• Predigt
»Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.« (Röm 1,7) Amen.
I.
Liebe Gemeinde,
zu Beginn des Neuen Jahres blicken wir zurück. Ich nenne einige Ereignisse, die mich 2025 sehr beschäftigt haben:
• Am 20. Januar 2025 wird Donald Trump erneut US-Präsident. Am folgenden Tag begnadigt er 1.500 Straftäter, die vier Jahre zuvor am Sturm auf das Kapitol beteiligt waren.
• Am 28. Februar wird der ukrainische Präsident Selenskyj im Weißen Haus öffentlich vorgeführt. Das Treffen wird ergebnislos angebrochen. Die Nato-Partner sind entsetzt.
• Im April beginnt Trump mit der beispiellosen Verhängung von willkürlichen Zöllen auf Einfuhren in die USA. Die Börsen brechen weltweit ein.
• Im Mai braucht Friedrich Merz zwei Durchgänge für die Wahl zum Bundeskanzler. Die Mehrheiten der Koalition sind unsicher.
• Ab September werden zunehmend Drohnen über der kritischen Infrastruktur an Europas Ostgrenzen gesichtet.
• Im Oktober löst Bundeskanzler Merz die sogenannte Stadtbild-Debatte aus.
• Im Dezember beschließen Bundestag und Bundesrat das neue Wehrdienstgesetz.
• Am 14. Dezember sterben in Australien 16 Menschen bei einem antisemitischen Angriff auf eine Chanukka-Feier, mehr als 40 Personen werden verletzt.
• Und heute hörten wir die schlimmen Nachrichten aus der Schweiz, wo vielen Menschen bei einer Silvesterfeier ums Leben gekommen sind.
→ Dies sind nur einige der vielen negativen Schlagzeilen aus dem letzten Jahr. Daneben hat es auch positive Nachrichten gegeben:
• Im Oktober tritt in Gaza ein Waffenstillstand in Kraft. Israelische Geiseln werden freigelassen, in Palästina treffen wieder Hilfslieferungen ein.
• Solar- und Windstrom sind weltweit so schnell gewachsen, dass sie die zusätzliche Stromnachfrage decken und Kohle ersetzen können.
• Im Herbst sind in Deutschland so viele Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt wie noch nie, und die Beschäftigungsquote von Ausländern hat einen Rekordwert erreicht.
• Als erstes Land der Welt hat Australien ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren eingeführt.

Und an neutralen Nachrichten gab es ›KI-Ära‹ als Wort des Jahres 2025. Und im Duden, wurden neue Worte aufgenommen wie ›Balkonkraftwerk‹, ›Triggerwarnung‹, ›ChatGPT‹ oder ›Vorkrisen-Niveau‹.
Was auch immer Ihnen gerade an Meldungen aus dem letzten Jahr vor Augen stehen mag. Jeder und jede einzelne von uns wird am Ende dieses Jahres Bilanz ziehen können über gute und schlechte Nachrichten aus dem eigenen Leben.
Was hat das zurückliegende Jahr gebracht? Und was wird das neue Jahr uns bringen? Wir wissen es nicht, auch wenn schon einige Termine in unseren Kalendern für 2026 eingetragen sind. Denn es gibt viele Fragezeichen für die vor uns liegenden 365 Tage. Keiner weiß, ob alles so werden wird, wie wir uns das im Moment vorstellen. Keiner weiß, ob wir dieses Jahr überhaupt ganz erleben werden. Keiner weiß, wie viele schwere Anlässe auf uns zukommen. Keiner weiß, welche neuen Herausforderungen 2026 bringen wird. Und unser Predigttext mahnt uns: Statt alles Mögliche zu planen, sollen wir lieber sagen:
»Wenn der Herr es will, werden wir dann noch am Leben sein und dieses oder jenes tun.« (Jak 4,15)


II.
Liebe Gemeinde,
das ist das eine: An dem vor uns liegenden Jahr hängen viele Fragezeichen. Das andere ist die Erfahrung: Der Umgang mit der uns zur Verfügung stehenden Zeit bleibt immer eine Herausforderung.
Doch das war wohl immer schon so. Denn im Deutschen gibt es viele Sprichwörter und Redewendungen, in denen Zeit eine Rolle spielt:
»Zeit ist Geld.«
»Spare in der Zeit, dann hast du in der Not.«
»Alles hat seine Zeit.«
»Kommt Zeit, kommt Rat.«
»Die Zeit vergeht wie im Flug.«
»Die Zeit heilt alle Wunden.« usw.
Daneben gibt es im Deutschen zusammengesetzte Worte mit Zeit, wie z.B.: geschenkte Zeit, verlorene Zeit, vertane Zeit, verflossene Zeit, keine Zeit;
Aus-Zeit, Frei-Zeit, Arbeits-Zeit, stille Zeit, Halb-Zeit;
Uhr-Zeit, Tages-Zeit, Jahres-Zeit;
Schul-Zeit, Urlaubs-Zeit, Lebens-Zeit; Freuden-Zeit, Trauer-Zeit;
Zeit-Plan, Zeit-Reise, Zeit-Raffer, Zeit-Fenster, Zeit-Druck und neuerdings auch Zeitenwende als ›Wort des Jahres‹ 2024.
Da auch eine Predigt seine Zeit hat, die nicht überschritten werden soll, will ich die Aufzählung hier beenden.
Wir merken: Zeit beschäftigt die Menschen. Ihr Leben ist getaktet. Die zur Verfügung stehende Zeit ist begrenzt. Und besonders zum Jahresanfang blicken wir auf die verstrichene Zeit zurück. Manche von uns fragen sich: »Wo ist die Zeit geblieben? Gerade erst hatten wir uns daran gewöhnt, 2025 als Datum zu schreiben, da steht schon das nächste Jahr auf dem Plan.«
Immer mehr Menschen klagen darüber, dass sie zu wenig Zeit haben: für sich selbst, für ihre Familie, für private Interessen. Und mancher wünscht sich, der Tag könne mehr als 24 Stunden haben. Andere wiederum wissen kaum, wie sie die Zeit herumbringen sollen. Sie sind froh, wenn die Uhr ihnen anzeigt, dass der Tag bald vorüber ist.

III.
Liebe Gemeinde,
Sie haben sich heute Abend Zeit genommen: Zeit, sich vom letzten Jahr zu verabschieden und sich zu besinnen auf das, was vor Ihnen liegt. Sie haben sich ›Zeit für sich‹ genommen. Und das ist, glaub’ ich, genau das, was uns am meisten fehlt: Zeit für uns selbst. Ganz ohne Verpflichtungen und Aufgabenzettel. Ohne dass das Handy summt und brummt oder neue Nachrichten anzeigt. Und ohne dass flimmernde Bilder unsere Zeit auffressen.
Nur zu oft bleibt das ein Wunschtraum, aber manchmal erfüllt er sich doch. (Pause)

Stellen Sie sich einmal vor, Sie würden zu Beginn des Neuen Jahres zwölf Stunden Zeit geschenkt bekommen. Sie wachen also morgen früh auf. Und bevor der Tag beginnt, haben Sie zwölf Stunden Zeit für sich selbst. Wir kennen das von der Umstellung auf die Winterzeit. Da ist es nur eine Stunde; diesmal sind es zwölf Stunden. Und niemand ruft in dieser Zeit an, keiner stört Sie, Sie sind ganz für sich allein.
→ Was würden Sie mit dieser Zeit anfangen? Ich möchte Sie bitten, einmal kurz darüber nachzudenken. 12 Stunden Zeit – was machen Sie damit? (kleine Pause)

Liebe Gemeinde,
ich hoffe, Ihnen ist jetzt nicht so etwas eingefallen wie: Fenster putzen, Wäsche bügeln, Arbeitszimmer aufräumen, Steuererklärung vorbereiten oder Keller entrümpeln. Es sei denn, solche Tätigkeiten machen Ihnen Freude und erfüllen Sie mit neuer Kraft.
Ich dachte bei meiner Frage eher an folgende Möglichkeiten:
In Ruhe ein gutes Buch lesen; einen ausgedehnten Spaziergang machen; bei einer guten Tasse Tee alte Fotos anschauen. Und das Ganze ohne schlechtes Gewissen und ohne Zeitdruck! Das ist nämlich das schwierigste daran.

Denn vielen von uns sitzt die Zeit im Nacken, weil der Einkauf noch erledigt werden muss. Weil mit den Kindern noch für die Klassenarbeit zu üben ist. Viele nehmen ihre Arbeit mit nach Hause. ›Homeoffice‹ heißt das nun. Und die Trennung zwischen privat und beruflich, zwischen Arbeitszeit und Freizeit verschwimmt immer mehr. Und wer für die Pflege anderer zuständig ist, der kann nicht einfach sagen: »So, jetzt lasse ich mal alle Fünfe gerade sein und lege die Beine hoch.« Viele von uns müssen in der Regel erst auf die passende Gelegenheit warten, bis sie freie Zeit für sich selbst haben. Und manchmal vertrödeln wir das dann mit Fernsehgucken oder Videos auf dem Handy.
IV.
Liebe Gemeinde,
Zeit für sich selber haben – manchmal braucht es dafür ein kleines Wunder. In Anlehnung an die wundersame Brotvermehrung aus dem Matthäusevangelium möchte ich Ihnen eine Geschichte vorlesen von Lothar Zenetti. Er hat sie die ›wundersame Zeitvermehrung‹ genannt:

Jesus zog sich zurück. Mit einem Boot fuhr er über den See an einen abgelegenen Ort, um allein zu sein. Die Menschen in den Städten hörten davon und folgten ihm zu Fuß nach.
Als er die Augen erhob, sah er, wie viele Menschen um ihn versammelt waren und wie viele noch herandrängten. Und er empfand Mitleid mit ihnen und heilte die Kranken.
Als es Abend wurde, traten seine Jünger und Jüngerinnen zu ihm und sprachen: »Herr, die Zeit ist vorgerückt, es ist spät. Entlasse die Menge. Sie haben keine Zeit und wir auch nicht.« Da wandte sich Jesus an seine Jünger und sprach: »Weshalb sollen sie weggehen? Gebt ihnen doch Zeit, gebt ihnen von eurer Zeit!« Da sagten sie zu ihm: »Wir haben ja selber keine und was wir haben, das wenige, wie soll das reichen, dass wir uns um jeden einzelnen kümmern können?«
Doch fand es sich, dass einer von ihnen noch fünf Termine frei hatte, dazu zwei Viertelstunden. Und Jesus lächelte und ließ die Menschen erneut Platz nehmen. Er nahm die fünf Termine, die sie hatten, und dazu die beiden Viertelstunden. Er blickte auf zum Himmel und sprach ein Segensgebet. Dann teilte er das Vorhan­dene auf und ließ durch seine Jünger die kostbare Zeit austeilen an die vielen Menschen. Und siehe da: Das wenige reichte für alle. Keiner ging leer aus. Ja, sie füllten am Ende noch zwölf Tage mit dem, was übrig war an Zeit. Und dabei waren es allein 5.000 Männer, die Frauen und Kinder gar nicht mitgerechnet.
Und die Jünger staunten sehr. Denn alle sahen: Selbst das Unmögliche wird möglich durch ihn.

IV.
Liebe Gemeinde,
wir haben uns vorhin Gedanken gemacht, was wir mit 12 Stunden Zeit für uns anfangen. In der Geschichte von Lothar Zenetti sind es zwölf Tage, die übrig geblieben sind. Sie sind dadurch übriggeblieben, dass Menschen ihre Zeit miteinander verbracht haben. Geteilte Zeit – so die Botschaft dieser Geschichte – ergibt unter dem Strich mehr Zeit. (Pause)
Das allerdings widerspricht unserer Erfahrung: Unserem Eindruck nach sind es häufig andere Menschen, die uns die Zeit rauben. Wir spüren das, wenn ein Termin den anderen jagt. Wenn sich Gespräche in die Länge ziehen, dann bekommen wir den Eindruck, dass unsere Zeit unnütz vertan wird.
Häufig ist es aber so, dass dieser Eindruck aufkommt, gerade weil wir uns nicht genug Zeit nehmen. Wer alles immer schnell erledigt haben will, der läuft Gefahr, wichtige Dinge zu übersehen. Und dann muss alles noch einmal durchgesprochen werden. Es gibt eben Dinge, die kosten Zeit, weil sie Zeit brauchen. Hier Zeit zu investieren, lohnt sich häufig. Denn schon der Volksmund sagt: »Gut Ding will Weile haben.« Oder: »Was lange währt, wird endlich gut.«

Zeit ist nämlich nicht nur etwas, dass sich quantitativ in Sekun­den messen lässt. Zeit hat auch ein qualitatives Moment. 60 Minuten sind nicht gleich 60 Minuten. Wenn ich 60 Minuten lang schon an den nächsten Termin denke, dann bin ich 60 Minuten lang nur halb anwesend. Wenn ich mich aber ganz auf diese 60 Minuten einlasse, dann kann diese Zeit eine Qualität bekommen, die vorher nicht möglich war. Oder 60 Minuten mit dem Handy fühlen sich an wie 30 Minuten. Tatsächlich sind aber 60 Minuten weg. (Pause)
Sie wissen das bestimmt, wie wohltuend es ist, wenn sich jemand für uns Zeit nimmt, uns von seiner Zeit schenkt. Und sie wissen auch, wie wohltuend es ist, sich Zeit für sich selbst zu nehmen, eine Zeit lang bei sich selbst zu bleiben. Beides gibt Kraft und ist erfüllte Zeit.

V.
Liebe Gemeinde – und damit komme ich zum Schluss –
auch das Neue Jahr 2026 ist gezählt nach der christlichen Zeitrechnung: Zweitausendundsechsundzwanzig Jahre nach Christus. Das heißt, auch das Neue Jahr ist eine Zeit, die uns durch Gott geschenkt ist. Allerdings ein Geschenk, das letztlich im Besitz Gottes bleibt und uns in die Pflicht nimmt. Wir sollen etwas aus dieser Zeit, aus unserer Lebenszeit machen. Wer nur durch die Zeit hetzt und nichts und niemanden anders mehr wahrnimmt, der läuft an diesem Auftrag vorbei.
Am Anfang dieses neuen Jahres liegt Zeit vor uns. Zeit, die irgendwie vergehen wird. Wir haben die Möglichkeit, dieses Geschenk sinnvoll zu gestalten. Z.B., indem wir in unserem Terminkalender überprüfen, ob das wirklich alles sein muss. Und ob nicht anderes zu kurz kommt. Planen Sie auch Zeit für sich selbst ein.

Zeit – das ist Gottes Geschenk an uns. Unsere Zeit steht in seiner Hand. Das kann uns davor bewahren, unsere Zeit sinnlos zu vertun – ohne Sinn für uns und ohne Sinn für unsere Mitmenschen.
»Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus.« (Phil 4,7). Amen.