Liebe Gemeinde,
Israelsonntag – ein Tag des Gedenkens und ein Erinnern an die Wurzel unseres Glaubens.
Und doch ruft der Name des Sonntag in diesen Tagen andere Bilder in den Kopf. Es sind Bilder von Terror und Krieg in einem dem Land, das doch ein „gelobtes Land“ sein soll. Ein Landstrich, in dem gerade wenig Trost zu finden ist.
Als jemand, die ich selber einige Monate in Israel im Medizinstudium leben durfte, fällt mir frei nach Heinrich Heine nur ein: „Denk ich an Israel bei Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht.“
Doch, es treibt mich um, was in diesem Land passiert!
Wer persönliche Verbindung zu Menschen jüdischen Glaubens hat oder aber Israel mit seiner schwierigen politischen Situation kennt, leidet an den Nachrichten:
Da ist eine umstrittene Regierung, die die verfassungsmäßige Gerichtsbarkeit einschränkt.
Eine Regierung, die einen Krieg gegen Terroristen im Gaza-Streifen führt ohne erkennbare Rücksicht auf die Bevölkerung.
Mit einem Regierungschef, der Hunger als Waffe einsetzt. Da werden Siedler im Westjordanland geschützt, die Palästinensern Besitz und Lebensraum nehmen.
Auf der anderen Seite steht das Verbrechen vom 7. Oktober 23 mit dem Ermorden von 1200 Menschen durch die Hamas in Israel. Es ist das größte Verbrechen an jüdischen Menschen seit der Shoah.
Die Medien liefern uns die erschütternde Bilder der israelischen Geiseln, die seit fast zwei Jahren ihren Hamas-Peinigern in den Tunneln ausgeliefert sind.
Und wir erfahren den wachsenden Hass und die Bedrohung, denen jüdische Menschen überall in der Welt und auch hier bei uns ausgesetzt sind, weil sie Juden und Jüdinnen sind.
Ich möchte aufschreien: „Halt! Stop! Das ist alles unerträglich!
Vieles von dem, was heute als Legitimationsgrund für Gewalt in dieser Region missbraucht wird, hat eine Wurzel in Ereignissen vor 2000 Jahren.
Wir haben es in der Lesung (Lukas 19,41-44) gehört: Als Jesus in Jerusalem einzieht, blickt er von oben vom Berg auf die Stadt herab und bricht in Tränen aus.
Er sieht, was kommen wird: Jerusalem wird komplett zerstört werden, ebenso der Tempel an jenem 9. Av im Jahre 70. Von ihm ist bis heute nur die Westliche Mauer geblieben.
Jüdische Menschen werden danach zu Tausenden ermordet, ausgehungert, ans Kreuz geschlagen, als Gefangene nach Rom verschleppt werden. Für die Römer war es ein Triumph. Den Raub des Tempelschatzes bezeugt heute noch das Relief des Titusbogen in Rom.
Es ging dann noch weiter: Am 9. Av 136 n. Chr. wurden nach Niederschlagung des Bar Kochbar-Aufstands die Trümmer Jerusalems von den Römern „umgepflügt“, d.h. dem Erdboden gleichgemacht. Aus Jerusalem wurde die hellenistische Stadt Aelia Capitolina.
Juden wurde der Zutritt zur Stadt unter Androhung der Todesstrafe verboten.
Jesus weiß, was auf die Stadt und das Land mit seinen Menschen zukommen wird und er weiß auch, was ihm selber bevorsteht.
Unter diesem Eindruck ist seine Botschaft radikal anders. Er bringt auf den Punkt, was das Gesetz der Tora fordert.
Ich lese den heutigen Predigttext aus Markus 12,28-34 aus der Basisbibel. Jesus war unmittelbar vorher in Streitgesprächen mit konservativen jüdischen Gelehrten.
„Ein Schriftgelehrter war dazugekommen
und hatte die Auseinandersetzung mit angehört.
Als er merkte, wie treffend Jesus
den Sadduzäern geantwortet hatte,
fragte er ihn:
»Welches Gebot ist das wichtigste von allen?«
Jesus antwortete: »Das wichtigste Gebot ist dieses:
Höre, Israel: Der Herr ist unser Gott, der Herr allein!
Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben
mit deinem ganzen Herzen,
mit deiner ganzen Seele,
mit deinem ganzen Denken
und mit deiner ganzen Kraft.
Und als Zweites kommt dieses dazu:
Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.
Kein anderes Gebot ist wichtiger als diese beiden.«
Da antwortete der Schriftgelehrte:
»Ja, Lehrer, du sagst die Wahrheit:
Einer ist Gott,
und es gibt keinen anderen Gott außer ihm.
Ihn zu lieben mit ganzem Herzen,
mit ganzem Verstand und mit ganzer Kraft –
und seinen Mitmenschen zu lieben wie sich selbst,
das ist viel wichtiger
als alle Brandopfer und anderen Opfer.«
Als Jesus merkte,
mit wie viel Einsicht
der Schriftgelehrte geantwortet hatte,
sagte er zu ihm:
»Du bist nicht weit weg vom Reich Gottes.«“
Soweit der Predigttext
Liebe Gemeinde,
Wir werden hier Ohrenzeugen eines Lehrgesprächs zwischen zwei jüdischen Menschen, die tief in ihrem Glauben verwurzelt sind.
Beide wissen um 613 Gebote, die in der Tora, in den fünf Büchern Mose, genannt werden.
Gott hat sie seinem Volk in der Wüste auf den Weg in das gelobte Land mitgegeben. Jüdische Gelehrte sagen dazu, es seien 365 negative Gebote, wie die Tage des Jahres, und 248 positive, entsprechend den Gliedern des Körpers.«
Jesus ist hier der Rabbi, der Schriftgelehrte der Schüler.
Wir wissen nicht, warum der Schriftgelehrte Jesus nach dem höchsten Gebot fragt: Will er prüfen, ob die Lehre von Jesus auf dem Boden der jüdischen Religion fußt? Ob er ein vertrauenswürdiger „richtiger“ Prophet ist?
Vielleicht ist der Schriftgelehrte auf der Suche nach einer Orientierung angesichts der Fülle der Gesetze der Tora, von der gesagt wird, kein Mensch könne sie alle einhalten, und die er doch erfüllen will.
Über das Gespräch würden wir heute sagen: Jesus begegnet ihm „auf Augenhöhe“. Er nimmt ihn ernst und holt ihn ab mit dem Herzstück des gemeinsamen jüdischen Bekenntnisses: „Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein“oder auch „der Herr ist einzig“.
Das ist das jüdische Glaubensbekenntnis aus 5. Buch Mose. Damit verpflichtet Gott sein Volk, nachdem er ihm über Mose die Zehn Gebote gegeben hat. Dieses „Sch´ma Jisrael“ begleitet einen Menschen, der den jüdischen Glauben praktiziert, überall im Leben: Die Kinder sollen es lernen, sobald sie sprechen können. Damit wird der Tag als erstes begonnen und als letztes beendet. Es wird am Lebensende gesprochen.
Es steht auf einem Pergament neben anderen Versen in der Mesusa, die am Türpfosten eines jüdischen Hauses hängt.
Ich habe hier das Gehäuse einer Mesusa mitgebracht. Es fehlt der Inhalt. Vorne steht immer der hebräische Buchstabe „Schin“. Er steht für den Gottesnamen Shaddai, ist aber als Akronym für die Hebräischen Bezeichnung „Hüter der Wohnungen Israels“. Wenn ein jüdischer Mensch sie beim Betreten der Wohnung berührert, ist es die Erinnerung an eben dieses Glaubensbekenntnis.
Jesus zitiert dann, wie es weitergeht: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen,
mit deiner ganzen Seele,
mit deinem ganzen Denken
und mit deiner ganzen Kraft.
Gott lieben mit ganzem Herzen ist nicht so ›romantisch‹, wie es nach unserem Sprachverständnis klingt. In der jüdischen Tradition steht das Herz für den Verstand: Die Liebe zu Gott soll vom Verstand getragen sein.
„Mit ganzer Seele und mit deiner ganzen Kraft “ - das heißt mit allem, was die Existenz körperlich und seelisch ausmacht. Es soll das ganze Denken, die ganze Energie und Kraft die Liebe zu Gott mittragen. Einfach alles.
Diese Liebe zu Gott steht aber nicht allein, sie fordert eine zweite Ebene: die Liebe zu den Mitmenschen. Jesus zitiert das Gebot aus dem 3. Buch Mose.
„Du sollst deinen Mitmenschen lieben wie dich selbst.“
Das ist sehr viel knapper auf den Punkt gebracht als die Beschreibung, wie die Liebe zu Gott sein soll.
Liest man im 3. Buch Mose noch die vorangehenden Verse, ist klar, dass die Liebe zum Mitmenschen auch Kritik beinhalten darf, wenn sie nötig ist. Nächstenliebe ist eine Liebe, die handelt.
Und um das nochmal zu unterstreichen: Die Liebe zum Mitmenschen muss nicht größer sein als die Liebe zu sich selber. Und die Liebe zum Mitmenschen muss weder grenzenlos, noch kritiklos sein.
Auch zur Selbstliebe gehört übrigens die Fähigkeit zur Selbstkritik und zur Selbstbegrenzung. Sonst lande ich beim Narzissmus.
Grenzen und Kritik darf ich meinem Mitmenschen bei aller Liebe zumuten. So wie ich meinem eigenen Kind, das ich grenzenlos liebe, doch beim Heranwachsen immer wieder Grenzen setzen muss.
Anders als es US-Vizepräsident JD Vance formulierte, gibt es keine Mitmenschen zweiter und dritter Klasse. Mitmensch ist mein Nächster, ist mein Nachbar, ist die Kollegin im Beruf, ist der Autofahrer, der mir die Vorfahrt nimmt, ist die Obdachlose, die mich um Geld anbettelt.
An dem Punkt wird es eine Herausforderung: Wo hört es auf, dass jemand Mitmensch ist? Ist Trump, ist Putin mein Mitmensch?
Was ist mit dem Fremden, mit den Flüchtlingen im Land?
Zu dem Fremden im eigenen Land ist die Botschaft im 3. Buch Mose 22,33 ganz klar: „Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken. (…) du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der Herr, euer Gott.“
Und zu dem Verhältnis zu Feinden kennen wir die Antwort von Jesus in der Bergpredigt (Matthäus 5,44) „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, so werdet ihr Kinder eures Vaters im Himmel sein.“ Es sei selbstverständlich, die zu lieben, von denen man geliebt wird. Um vollkommen zu sein, müsse man auch die Feinde lieben.
Das Gebot der Feindesliebe steht wie ein Block im Raum. Überhaupt: Wo hört der Mitmensch auf und wo fängt der Feind an?
Für Feinde zu bitten, ist möglich. Aber das Gebot der Liebe zu den Feinden erscheint wie eine Zumutung.
Zufällig bin ich bei der Predigtvorbereitung auf einen aktuellen Podcast der Organisation „Roots“ gestoßen. Diese Organisation haben wir bei unserer letzten Gemeindereise nach Israel 2022 besucht. Und es war eindrücklich. Es ist eine jüdische, religiös-konservative Siedlung im Westjordanland bei Bethlehem.
Irgendwann wurde den Siedlern klar, dass sie ein Land beanspruchen, auf das die Palästinenser drumherum genau den gleichen Anspruch formulieren wie sie selber, dass diese genauso unter der Gewalt litten, wie die Siedler. Daraus ist das Projekt „Roots“ entstanden, eine Graswurzelbewegung. Dabei veranstalten die jüdischen Siedler zusammen mit ihren arabisch-palästinensischen Nachbarn gemeinsame Projekte zur gegenseitigen Verständigung und für Frieden für jüdische Israelis und arabische Palästinenser.
Damals, 2022, saßen wir zusammen mit dem Rabbiner Shaul Judelmann und der Palästinenser Noor A´wad und hörten von ihren Ideen eines respektvollen Zusammenlebens.
Ich kann mich heute nur verbeugen vor ihrem Mut. Den braucht es, um an ihrer Überzeugung beharrlich festzuhalten, nämlich dass für eine friedliches Zusammenleben Gewalterfahrungen überwunden werden müssen. Und dass das nur gelingt durch Respekt, Wahrhaftigkeit und Vergebung. Ja, gerade auch Vergebung.
Sie machen gemeinsam weiter, unermüdlich bis heute, trotz Hamas-Überfall, trotz Gaza-Krieg, trotz Anfeindungen durch eigene Leute.
Es mag einen Auslöser für Hass geben und ein Grund für einen Krieg genannt werden. Aber es gibt keinen gerechten Hass, und eine Begründung für einen Krieg macht ihn nicht gerecht. Es gibt nur einen gerechten Frieden. Und der braucht Gerechtigkeit. Und Gerechtigkeit wächst da, wo das Recht der Anderen einen Raum bekommt, wo ihr Anliegen Gehör bekommt.
Der Philosoph und Gelehrte Martin Buber führt in seinem Hauptwerk „Ich und Du“ von 1923 aus: „Der Mensch wird am Du zum Ich“. In dem Grundwort „Ich-Du“ „stiftet sich der Welt Beziehung“. Er sagt weiter: „Alles wirkliche Leben ist Beziehung“. Nur wenn Menschen zueinander wahrhaft „Du“ sagen können, bildet sich ein „Wir“ aus. Das ist die Grundlage einer lebendigen Gemeinschaft.
Er führt weiter aus: „Die verlängerten Linien der Beziehungen schneiden sich im „ewigen Du“.“
Das heißt also, in den Begegnungen, in denen ich in eine wahrhaftige Beziehung mit einem „Du“ eingehe, begegne ich Gott als „ewiges Du“.
Ich kehre noch einmal zurück zum Predigttext: „Du sollst deinen Mitmenschen lieben wie dich selbst.“. Damit ist der Schriftgelehrte sofort im Thema. Hier geht es um die tiefsten Glaubensgrundsätze.
Die Liebe zu Gott gepaart mit der Liebe zu den Mitmenschen ist Gottesdienst. Der Schriftgelehrte sagt es mit seinen Worten: Das sei wichtiger als Brandopfer und andere Opfer, also wichtiger als die rituellen Handlungen im Tempel.
Jesus bekräftigt das.
Der Name Gottes wohnte im Tempel (1. Könige 8) in Jerusalem. Das Reich Gottes ist aber nicht an das physische Gebäude des Tempels gebunden. Im Reich Gottes wohnt Gottes Name auch außerhalb des Tempels, da wo wir Gottesdienst feiern am Sonntag und im Alltag, wenn wir ihn anrufen oder in seinem Geiste handeln.
Das jüdische Volk wird wenige Jahre später seinen Tempel verlieren und in die Flucht getrieben werden. Die Tora und das Halten der jüdischen Feiertage und des Shabbats in der Familie wird zu ihrem Tempel.
Liebe Gemeinde,
Auf den heutigen Tag fällt noch das Erinnern an eine andere Gewalterfahrung: Heute ist der Bartholomäustag.
In der Nacht vom 23. auf den 24. August 1572 und den folgenden Tagen geschah in Frankreich der Massenmord an mehreren Tausend Hugenotten.
Vorangegangen waren die Spannungen, die der neue Glaube der Reformation auslöste. Das freiheitliche Denken, das Gott an die erste Stelle setzte, stellte die Macht von Kirche und Staat im Absolutismus infrage und bedrohte das bestehende Machtgefüge.
Eigentlich sollte an diesem Tag die Hochzeit zwischen dem hugenottischen Heinrich von Navarra mit der katholischen Margarete von Valois stattfinden und zwischen den Glaubensfronten vermitteln. König Karl IX, auf Betreiben seiner Mutter, aber nutzte die Hochzeit, um die versammelte Führungsspitze der Hugenotten ermorden zu lassen.
Die Hugenotten hielten fest an ihrem Glauben. Die brachiale Unterdrückung des neuen Glaubens befeuerte die blutigen Hugenottenkriege. Schließlich fanden Hugenotten Zuflucht auch hier in Hannover und sind ein Ursprung dieser Gemeinde.
Die Hugenotten bezeichneten ihr Kirchengebäude als Tempel. So heißen ihre KIrchen noch heute in Frankreich.
Mit ihrer Hymne, die ihnen Mut gemacht hat im Widerstand, beschließen wir immer noch unseren Gottesdienst.
In ihrer Bedrohung sangen sie von dem Gott, der zwar Lasten auf sie legt, aber sie doch mit ihren Lasten trägt. In aller Bedrängnis sangen sie vom Gott vollkommener Seligkeit, dem Herrn der Herrlichkeit, dem Ruhm und Ehr gebühren.
Das bleibt am Ende: Es mag Bedrohung durch Kriege und selbstherrliche Staatsführer geben, es mag sein, dass Selbstbereicherung. Machthunger und Menschenverachtung von den Herren und Damen dieser Welt gepredigt werden.
Wir können auf den einen Gott vertrauen, der die Menschen liebt und den wir lieben sollen mit allem, über das wir verfügen, und der uns aufgibt, unsere Mitmenschen so zu lieben, wie wir uns selber lieben.
Das ist der Tempel, der uns im Leben begleitet, in welcher Lebenslage wir auch gerade sein mögen.
Wir sollten uns im Angesicht der wachsenden Bedrohung unserer Welt von der Zuversicht und der Gottesbeharrlichkeit der Hugenotten leiten lassen, wenn wir am Ende jedes Gottesdienstes singen: „Er kann, er will, er wird in Not vom Tode selbst und durch den Tod uns zu dem Leben führen“
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen (Phil 4,7)

