lässt mich auch besser mit mir selbst umgehen. Ich habe dann das Gefühl mit mir selbst im Reinen zu sein und nicht allein.

Mir hat es einmal geholfen, mir zum Beten eine richtige Auszeit zu nehmen. Ich habe einige Tage in einer Gemeinschaft des Jesuitenordens verbracht. Es ist mir erstaunlich leichtgefallen, diese Tage in Schweigen zu verbringen, ohne zu reden. Gesprochen habe ich nur eine halbe Stunde am Tag mit meinem geistlichen Begleiter, der mir geholfen hat, meine Erfahrungen zu sortieren und mir neue Impulse für den nächsten Tag zu geben. Obwohl ich in diesen Tagen fast gar nicht gesprochen habe, hatte ich das Gefühl, ganz viel zu beten. Ich habe mich mit einem Vers oder einem Text aus der Bibel zurückgezogen und darauf gewartet, was Gott mir gerade jetzt zeigen will, was er mir sagen will. Diese Meditationen sind ziemlich intensiv gewesen. Ich habe in dieser Zeit viel über mich gelernt. Und jedes Mal, wenn ich etwas über mich gelernt habe, dann habe ich auch etwas über Gott gelernt und was er mit mir tun hat.

Vielleicht sind Ignatianische Exerzitien nicht jedermann und -frau Sache. Mir haben sie jedenfalls geholfen. Egal wie man betet und zu welchem Anlass, wichtig ist, glaube ich, sich klar zu machen, dass Gott mit uns betet. Er ist da vom ersten Augenblick, er sieht, was uns bewegt und er hilft uns auch dabei, es überhaupt erst zu erkennen und in Worte zu fassen. Das zu erleben, ist vielleicht ein ganz wichtiger Schritt, wenn man mit dem Beten Erfahrungen macht.

Für viele ist es aber nicht der erste Schritt. Viele haben ganz anders mit dem Beten angefangen. Schauen Sie doch einmal auf Ihre persönliche Biographie zurück! Wann und wie haben Sie mit dem Beten angefangen? Haben Sie mit Ihren Eltern oder Großeltern gebetet? Haben sie Ihnen vielleicht die ersten Gebete beigebracht? Ich kenne viele Menschen, die sich an die ersten Gebete ihrer Kindheit erinnern und bei vielen Menschen, die ich erlebe, sind es gute Erinnerungen. Das muss nicht immer so sein, denn auch beim Beten lernen kann man einiges falsch machen. Wenn es sich nach Zwang oder Kontrolle anfühlt, dann geht es meistens nach hinten los. Das hat keinen Sinn. Aber so ein Gute-Nacht-Gebet mit einem lieben Menschen an der Bettkante, dem ich vertraue, kann auch eine gute Grundlage sein für vieles, was später im Leben kommt.

Dazu kommen die Worte, die wir in solchen Situationen lernen. Ich glaube, es kann uns guttun, Worte zu haben, die wir nicht selber formulieren müssen. Vielleicht hat Jesus genau daran gedacht, als er sagte: Darum sollt ihr so beten:

Unser Vater im Himmel!
Dein Name werde geheiligt.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.

Jesus gibt uns selbst Worte, mit denen wir beten können und sollen. Sie können so etwas wie ein Gebetsanker sein, den wir auswerfen, ohne lange nachdenken zu müssen. Worte, die einfach in jeder Situation richtig sind und die ich sprechen kann, immer wenn ich das Bedürfnis habe zu beten. Es kann das Beten für uns ein Stück einfacher machen, solche Worte zu haben. Mein Freund hat eine Funktion auf dem Smartphone, die ihn zu fünfmal am Tag daran erinnert zu beten - so eine Art elektronische Kirchturmuhr. Wo er gerade steht und geht, und wenn er sich gerade mit mir unterhält, unterbricht er die Zeit für ungefähr eine halbe Minute und betet. Was soll man in einer so kurzen Unterbrechung beten? Da ist ja keine Zeit, lange nachzudenken und Worte zu formulieren. Mein Freund betet deshalb einfach das Unser-Vater-Gebet: Elf Zeilen und ein Amen, das passt meistens in diese Unterbrechung hinein und es ist ein Gebet.

Und vielleicht kommt es beim Beten des Unser-Vater ja auch gar nicht so sehr auf jede einzelne Textzeile an. Möglicherweise haben einzelne Zeilen für mich ja gerade in dieser Situation gar nicht so eine große Bedeutung. Aber das Gebet als Ganzes, das hat für mich eine große Bedeutung. Weil es mir vertraut ist und weil es mir buchstäblich ans Herz gewachsen ist. Natürlich auch weil es das Gebet ist, das Jesus selber gesprochen hat, jene Worte, mit denen er seinen Vater angesprochen hat und die er uns zur Verfügung stellt, damit auch wir sie sprechen können. Das macht das Unser-Vater-Gebet für mich zu etwas besonderem. Vielleicht können Sie ja etwas damit anfangen, wenn ich es den Grundwortschatz des Betens nenne. Möglicherweise neben einigen anderen Gebeten, die wir einmal gelernt haben.

Es ist für mich gut, dieses Gebet zu sprechen zu können und ich glaube, dass Gott dass, was diese Zeilen gerade für mich bedeuten, erkennt und hört, ohne dass ich eigene Worte wähle. Da können die dreißig Sekunden, in denen mein Freund betet, für Gott vielleicht eine halbe Ewigkeit sein. Sicherlich aber sind es mehr als gesprochene Worte. Es ist eine Beziehung, die Gott bereit ist, mit mir einzugehen und für die ich mich in diesem Augenblick öffne. Er ist für mich mein Vater und meine Mutter oder auch eine ganz andere Person, der ich ganz einfach vertrauen kann, ohne einen einzigen Moment daran zweifeln zu müssen, dass es mir guttut.

Am Schluss möchte ich noch einmal auf BAP zurückkommen. Das Lied endet für meine Ohren leider ziemlich resignativ:

Vielleicht beneide ich auch nur die, die glauben können.
Doch was soll’s, ich jage doch kein Phantom.
Gott, wäre Beten doch bloß nicht so sinnlos…

Es ist ja eine ernst gemeinte Frage, ob es sich eigentlich lohnt zu beten. Ich habe mit dem, was ich gesagt habe, versucht, darauf einige Antwortmöglichkeiten zu geben. Wenn man das Gebet aber ganz nüchtern am messbaren Ertrag misst, dann wird es schwierig, eine Antwort auf diese Frage zu geben. Natürlich bete auch ich für Sand im Getriebe, für jede Unmenge Liebe und dafür, dass Kronjuwelen auf dem Schrott verschwinden und alle Grenzen und Schranken und jeder Speer und jedes Gewehr und jedes Schafott noch dazu. Aber ich sehe auch, dass die Welt um mich herum sich kaum spürbar verändert, dass die Kriege andauern und die prahlenden Wichtigtuer immer noch die Macht haben und die ewigen Verlierer immer noch ganz unten sind und zuletzt kommen. Manchmal muss man vielleicht auch einfach gegen diese Welt anbeten.

Ganz persönlich erlebe ich, dass ich auch schon gebetet habe, ohne dass ich erkennen konnte, dass Gott mir zur Hilfe kommt. Dann kann beten zu einer Zumutung werden. Vor einiger Zeit gab es etwas, was ich mir so sehr gewünscht hatte. Ich hatte schon angefangen darauf hinzuleben und mir ausgemalt, wie schön es wohl werden würde, wenn mein Wunsch in Erfüllung geht. Und dann ist das, was ich mir gewünscht habe, nicht eingetreten. Ich bin enttäuscht gewesen. Ich hatte das Gefühl, dass etwas nicht da ist, was eigentlich doch schon zu mir gehört - dass etwas fehlt, obwohl es noch gar nicht wirklich da gewesen ist. Ich habe meine Gefühle mit Freunden geteilt. Eine Freundin aus Myanmar hat mir auf dem Smartphone dieses Bild geschickt:

Das sieht vielleicht irgendwie naiv und zu einfach aus. Im Grunde trifft es nach meinem Eindruck aber den Nagel auf den Kopf: Beten hat auch etwas damit zu tun, sich Gottes Plan anzuvertrauen. „Er hat einen größeren Kopf, mein Kind“, hat eine deutsche Politikerin einmal liebevoll in ihren Memoiren geschrieben. Mir hat es in diesem Moment wehgetan, das zu erkennen. Aber mir hat es auch eine Tür geöffnet zu einem Raum, der vielleicht noch viel größer ist als das, was ich vorher kannte. Beten ist manchmal nicht frei von Enttäuschungen, aber es hält auch unerwartete Überraschungen bereit. Denn Gott hat einen größeren Kopf, mein Kind!

Amen.