• Predigt
»Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.« (Röm 1,7) Amen.
I.
Liebe Gemeinde,
in Rom gab es eine riesige Reiterstatue. Sie hatte eine Grundfläche von 8 Metern in der Breite und 12 Metern in der Länge. Die Höhe betrug 12 bis 16 Meter. Zum Vergleich: Die Reiterstatue von König Ernst-August [I.] am Hauptbahnhof ist nur 6 m hoch. Das kolossale Denkmal in Rom war dem Kaiser Domitian gewidmet. Es stand mitten auf dem Forum, dem kulturellen und politischen Zentrums Roms. Das Denkmal zeigt den Kaiser mit erhobener rechter Hand als Sieger über die Germanen am Rhein.
Jede Person, die damals die Hauptstadt des römischen Reiches besuchte, wird eingeschüchtert vor dieser Statue gestanden haben – vor der gigantischen Selbstverherrlichung eines römischen Kaisers. Und wer nicht selbst in Rom war, konnte auf zahlreichen Münzen das Bild des Kaisers und auf der Rückseite dessen Reiterstatue abgebildet finden.
Domitian war 15 Jahre lang römischer Kaiser. Man sagte ihm nach, er habe seinen Bruder aus dem Weg geräumt, um selbst Kaiser zu werden. Domitian pflegte einen autokratischen Regierungsstil. Er ignorierte den gewählten Senat, der in Rom eigentlich über Gesetze und Geldmittel entschied. Zudem hatte Domitian das Amt des Zensors inne. Dieses Amt erlaubte es ihm, nach Belieben öffentliche Aufträge zu vergeben, die Steuerlast einzelner Bürger festzulegen und missliebige Senatoren abzusetzen. Ursprünglich war dieses Amt geschaffen worden, um korrupte Senatoren aus dem Rat zu entfernen. Doch Domitian nutzte dieses Amt, um die römische Republik in ein autokratisches Regime zu verwandeln. Und zu allem Überfluss bestand der Kaiser noch darauf, als »Herr und Gott« angeredet zu werden.

In allen römischen Provinzen sprach sich schnell herum, was für ein schwieriger Charakter die Macht in Rom übernommen hatte. Und auch in den jüdischen und christlichen Gemeinden war dieser Kaiser gefürchtet. Schon wenige Jahre zuvor war es unter Kaiser Nero zu ersten Christenverfolgungen gekommen. Denn Nero machte die Christen in Rom für einen Brand verantwortlich und ließ sie aus der Stadt vertreiben. Und in Judäa kam es 66 n. Chr. zum jüdischen Krieg mit den Römern, als diese den Tempelschatz in Jerusalem beschlagnahmen wollten.
Der Tempel in Jerusalem, der bei Juden und Christen ein zentrales Heiligtum war, wurde im Jahre 70 n. Chr. geplündert und zerstört. Nach dem verlorenen Krieg hatten die Juden im römischen Reich einen schweren Stand. Und auch die christlichen Gemeinden, zu denen selbstverständlich auch Menschen jüdischen Glaubens gehörten, gerieten unter Verdacht, Feinde im römischen Reich zu sein. Hinzukam, dass Jesus von den Römern zum Tode verurteilt wurde. Und auch Petrus und Paulus wurden für ihren Glauben gefangengesetzt und wahrscheinlich in Rom getötet.
Mit ihrem konsequenten Grundsatz, nur einen Gott zu verehren, standen Juden und Christen im Konflikt mit den Grundlagen des römischen Staates; der setzte nämlich mehrere Götter voraus und ließ zunehmend auch Kaiser als gottgleich verehren.
Schon Kaiser Nero hatte in Rom eine riesige Statue eines Sonnengottes errichtet, der seine Gesichtszüge trug. Bei Kaiser Domitian nahm diese Selbstverherrlichung jedoch neue Ausmaße an. Juden und Christen wurden in zunehmendem Maße verfolgt; wer den Kaiser nicht als »Herr und Gott« akzeptierte, wurde als Atheist verdächtigt und verfolgt.

II.
Liebe Gemeinde,
in dieser Situation entsteht im Gebiet der heutigen Türkei ein Brief, von dem später angenommen wurde, dass er für die Gemeinde in Ephesus bestimmt war. Wir können uns vorstellen: Es war damals gefährlich, schriftlich über seinen christlichen Glauben Auskunft zu geben. Wer mit so einem Schriftstück erwischt wurde, konnte verhaftet und zur Rechenschaft gezogen werden. Noch gefährlicher war es, Kaiser Domitian direkt zu kritisieren für seine Selbstverherrlichung als »Herr und Gott«. Deshalb fühlten sich viele Christen in Rom und in den römischen Provinzen bedroht und herausgefordert:
- Die Römer hatten Jesus gekreuzigt. Waren sie nicht von jeher mächtiger als die kleine Gemeinschaft, die versuchte, Jesus nachzufolgen?
- Woher sollte man die Kraft nehmen, der Verfolgung standzuhalten?
- Woher die Gewissheit nehmen, dass die Gemeinschaft im christlichen Glauben wegweisender ist als das korrupte System des römischen Staates, das vor allem die Starken begünstigt?

Der Verfasser des sog. Epheserbriefes versucht, diese Fragen für seine Gemeinde zu beantworten, ohne sich selbst und diese Gemeinde in Gefahr zu bringen. Deshalb kann er seinen richtigen Namen nicht nennen und auch nicht, an welche Gemeinde er schreibt. Deutlich zu erkennen ist aber, dass der Verfasser ein Paulusschüler ist. Und deshalb lag es für ihn wohl auch nahe, den berühmten Apostel als fiktiven Absender zu nennen (1,1). Tychikus, ein bekannter Mitarbeiter des Paulus, würde den Brief überbringen und mündlich alles weitere erläutern (6,21f). Ob Tychikus den Brief tatsächlich überbracht hat, wissen wir nicht. Vielleicht gehört dieser Name ebenfalls zum fiktiven Charakter des Briefes.
Auf jeden Fall wird aus dem Brief deutlich, dass der Verfasser genauso wie Paulus gefangengesetzt wurde (6,20). Ihm drohte dasselbe Schicksal wie damals schon dem Apostel, nämlich für seinen Glauben zu sterben. Der Überbringer des Briefes wird dazu genauere Information mündlich mitgeteilt haben.

III.
Was schreibt nun unser Paulusschüler aus der Gefangenschaft an seine Gemeinde?
In einer Zeit, in der der Kaiser unbeschränkte Macht auf Erden und über die Gottesverehrung seiner Untertanen beanspruchte, redet er von der Macht und Stärke Gottes (1,19).
Gleich im ersten Kapitel schlägt er damit den entscheidenden Ton an im Widerstand gegen einen tyrannischen Kaiser. Ab Vers 20 heißt es:

»20 Seine Macht ließ Gott auch an Christus wirksam werden: Er hat ihn von den Toten auferweckt und an seine rechte Seite im Himmel gesetzt. 21 Dort thront er hoch über Mächten und Gewalten, Kräften und Herrschaftsbereichen. Er herrscht über alles, was Rang und Namen hat in der jetzigen und in der zukünftigen Welt. 22 Alles hat Gott ihm zu Füßen gelegt und ihn zum Haupt über die ganze Gemeinde gemacht.«

Der Kaiser hat als Zeichen seiner Herrschaft eine überdimensionierte Reiterstatue aus Bronze aufstellt. Für den Paulusschüler ist das aber nicht der eigentliche Herr, sondern das ist Christus. Er thront über alle Mächte und Gewalten. Auf Befehl eines römischen Beamten wurde er gekreuzigt, aber auf Befehl Gottes von den Toten auferweckt und auf den himmlischen Thron erhoben.
Und noch deutlicher: Welchen Kaisernamen die römischen Bürger auch immer heute oder in Zukunft anrufen mögen, Christus steht über diesen Namen. Christus steht über den römischen Herrschern. Sie kommen und gehen – aber Christus bleibt.

Gleich im ersten Kapitel wird also deutlich, wie brisant die Botschaft des Briefes ist, die der unbekannte Paulusschüler aus der Gefangenschaft an seine Gemeinde richtet.
Wir verstehen jetzt, dass keine Klarnamen genannt werden, sondern fiktive Namen von Personen, die schon verstorben sind und nicht mehr gefährdet werden können.

III.
Liebe Gemeinde,
ich hoffe, dass wir den heutigen Predigttext mit diesen Erläuterungen jetzt besser verstehen können.
Ich lese noch einmal Auszüge aus dem 3. Kapitel des sog. Epheserbriefes:

13 Darum bitte ich euch: Werdet durch meine Gefangenschaft nicht mutlos. Was ich hier erleide, kommt euch zugute. Ihr sollt an Gottes Herrlichkeit Anteil haben. 14 Deshalb beuge ich vor dem Vater meine Knie. 15 Jeder Stamm und jedes Volk im Himmel und auf der Erde erhält seinen Namen von ihm. (…) 17 Christus soll durch den Glauben in euren Herzen wohnen. Und ihr sollt in der Liebe verwurzelt und fest auf ihr gegründet bleiben. 18 So könnt ihr sie zusammen mit allen Heiligen in ihrer Breite, Länge, Höhe und Tiefe erfassen. 19 Ihr werdet (…) die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übersteigt. Auf diese Weise werdet ihr Anteil bekommen an der Gegenwart Gottes. Sie wird euer Leben ganz erfüllen. 20 Dank sei Gott, der die Macht hat, unendlich viel mehr zu tun – weit mehr als alles, was wir von ihm erbitten (...) können. So groß ist seine Macht, die in uns wirkt. 21 Er regiert in Herrlichkeit in seiner Gemeinde – das heißt: in der Gemeinschaft derer, die zu Christus Jesus gehören. Das gilt für alle Generationen auf immer und ewig.

IV.
Liebe Gemeinde,
dieser Abschnitt aus dem sog. Epheserbrief versucht, Antworten zu geben auf die schon genannten Fragen:
- Wer ist mächtiger: der römische Kaiser oder Christus?
- Woher sollte man die Kraft nehmen, Widerstand zu leisten?
- Woher die Gewissheit nehmen, dass die Gemeinschaft im christlichen Glauben mehr Vorteile hat als Nachteile? und
- Was bedeutet diese Gemeinschaft für mich?
Der Predigttext antwortet:
Die angeschriebene Gemeinde, die für viele bedrängte Gemeinden im römischen Reich steht, soll den Mut nicht verlieren. Sie soll sich den Zwängen des Systems widersetzen. Auch wenn einzelne verfolgt werden, ist ihr Einsatz nicht vergeblich.
Unser Paulusschüler selbst hatte sich offenbar geweigert, am lokalen Tempelheiligtum die Knie vor den heidnischen Götterstatuen zu beugen und den Herrschenden zu huldigen. Er wollte seine Knie nur vor Gott selbst beugen. Und dafür wurde er gefangengesetzt. Doch er ist überzeugt: Diese kleinen Akte des Widerstandes sind nicht vergeblich, sondern ziehen Kreise. Sie machen nach innen und nach außen deutlich, dass es jemanden gibt, dessen Macht über der Selbstverherrlichung der Herrschenden steht.

Die römischen Kaiser mögen Städte und Völker erobern und ihnen neue Namen geben. Doch das steht allein Gott zu; er gibt allen Völkern ihre Namen. Als Jerusalem 70 n. Christus von den Römern zerstört wurde, gaben sie der Stadt Gottes später den Namen Colonia Aelia Capitolina: »von Kaiser Hadrian gegründete und drei römischen Göttern geweihte Siedlung«. Und Judäa wurde nach der Eroberung von den Römern in Syria Palaestina umbenannt, nach dem einst im Küstenstreifen beheimateten Volk der Philister.
Die Botschaft unseres Predigttextes lautet also:
1. Sich nicht vor den Tyrannen zu beugen;
2. ihre Anmaßung, anderen Völkern die Namen vorzuschrei-
ben, nicht mitzumachen und
3. nicht auf die Reiterstatue und dessen Maße zu schauen.
Stattdessen soll die Gemeinde auf die Liebe Christi Acht geben und sie in allen ihren Dimensionen erfassen. Sie ist in ihrer Breite, Länge, Höhe und Tiefe nachhaltiger und wirksamer als eine Statue aus Bronze. Sie zieht Kreise. Menschen werden solidarisch, stehen sich gegenseitig bei, teilen Brot und Wein, halten zusammen, weil sie gemeinsam Christus nachfolgen. Und das damals schon seit einem halben Jahrhundert.
Diese umfassende Liebe in der Nachfolge Christi kennt das römische Reich nicht, sondern vor allem Gewalt, Erpressung und die Macht des Stärkeren.
In der römischen Politik, im Militär und in der Gesellschaft haben Nächstenliebe und Solidarität kaum Platz. Um so mehr aber in der wachsenden christlichen Gemeinde. Die erfüllende Wirkung der Liebe Christi, so der Paulusschüler, übersteigt alle Erfahrung und ist ein Zeichen der Gegenwart Gottes. Und dieser Gott hat die Macht, unendlich viel mehr zu tun, als wir von ihm erbitten können. In der Gemeinschaft derer, die zu Christus gehören, ist er allein der Regent. Und das nicht für kurze oder längere Amtszeiten, sondern über alle Generationen hinweg.

V.
Liebe Gemeinde,
Sie merken es, die Tyrannen dieser Welt begegnen uns schon in der Bibel. Ihre Machtfülle macht uns Angst. Sie können unser Leben negativ beeinflussen. Warum sie so viel Unterstützung bekommen, ist uns ein Rätsel. Und doch sind wir als christliche Gemeinde, die andere Werte lebt, nicht machtlos.
Die Tyrannen dieser Welt kommen und gehen und sie können dabei viel kaputt machen. Aber sie gehen wieder – irgendwann. Gott aber bleibt und er hat uns die Idee von der Liebe Christi gegeben; die Idee davon, anders miteinander umzugehen. Gewalt, Erpressung und die Macht des Stärkeren soll unser Zusammenleben nicht bestimmen, sondern Glaube, Liebe, Hoffnung – diese drei.

VI. Schluss
Liebe Gemeinde,
gegen Ende der 80er Jahre wurde die Herrschaft von Kaiser Domitian immer gewalttätiger. Zahlreiche Senatoren fanden auf seinen Befehl hin den Tod. Ein römischer Schriftsteller sprach von ›Terror‹, mit dem er sich viele Feinde machte. Domitian wurde schließlich 96 n. Chr. ermordet. Der von ihm ausgeschaltete Senat hieß den Mord gut und ordnete an, jede Erinnerung an den Kaiser auszulöschen. Auch die monumentale Reiterstatue wurde abgerissen und der riesige Sockel dem Erdboden gleichgemacht.
Domitian trug zum Schluss den beeindruckenden Titel »Imperator Caesar divi Vespasiani filius Domitianus Augustus Germanicus, Pontifex maximus, (...) Imperator, Consul, Censor perpetuus, Pater patriae«. Und auch der Monat Oktober wurde kurzzeitig nach ihm umbenannt und hieß einige Jahre lang ›Domitianus‹.
→ Das alles weiß heut kaum noch einer. Aber Christi Himmelfahrt ist bis heute Feiertag und auch Pfingsten, an dem die junge Kirche den entscheidenden Schub bekam durch den Geist Gottes. Die in den Gemeinden praktizierte Liebe Christi wurden empfunden als ein Gegenentwurf zu den gelebten Werten im römischen Reich.
»Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.« (Phil 4,7)