Predigt · Lukas 14,15–24 · Die große Einladung

Einstieg

[Geste: Wischen über einen imaginären Bildschirm]
Kennen Sie das? Diese Bewegung. Wischen. Oder..
[Geste: Blättern durch einen imaginären Kalender]

… Blättern. Suchen. Irgendwo muss doch noch eine Lücke sein. Nächste Woche? Auch voll. Die übernächste? Da ist die Geburtstagsfeier. Und dann der Samstag: Tanztraining. Wir leben in einer Zeit, in der wir für fast alles einen Termin brauchen. Für den Zahnarzt, für die Freundin, für das Fußballtraining, für die Familienzeit. Das ist auch gut so. Dahinter stecken Menschen, die uns wichtig sind. Dinge, die zählen. Und genau in diese Fülle hinein erzählt Jesus eine Geschichte. Eine Geschichte über eine Einladung. Über einen Tisch, der gedeckt ist. Und über Menschen, die gerade keine Zeit haben.

Textlesung Basisbibel

Wir haben diese Geschichte heute schon gehört in der Sprache der Kinder. Jesus sitzt beim Essen. Mal wieder. Im Lukasevangelium passiert das auffällig oft. Er isst mit den Falschen, zur falschen Zeit, am falschen Ort. Und fast jedes Mal entsteht dabei ein Gespräch, das es in sich hat. Auch dieses Mal. Jesus beobachtet genau, wer wo sitzt und wen man einlädt. Und er sagt: Ladet nicht nur die ein, von denen ihr etwas zurückbekommt. Ladet die ein, die euch nichts zurückgeben können. Das sitzt. Einer am Tisch weicht dem aus und sagt: „Selig, wer im Reich Gottes essen wird.“ Schön gedacht. Und Jesus antwortet mit einer Geschichte.

Ich lese aus der BasisBibel Lukas 14,16-24:

Jesus antwortete: »Ein Mann veranstaltete ein großes Festessen und lud viele Gäste ein. Als das Fest beginnen sollte, schickte er seinen Diener los und ließ den Gästen sagen: ›Kommt, jetzt ist alles bereit!‹ Aber einer nach dem anderen entschuldigte sich. Der erste sagte zu ihm: ›Ich habe einen Acker gekauft. Jetzt muss ich unbedingt gehen und ihn begutachten. Bitte, entschuldige mich!‹ Ein anderer sagte: ›Ich habe fünf Ochsengespanne gekauft und bin gerade unterwegs, um sie genauer zu prüfen. Bitte, entschuldige mich!‹ Und wieder ein anderer sagte: ›Ich habe gerade erst geheiratet und kann deshalb nicht kommen.‹ Der Diener kam zurück und berichtete alles seinem Herrn. Da wurde der Hausherr zornig und sagte zu seinem Diener: ›Lauf schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt. Bring die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Gelähmten hierher.‹ Bald darauf meldete der Diener: ›Herr, dein Befehl ist ausgeführt, aber es ist immer noch Platz.‹ Da sagte der Herr zu ihm: ›Geh hinaus aus der Stadt auf die Landstraßen und an die Zäune. Dränge die Leute dort herzukommen, damit mein Haus voll wird!‹ Denn das sage ich euch: Keiner der Gäste, die zuerst eingeladen waren, wird an meinem Festessen teilnehmen!«

Diesen Text finde ich ganz schön herausfordernd. Er steckt voller Provokation. Drei davon möchte ich heute mit uns genauer anschauen.

Erste Provokation: Das Gottesbild

Dieser Text zeigt uns einen Gott, den ich mir erstmal nicht ausgesucht hätte. Einen Gott, der zornig wird. Der sich ärgert. Der fast verzweifelt klingt, wenn er sagt: Damit mein Haus voll wird. Wir hätten wahrscheinlich lieber einen Gott, der gelassen über allem steht. Ein Gentlemen, der souverän wartet.  Der sich durch nichts aus der Ruhe bringen lässt. Aber das ist nicht der Gott, den wir hier treffen.

Ich weiß nicht wer von Ihnen und euch schonmal im Gemeindesaal der Reformierten Gemeinde in Göttingen war. Ich hab dort viele Jahre ehrenamtlich eine ökumenische Jugendgemeinde mitgeleitet. Einmal saß ich in diesem Raum auf dem Boden. Freitagabend. Zeit für den Jugendgottesdienst. Alle Konfis aus dem Göttinger Umland waren eingeladen, alles vorbereitet. Stühle gestellt, Snacks bereit, die Band nach mehreren Proben startklar, Herz dabei. Und dann: niemand. Es kam einfach niemand. Ich hab mich auf den Boden fallen lassen und gedacht: Was ist denn hier los? Wieso ist denn heute keiner hier? Wir waren enttäuscht. Und ja, auch ein bisschen zornig. Und dann haben wir uns im Team gefragt. War es das wert? Warum tue ich mir das an? Vielleicht einfach aufhören.

Klingt das bekannt? Irgendwann schützt man sich. Man lässt es nicht mehr so nah ran. Der Zorn verebbt. Und die Leidenschaft manchmal auch. Und genau da ist der Unterschied zu dem Hausherrn in dieser Geschichte. Er lässt sich bewegen. Er ärgert sich.  Und der Zorn lähmt ihn nicht, er treibt ihn an. Er schickt den Diener weiter. Immer weiter. Weil ihm dieser Abend, diese Menschen, diese Gemeinschaft wirklich am Herzen liegen.

Was uns kalt lässt, sagt viel über uns aus. Was uns ärgert, auch. Wir ärgern uns über das, was uns wichtig ist. Über den Stau, wenn wir pünktlich sein wollen. Über das Missverständnis mit einem Menschen, der uns etwas bedeutet. Über den leeren Gemeindesaal, wenn man wirklich glaubt, dass da etwas Wichtiges passiert wäre. Und Gott ärgert sich. Weil wir ihm wichtig sind. Weil ihm dieser Tisch, diese Gemeinschaft, dieses Zusammensein wirklich etwas bedeutet. Das ist Leidenschaft. Dieser Zorn verwandelt sich in Bewegung. In Sturheit. In aktive, suchende Liebe. Gott ärgert sich. Weil er liebt.

Zweite Provokation: Ich und meine Entschuldigungen

Die Absagen in dieser Geschichte kommen aus dem ganz normalen Leben. Das ist das Herausfordernde. Feld, Ochsen, Hochzeit, alles das sind vernünftige Gründe. Das ist das Leben, das uns wichtig ist. Arbeit, Besitz, Familie. Und genau da sitzt die Provokation. Weil wir uns wiedererkennen.
Ich erkenne mich wieder. Der volle Kalender braucht keine Entscheidung gegen Gott.  Zu schnell ist er mit anderen Prioritäten angefüllt. Dabei geht es gar nicht um bösen Willen. Die Menschen im Text haben echte Gründe. Der Acker ist neu gekauft, die Ochsen müssen getestet werden, die Hochzeit ist gerade erst. Das sind Dinge, die zählen. Und trotzdem verpassen sie den Abend.

So provoziert der Text und fragt: Wo bin ich gerade? Was entschuldige ich gerade weg? Welche Prioritäten setze ich? Was bekommt bei mir einen festen Platz? Und dann zeigt der Text, was passiert, wenn jemand kommt. Die neuen Gäste kommen von den Straßen, aus den Gassen, von den Rändern der Stadt. Sie werden geholt, fast genötigt. Und dann sitzen sie da. Und: „Die Freude der Gäste glitzerte aus allen heraus.“ Diese Freude bricht aus Menschen heraus, die mit diesem Tisch nie gerechnet haben. Sie sind erwartet worden. Sie gehören dazu, an diesem Abend, an diesem Tisch, mit diesen Menschen.
In der Kinderbibel haben wir heute gehört: „Ich glaube, bei uns am Tisch sitzt Gott.“ Und das ist das Schönste an diesem Text. Nicht die Absagen, nicht der Zorn – sondern dieser Moment. Wenn jemand kommt. Wenn jemand sitzt. Wenn die Freude glitzert. Das gibt etwas zurück, das der volle Kalender manchmal still und leise wegnimmt. Das Gefühl: Ich bin gesehen. Ich zähle hier. Ich bin hier und das ist gut. Das ist es, was an diesem Tisch passiert. Immer wieder. Wenn wir kommen. Gott fragt nicht nach dem Kalender. Er sagt: Kommt, jetzt ist alles bereit“

Dritte Provokation: Gött hört nicht auf. Und wir gehen mit.

Und dann kommt der Diener zurück und sagt: Es ist noch Raum da. Dieser Satz steckt voller Sturheit. Voller Trotz. Dieser Tisch wird voll. Egal wie viele absagen. Egal wie lange es dauert. Damit mein Haus voll wird. Das ist ein echter, tiefer Wunsch. Gott, der sich etwas wünscht. Der wartet. Der nicht aufhört. Der Diener wird zweimal losgeschickt. Immer weiter. An die Straßen, in die Gassen, an die Zäune. „Kommt, es ist alles bereit.“

Das ist auch eine Provokation an uns. Denn wir sind nicht nur Gäste an diesem Tisch. Wir sind auch die, die losgeschickt werden. Die fragen: Kommst du? Da ist Platz für dich.
Wer sind diese Menschen heute? Das ist die Frau, die seit zwanzig Jahren ferngeblieben ist und sich heute morgen trotzdem hierher getraut hat. Das ist der Mann, der allein lebt und heute das erste Mal in dieser Woche mit anderen Menschen am Tisch ist. Das ist der Jugendliche, der mitgekommen ist weil seine Oma ihn gebeten hat und der noch gar nicht weiß, was er hier soll.
Diese Menschen warten darauf, dass jemand fragt. Dass jemand sagt: Komm mit. Da ist Platz für dich. Und meistens braucht es dafür keine große Geste. Nur eine Frage. Einen Satz. Eine offene Hand.

Nächste Woche feiern wir zum ersten Mal einen Friday Night Dinner Service. At the Table. Ein Gottesdienst mit Abendessen. Ein gedeckter Tisch mit Zeit für Gemeinschaft. Und ich frage mich und frage uns: Nehmen wir uns da Zeit gemeinsam miteinander Leben zu teilen? Wer sitzt da? Kommen wir unter uns zusammen, dieselben Gesichter, derselbe Kreis? Und gibt es neue Gäste? Überraschend, unerwartet.
Und ich liebe es, dass im Vorbereitungsteam schon drüber nachgedacht wird, was ist, wenn der Gemeindesaal voll ist!? Da geht was! Wen haben wir noch gar nicht gefragt, weil wir dachten, der oder die kommt sowieso nicht? Vielleicht ist jetzt der Moment. Das ist es, wozu dieser Text uns einlädt. Ankommen. Und andere mitnehmen. Gott hört nicht auf. Und wir gehen mit.

Schluss: drei Einladungen

Heute feiern wir Abendmahl. Dieser Tisch ist für die Ausgegrenzten, die Gestressten, für die, die sich ganz durchschnittlich fühlen, die Glücklichen, die Müden. Das Brot, der Wein, das ist Nahrung für heute. Für diesen Tag, diese Woche, dieses Leben. Wir bringen uns selbst mit. Unsere vollen Kalender, unsere Erschöpfung, unsere Entschuldigungen und unsere Träume. Das alles kommt mit. Und Gott sitzt mit uns am Tisch. Hört zu. Richtet auf. Versorgt. Das ist es, was Gottes Gegenwart tut.

Und ich glaube, Gott spricht uns heute dreifach an.
Dieser Gott, der sich ärgert, der wartet, der sich wünscht dass sein Haus voll wird, der sagt: Mir liegt wirklich etwas daran, ob du kommst. Komm.
Dieser Gott, der die Absagen kennt, der weiß wie voll unser Leben ist, der sagt: Hier ist Zeit. Komm so wie du bist. Komm.
Dieser Gott, der seinen Diener immer weiter losschickt, der nicht aufhört, der sagt: Geh hinaus. Es ist noch Raum da. Bring jemanden mit. Komm.