• Predigt
»Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.« (Röm 1,7) Amen.
I.
Liebe Gemeinde,
es ist nicht leicht, die Ereignisse von Karfreitag zu verstehen. Jesus stirbt am Kreuz – und ausgerechnet dieser Tod soll mehr Versöhnung und Frieden in die Welt gebracht haben? Was hat der Tod eines jüdischen Wanderpredigers vor 2000 Jahren mit unserer Wirklichkeit heute zu tun?
Zur Beantwortung dieser schwierigen Frage möchte ich auf einen Schriftsteller zurückgreifen, der vor 100 Jahren auf Helgoland geboren wurde. Wir ahnen schon, wer 1926 das Licht der Welt erblickte, für den begann mit 13 Jahren der Zweite Weltkrieg. Mit 15 erlebte unser Schriftsteller die Bombardierung seiner geliebten Insel in der Deutschen Bucht. Zusammen mit anderen Kindern wurde er auf’s Land verschickt – zuerst nach Thüringen, dann nach Sachsen. Nach der Schule war es sein Wunsch, Lehrer zu werden. Doch daraus wurde nichts. Auf dem Höhepunkt des Krieges meldete sich freiwillig zur Luftwaffe und erlebte das Kriegsende in Aussig im Sudetenland. Von dort erreichte er zu Fuß und mit dem Fahrrad Cuxhaven, wo seine Eltern untergekommen waren.
Schon früh hat sich unser Schriftsteller, der einer der bekanntesten Kinderbuchautoren seiner Zeit werden sollte, mit dem auseinandergesetzt, was er in seiner frühen Jugend erleben musste: Krieg, Kinderlandverschickung, Einsatz an der Front, Niederlage und Flucht. Zudem war er homosexuell, was damals schon bei Verdacht hart bestraft wurde – bis hin zum Konzentrationslager.
Unser Schriftsteller war 19, als er die Nazis und den Krieg überlebt hatte. Viele seiner Erzählungen und Romane beschäftigten sich mit Erfahrungen aus dieser Zeit: Gewalt erlebt zu haben, ausgegrenzt und bedroht zu sein, mundtot gemacht zu werden. Sein berühmtestes Werk trägt den Titel »Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen«. Einige werden jetzt den Namen des Schriftstellers erinnern: James Krüss oder wie man ihn in seiner Helgoländischen Heimat ausgesprochen hat: Jämes Jacob Hinrich Grüss.
1959 hat James Krüss das Kinderbuch »Mein Urgroßvater und ich« veröffentlicht. Darin gibt es eine Geschichte um den Jungen Blascho, der als einziger in seiner Gegend lesen und schreiben lernt, weil er lieber ›klug werden‹ wollte, anstatt wie die anderen Jungen nur den Umgang mit dem Gewehr zu üben. Und diese Geschichte geht so:

II.
In Montenegro, einem Land voller schroffer Berge, lebte vor langer Zeit ein Junge namens Blascho Brajowitsch... [aus urheberrechtlichen Gründen wird die Geschichte von James Krüss hier nicht wiedergegeben; sie findet sich unter anderem in: https://www.materialboerse.ejo.de/wp-content/uploads/2015/01/Plote-Gebote_Material.pdf und kann dort auf den Seiten S.23f nachgelesen werden.]

III.
So weit die Geschichte von James Krüss, liebe Gemeinde.
Sie erzählt, wie schwer es ist, zum Frieden zu finden, und wie leicht es sein kann, wenn einer anfängt. Die Geschichte spielt in einer fremden, vergangenen Zeit und doch stehen uns heute viele Beispiele vor Augen, wo der einmal entfachte Krieg nicht mehr zur Ruhe gekommen ist: Afghanistan, Kongo, Somalia, Sudan, Myanmar, Kolumbien, Ukraine.
Wir denken aber auch an den Iran-Krieg, der vor 5 Wochen törichterweise begonnen wurde als ein schneller »Enthauptungschlag« unter dem Motto »Epic fury«, was man mit »beispiellose Vergeltung« übersetzen kann. Der völkerrechtswidrige Schlag erfolgte ohne internationale Absprache, ohne Plan, ohne Blick für die weltwirtschaftlichen Folgen. Der Schlag gegen die iranische Führung hat sich zu einem regionalen Krieg ausgeweitet.
Es kam zu Angriffen auf Israel, Jordanien, Libanon, Syrien, Kuwait, Saudi-Arabien. Und selbst Dubai hat durch die iranische Gegenwehr sein Image als ›unantastbares Paradies‹ verloren. Die ›Stadt der Superlative‹, der Luxusbauten, der Steuerflüchtlinge und der Sehnsuchtsort vieler Urlauber und Influencer hat sich über Nacht zu einem Alptraum entwickelt. Und eine kleine Meerenge könnte die Weltwirtschaft in die Knie zwingen mit jahrelangen Folgen für Milliarden Menschen.
»Epic fury«, »beispiellose Vergeltung« – wie kann man unter diesem Titel einen Krieg beginnen und nicht ahnen, wo das hinführen wird?

IV.
Liebe Gemeinde,
heute ist Karfreitag. Jesus wurde an diesem Tag von der römischen Provinzverwaltung in Judäa gekreuzigt. Das, was er lehrte und vorlebte, passte nicht zu den Werten, die die damalige Weltmacht der Römer den besetzten Provinzen auferlegte: Gehorsam gegenüber dem Staat und dem gottgleichen Kaiser, harte Abschreckung bei Verstößen, das Recht des Stärkeren, Versklavung von Menschen, Begünstigung von Mitläufern und Korruption, Absicherung und Ausweitung des römischen Weltreiches.
Jesus dagegen lehrte seine Jünger etwas anderes: »Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein.« (Mt 20,26). Wahre Größe zeigte sich für ihn im Dienst am Nächsten, nicht in der Herrschaft über andere.
Jesus suchte die Gemeinschaft mit den Ausgestoßenen der Gesellschaft. Denn für ihn waren vor Gott alle Menschen gleich. »20 Glückselig seid ihr, die ihr arm seid«, predigte er. »Denn euch gehört das Reich Gottes. 21 Glückselig seid ihr, die ihr jetzt hungert. Denn ihr werdet satt werden. Glückselig seid ihr, die ihr jetzt weint. Denn ihr werdet lachen. 22 Glückselig seid ihr, wenn die Menschen euch hassen, aus ihrer Gemeinschaft ausschließen, beschimpfen oder euren Namen in den Schmutz ziehen.« (Lk 6,20-22)
Jesus predigte Vergebung und nicht Vergeltung: »Wenn dich einer auf die rechte Backe schlägt, dann halte ihm auch die andere hin.« (Mt 5,39).
Jesu Ziel war das »Reich Gottes«, das »nicht von dieser Welt« ist.
Und Menschen, die den Kaiser als gottgleich verehren sollten, hielt er entgegen: »Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.«
→ Die Römer bauten auf das Recht des Stärkeren, Jesus auf die Stärke der Sanftmütigen (Mt 5,5).
Kein Wunder also, dass die Römer den Wanderprediger aus Galiläa als eine Gefahr einstuften. Mit seiner Verkündigung und seinem Vorbild stellte er die Grundwerte der römischen Besatzung in Judäa infrage.
Deshalb mussten die Römer in ihrer Logik solche gefährlichen Gedanken vorsorglich bekämpfen. Und so geriet Jesus mit Unterstützen von Mitläufern in ihre Fänge und schließlich ans Kreuz.
Normalerweise wurden Opfer der römischen Besatzungspolitik schnell vergessen. Niemand erinnerte sich mehr an sie.
Anders ist es bei Jesus. Zum einen, weil er durch Gott von den Toten auferweckt wurde, und zum anderen, weil er Dinge gesagt hat, die seine Anhänger*innen in einer römisch dominierten Welt noch lange beschäftigt haben.
In Erinnerung blieb ihnen u.a. folgende Predigt:
»43 Ihr wisst, dass es heißt: ›Liebe deinen Mitmenschen; hasse deinen Feind.‹ 44 Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für alle, die euch verfolgen. 45 So erweist ihr euch als Kinder eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne scheinen auf böse Menschen wie auf gute, und er lässt es regnen auf alle, ob sie ihn ehren oder verachten. 46 Wie könnt ihr von Gott eine Belohnung erwarten, wenn ihr nur die liebt, die euch ebenfalls lieben? Das tun auch die Betrüger! 47 Was ist denn schon Besonderes daran, wenn ihr nur zu euresgleichen freundlich seid? Das tun auch die, die Gott nicht kennen! 48 Nein, wie die Liebe eures Vaters im Himmel, so soll auch eure Liebe sein: vollkommen und ungeteilt.« (Mt 5,43-48).

V.
Liebe Gemeinde,
James Krüss, der als Teenager 6 Jahre lang Krieg erlebt hat, war tief beeindruckt von solchen Worten. Das zeigt er in seiner Erzählung vom Knaben Blascho.
Wie oft haben wir gefragt, wer oder was die Spirale der Gewalt durchbrechen kann? Wie kann wieder Frieden entstehen? Muss immer erst Blut vergossen werden, bevor dann die Kriegsparteien erschöpft und zähneknirschend Frieden schließen?
Der Knabe Blascho war beeindruckt von Jesus, der mit einfachen Worten die Feindesliebe predigte. Er war davon beeindruckt, dass Jesus sagte: »Selig sind die Friedensstifter!« Er hat gespürt, dass diese Worte die Spirale der Gewalt durchbrechen. Er hat gespürt, dass mit Jesus etwas Neues angebrochen ist. Und das hat ihm wohl auch die Kraft gegeben, im entscheidenden Moment zu schweigen und das Unrecht hinzunehmen – damit Friede werde!
Er war bereit, sich zu opfern – damit Versöhnung und Frieden (Kol 1,20) möglich werden!
Und so schauen wir nach Golgatha – an diesem Karfreitag. Wir schauen auf das Kreuz – inmitten einer Welt, in der die Gewalt kein Ende finden will. Wir schauen auf das Kreuz – inmitten einer Welt, in der Menschen Tag für Tag aneinander schuldig werden – in Gedanken, Worten und Werken. Wir spüren, wie wir mitten drin sind in diesem verhängnisvollen Geschehen.  
Und doch gilt für jede und jeden von uns: Er hat sich dahingegeben für unsere Schuld – damit wir Frieden finden!
Das Kreuz Jesu ist das Zeichen menschlicher Gewalt und Schuld. Und es ist zugleich Zeichen dafür, dass das Verhängnis von Gott her durchbrochen ist. Es ist die Botschaft, die uns sagt: Hört auf mit euren blutigen Opfern! Lasst euch von ihm, von Jesus Christus, hineinführen in den

»Frieden Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, dieser Friede bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.« (Phil 4,7). Amen.