• Predigt
»Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.« (Röm 1,7) Amen.
I.
Liebe Gemeinde,
der größte Geizhals des Dorfes ließ auf dem Sterbebett den Lehrer, den Bürgermeister und den Pfarrer zu sich rufen. Als die drei um sein Bett versammelt waren, sagte der alte Mann:
»Ich möchte nicht ohne mein geliebtes Geld aus dieser Welt gehen. Hier sind drei Umschläge, in jedem befinden sich 100.000 Mark. Sie müssen mir hoch und heilig versprechen, mir das Geld auf den Sarg zu werfen, bevor das Grab zugeschaufelt wird.«
Jeder der drei gab das Versprechen und bekam einen Umschlag, prall gefüllt mit Geldscheinen.
Eine Woche später verstarb der alte Mann. Bei seiner Beerdigung traten nacheinander der Dorflehrer, der Bürgermeister und der
Pfarrer an das Grab und warfen einen Umschlag hinein. Nach der
Beerdigung standen sie noch kurz zusammen. Der Lehrer sagte:
»Ich muss mein Gewissen erleichtern. Für unsere Schule brauchen wir dringend einen neuen Ofen. Ich habe 10.000 Mark aus dem Umschlag herausgenommen.«
Auch dem Bürgermeister lag etwas auf dem Herzen: »Das Dach am Rathaus ist undicht. Ich habe 20.000 Mark herausgenommen. So ist das Geld wenigstens noch zu etwas nütze.« Der Pfarrer schüttelte den Kopf. »Aber meine Herren, ich muss mich doch sehr wundern. Ich habe zwar das ganze Geld herausgenommen – aber selbstverständlich habe ich einen Scheck über den vollen Betrag in den Umschlag hineingelegt.«1
II.
Liebe Gemeinde,
ich habe diesen Witz zum einen erzählt, weil es seit Beginn der Kirche die Tradition gibt, an den Osterfeiertagen die Gemeinde in der Predigt zum Lachen zu bringen – aus Freude über die Auferweckung Jesu von den Toten. Ich habe diesen Witz aber auch erzählt, weil man an dem Scheck, den der gewitzte Pfarrer dem Geizhals ins Grab wirft, eine ganze Menge von dem deutlich machen kann, was Paulus der Gemeinde in Korinth und uns hier in Hannover über die Osterbotschaft sagen will. Ja, ich glaube sogar, man kann die Osterbotschaft mit solch einem Scheck vergleichen, wie er vor allem zu DMark-Zeiten in Gebrauch war.
Wenn Sie sich einmal erinnern, wie so ein Scheck aussah: Auf dem Scheck waren Konto- und Scheck-Nummer eingedruckt. Ergänzt wurde handschriftlich der Name des Empfängers sowie die Unterschrift des Kontoinhabers – und schließlich wurde ein Geldbetrag eingetragen, der beim Einlösen des Schecks auszuzahlen war. Viele nahmen damals ihr Scheckbuch mit anstelle von größeren Summen an Bargeld. Damit konnte man bequem größere Anschaffungen bezahlen: z.B. einen Fernseher, eine Waschmaschine oder ein gebrauchtes Auto.
Der Scheck war dabei niemals das Geld selbst, sondern
nur ein Stück Papier, auf dem der entsprechende Geldbetrag
stand.
III.
Ich meine, mit der Botschaft von der Auferweckung Jesu von den Toten verhält es sich so ähnlich. Mit dem Bericht von der Auferstehung haben wir einen Scheck in der Hand, der seinen Wert hat, aber noch nicht eingelöst ist. Auf diesem Scheck steht geschrieben, dass es schon einmal einen gegeben hat, der zwar gestorben ist und begraben wurde, den Gott aber gegen die zerstörerischen Kräfte dieser Welt zum Leben auferweckt hat.
Schecks sind in Zeiten des Onlinehandels per Kreditkarte aus der Mode gekommen. Und für die Jüngeren ist heute kaum noch nachvollziehbar, dass ein Stück Papier mit der handschriftlichen Eintragung einer Zahl genau diesen Geldwert bekommt.
Auch das mit der Auferweckung von den Toten ist für uns Nachgeborene gar nicht so leicht zu begreifen. Das Grab ist leer, so berichten die Frauen aufgeregt den übrigen Jüngern. Einige sehen ihn – als eine menschliche Gestalt, ohne ihn zu erkennen. Andere hingegen erkennen ihn sehr wohl – an der Art, wie er spricht, an der Art, wie er Brot und Wein mit ihnen teilt. Und einige müssen erst seine Wunden betasten, um die Auferstehung Jesu zu begreifen. → Die Frauen am Grab, die Jünger in Emmaus und der ungläubige Thomas.
Die Berichte über die Begegnung mit dem Auferstandenen sind sehr verschieden – und doch haben sie alle das eine bewirkt: Die nach der Kreuzigung gelähmten Freunde Jesu erfahren eine Verwandlung. Aus einem kleinen verunsicherten Haufen, der sich in einem Haus verkrochen hat, wird eine große Bewegung, die in Jerusalem Aufsehen erregt. Sie zieht sogar bis in die entferntesten Winkel der damals bekannten Welt, um von ihrer Erfahrung zu berichten.
Zuerst hat nur eine Handvoll Leute Erfahrungen gemacht und davon erzählt: »Wir haben ihn erlebt. Er ist weiter unter uns.«
Und, die das hörten, machten ähnliche Erfahrungen:
Die sich in ihrer Trauer vergraben hatten, spürten wieder Leben in sich. Die Enttäuschten entdeckten neue Möglichkeiten. Die Ängstlichen traten nach vorne. Die Zweifelnden fingen an, wieder zu vertrauen. Und die gedacht hatten, alles ist aus und vorbei, die erleben: Der Weg Jesu geht weiter. Das Nachdenken über Gott geht weiter. Das Teilen von Brot und Wein geht weiter. Die Römer mit ihrem Kreuz haben nicht das letzte Wort, sondern Gott; er ist stärker als der Tod.
IV.
Liebe Gemeinde,
wir selbst sind noch nicht auferstanden – aber wir haben etwas
in der Hand, das uns hoffen lässt – nicht nur für später, sondern auch für jetzt: nämlich, dass die zerstörerischen Kräfte dieser Welt, von denen es gerade sehr viele gibt, nicht das letzte Wort haben.
Sie alle haben am Eingang diesen Ostermontagsscheck bekommen. Darauf steht in Kurzform unser Predigttext aus dem Korintherbrief – wir haben ihn vorhin in der Lesung gehört.
Das Formular stammt von der Osterscheck-Bank. Inhalt des Schecks ist das Evangelium von der Auferweckung Jesu. Der Scheck wurde ausgestellt für die Gemeinde in Korinth und für alle Christen und Christinnen in der weiten Welt.
Und bei so einem Scheck stellt sich natürlich die Frage, ob dieser Scheck denn auch gedeckt ist. Ob es Bürgen und Bürginnen gibt, die für den Gegenwert des Schecks einstehen. Paulus ist sich dieser Frage durchaus bewusst – und so erinnert er die Menschen in Korinth an die Grundlagen ihres Glaubens:
»Ich habe an euch weitergegeben, was auch ich empfangen habe, nämlich als Erstes und Grundlegendes: Christi Tod ist in der Schrift vorhergesagt: Er versöhnte uns mit Gott und er wurde begraben und am dritten Tag auferweckt. Und er hat sich Petrus gezeigt, danach dem ganzen Kreis der Zwölf« sowie 500 anderen, ebenso Jakobus und den Aposteln. (1. Kor 15,3-7)
Diese überlieferten Sätze waren sozusagen die geistliche Grundabsicherung der frühen Christ*innen in Korinth. Diese Worte waren ihnen nämlich so bekannt wie uns heute die Worte des apostolischen Glaubensbekenntnisses sind.
Diese Worte sind vielleicht schon damals im Gottesdienst wie ein kleines erstes Glaubensbekenntnis gesprochen worden. Und Paulus erinnert an dieses kleine Bekenntnis – und er verweist damit auf Petrus und die zwölf Jünger, die für das bürgen, was Ostern im Jahre 30 in Jerusalem geschehen ist. Ganz geschickt zählt Paulus die Liste der Bürgen auf. Er nennt Menschen wie Du und ich. Und es gibt bekannte Persönlichkeiten von erhabenem Ruf, die in den Gemeinden bekannt und geschätzt sind. Die Unterschrift auf unserem Scheck lautet deshalb: »Paulus und mindestens 520 andere«.
Menschen wie Du und ich werden hier zu Bürgen für diesen
Ostermontagsscheck; sie werden zu Zeugen dafür, dass auch sie nach der Kreuzigung Jesu auferweckt wurden zu einer neuen Hoffnung. Ihr Leben hat eine neue Ausrichtung bekommen. Und vielleicht können auch wir von solchen Erfahrungen berichten. Nicht dass wir dem Auferstandenen begegnet wären, aber dass aus etwas Verlorenem neues Leben entstanden ist – so etwas wie Neuanfang, Hoffnung, Auferstehung.
V.
Dieser Ostermontagsscheck, so habe ich eingangs gesagt, ist ein Stück Papier, und noch nicht das Geld selbst. Doch gibt es Menschen aus dem Neuen Testament, die bürgen für den Wert dieses Osterschecks. Und sie waren davon überzeugt, dass Neuanfang und Auferstehung bereits in ihrer Bibel, dem Alten Testament, ihren Anfang haben: So wie Gott Israel aus Ägypten herausgeführt hat und aus dem Babylonischen Exil, so hat er auch Jesus von Nazareth aus dem Tod herausgeführt und neues Leben ermöglicht.
Und ich will noch hinzufügen: Auch wenn dieser Ostermontagsscheck nur ein Stück Papier ist – so wie auch unsere Bibel – so ist doch die in Aussicht gestellte Summe überreichlich und etwas, das es in dieser Welt sonst kaum noch gibt: mehr als 2000 Jahre Teilen von Brot und Wein, mehr als 2000 Jahre Hoffnung, die stärker ist als der Tod.
Und damit unterscheidet sich unser Scheck von einer Aktie und von Staatsanleihen, die in diesen Tagen so viele Schlagzeilen gemacht haben. Diese stehen und fallen mit dem kurzfristigen Anliegen der Gläubiger, Gewinne zu erzielen und Verluste zu vermeiden. Sie stehen und fallen mit dem Vertrauen auf Staaten und Unternehmen, Zuverlässigkeit und Stabilität zu gewährleisten.
Wo im Handel willkürlich andere ausgegrenzt werden und eine Macht-Elite nur bis zum eigenen Vorteil denkt, wird selbst ein Stück Papier mit dem Aufdruck »IN GOD WE TRUST« zu einem wertlosen Stück Papier.
VI.
Doch zurück zu unserem Ostermontagsscheck: Natürlich handelt es sich bei den Worten des Paulus nicht um eine Geldsumme. Er stellt uns stattdessen in Aussicht, dass der Tod nicht das Letzte ist, was es von uns zu sagen geben soll. Wenn Jesus Christus auferstanden ist, dann werden auch wir, die auf ihn und seine Botschaft vertrauen, nicht im Tod bleiben. Wenn Jesus Christus den Tod überwunden hat, dann kann die Angst vor dem Tod auch uns nicht mehr verzweifeln lassen. Und diese Hoffnung ist von unendlichem Wert.
Ich habe deshalb im Scheck in der Spalte ›Betrag‹ ein Unendlich-Zeichen aus der Mathematik eingefügt. Die Hoffnung und Solidarität im Teilen und diese Kraft stehen für unser Leben also überreichlich zur Verfügung. Und wenn Sie genau hingucken, dann steht in der Mitte des Schecks noch ein Wasserzeichen. Wenn Sie den Scheck umdrehen und gegen das Licht halten, können Sie es vielleicht lesen:
»Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.« (Röm 12,12)
Das gilt uns allen an diesem gemeinsamen Osterfest in Ost und West, Nord und Süd: »Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.«
Weil das uns allen gesagt ist, können und sollen wir eintreten für das Leben – inmitten von all den kleinen Toden, mit denen wir es immer wieder zu tun haben. Und es ermutigt uns angesichts der brutalen Gesetzlichkeiten nicht einfach zu resignieren. Es ermutigt uns, dem Tod entgegenzutreten – vielleicht so, dass die Tränen sich verwandeln, in ein stilles, ein zurückhaltendes Lächeln. Und vielleicht sogar in ein befreiendes Lachen. So befreiend wie das Osterlachen, das gestern und heute hoffentlich trotzdem in vielen Kirchen ertönt.
VII.
Liebe Gemeinde,
mit einem Witz haben wir begonnen. Und mit einem Witz will ich schließen:
Donald Trump und Claudia Sheinebaum, die Staatschefin von Mexiko, waren in einer Höhle, als sie auf eine goldene Wunderlampe stießen. Während sie darüber stritten, wem die Lampe gehörte, erschien ein Geist. Der Geist sagte zu ihnen: »Ich werde jedem von Euch einen Wunsch erfüllen und zwar nur einen einzigen. Also überlegt gut!« Trump sprach zuerst: »Ich möchte, dass Sie eine 30m hohe Mauer um die gesamte USA bauen. So stellen wir sicher, dass keine illegalen Einwanderer aus Mexiko und keine zollfreien Waren mehr in unser Land kommen. Der Geist nickte: »Erledigt«, sagte er. Dann wandte er sich an die mexikanische Staatschefin: »Und Dein Wunsch?« »Füllen Sie es mit Wasser!«
»Und der Friede Gottes, der höher ist als aller menschlicher Humor, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.« (Phil 4,7) Amen.

