Liebe Schwestern und Brüder,
liebe Gemeinde,

Wir suchen nach Licht und stehen in der Dunkelheit.
Wir suchen nach Wahrheit und wenden unser Gesicht zu dir.
Lass uns doch dein heiliges Volk sein,
durch das dein Licht für alle scheint!

Wir suchen nach Frieden, denn die Welt ist im Aufruhr.
Wir suchen nach Hoffnung, denn viele sind verunsichert.
Dein Wort hat Kraft, um uns zu heilen.
Lass uns in dieser Welt deine lebendige Stimme sein!1

In den Worten, die wir gerade gesungen haben, steckt eine Suchbewegung. Menschen sind verunsichert, Ihnen ist die Orientierung genommen, und sie wenden sich an Gott. Bei aller Unsicherheit und vorsichtigem nach vorne tappen, steckt in den Versen aber auch ein ganz großes Vertrauen. Die Menschen, die hier singen, trauen Gott zu, dass er in der Dunkelheit zu ihnen tritt und sich sehen lässt. Sie trauen Gott zu, dass er sie führen und ihnen einen Weg zeigen wird. Und sie trauen Gott auch zu, dass er sie in Bewegung setzt. Er wird sein Licht durch sie scheinen lassen und sie zu seiner Stimme machen.
Mit zaghaftem Vertrauen erinnern diese Verse Gott an seine Verheißung, deren Zutreffen jetzt in der Dunkelheit so schwer zu erkennen ist. „Hast du uns nicht schon als dein heiliges Volk angenommen? Hast du nicht deinen Bund mit uns und unseren Nachkommen geschlossen?“ Die Singenden können Gott an seine Verheißung erinnern und appellieren an sein Treue. Und das ist vielleicht der Grund, warum sie in der Dunkelheit das Vertrauen finden, sich Gott zuzuwenden.
Die Verse dieses Liedes erinnern mich an manche Psalmen Israels und vielleicht auch an die Klagelieder im Alten Testament.

Machen wir an dieser Stelle einen Sprung. Wir sind im Jahr 597 vor Christus. Nach dem Sieg des Neubabylonischen Reiches über Juda und der Zerstörung des Temples in Jerusalem wurde ein großer Teil der Bevölkerung nach Babylon verschleppt. Die Menschen wurden dadurch ihrer Heimat beraubt. Manche unter uns wissen vielleicht, was es heißt, unter Zwang seine Heimat verlassen zu müssen! Für die Israeliten damals bedeutet das auch einen Bruch mit Gott. Ihre Beziehung und ihre Verbindung zu Gott ist gestört. Hatte er selbst denn nicht dem König Salomo geboten, ihm, dem Gott Israels, ein Haus zu bauen? Hatte Gott selbst nicht in Jerusalem einen Tempel bauen lassen, in dem er fortan für immer in der Mitte seines Volkes wohnen wollte? Vom Tempel waren nur noch Trümmer übrig. Wo war Gott also jetzt? Gab es noch einen Ort, an dem man ihm begegnen konnte? Wo sollte man hingehen, um ihm nahe zu sein?
Und wenn Gott Abraham und seine Nachkommen als sein geliebtes Volk auserwählt hatte, wie konnte es dann sein, dass er anderen den Sieg über Israel ermöglicht? Wie konnte es sein, dass die Ordnung der Welt, die doch von Gottes Willen durchdrungen ist, so aus den Fugen gerät, dass fast nichts mehr so ist, wie es die Menschen über lange Zeit geglaubt haben? In der tiefen Verunsicherung verlieren die Israeliten nicht ganz ihren Glauben. Aber die drängende Frage ist: Wie können die Verheißungen, die Gott uns gegeben hat, in dieser Situation dennoch Raum gewinnen? Wie können die Verheißungen erfüllt werden in einer Realität, die sich ganz und gar gegen sie zu stellen scheint? Auf welchem Weg wird wahr, was Gott versprochen hat, und woran können wir es erkennen?

Diese verunsichert suchende, zaghaft vertrauende und herausfordernd fragende Klage der Israeliten wird gehört. Gott spricht zu ihnen und gibt eine Antwort. Sie steht im Jesajabuch im 55. Kapitel aufgeschrieben und bildet den Abschluss einer langen Reihe von Prophetenworten für das Volk Israel im Exil.
Sucht den Herrn, da er sich finden lässt,
ruft ihn, da er nahe ist!
Der Frevler verlasse seinen Weg
und der Mann des Unheils seine Gedanken,
und zum Herrn kehre er zurück,
dann wird dieser sich seiner erbarmen,
zu unserem Gott,
denn er ist reich an Vergebung.

Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken,
und eure Wege sind nicht meine Wege, Spruch des Herrn,
denn so hoch der Himmel über der Erde ist,
so viel höher sind meine Wege als eure Wege
und meine Gedanken als eure Gedanken.
Denn wie der Regen und der Schnee herabkommen vom Himmel
und nicht dorthin zurückkehren,
sondern die Erde tränken
und sie fruchtbar machen und sie zum Spriessen bringen
und Samen geben dem, der sät,
und Brot dem, der isst,
so ist mein Wort, das aus meinem Mund hervorgeht:
Nicht ohne Erfolg kehrt es zu mir zurück,
sondern es vollbringt, was mir gefällt,
und lässt gelingen, wozu ich es gesandt habe.
Denn mit Freude werdet ihr ausziehen,
und in Frieden werdet ihr geleitet.
Was tut Gott hier? Worin besteht seine Antwort? Gott hält den suchenden Menschen sein Wort entgegen. Es ist ein neues Wort, das in die augenblickliche Situation und Gegenwart der Menschen hineingesprochen ist! Gott erinnert nicht einfach nur an das, was er vor Zeiten gesagt und den Vätern und Müttern verheißen hat. So als reiche es aus, daran zu erinnern: Ich habe es doch gesagt. Es ist so, wie ich es einmal gesagt habe, und ihr dürft einfach nicht aufhören daran zu glauben. Es wird schon wahr werden, woran ihr seit Generationen glaubt. – Nein! Gottes Wort geschieht in der Gegenwart. Es ist in die Situation der Menschen hineingesprochen. Und es hat Kraft, die Realität zu verändern. Es ist keine fromme Ermahnung und auch keine kluge Lehre, sondern es ist eine Kraft Gottes, die in die Welt hineingeht und das Leben verändert.
Gott spricht durch einen Propheten. Auch darin ist eine Veränderung spürbar. Propheten hatte es zwar schon vor dem Exil gegeben, aber in dieser Situation wird ganz deutlich: Gott braucht keinen Tempel, um unter den Menschen lebendig zu sein. Er kann direkt zu ihnen sprechen an jedem Ort und zu jeder Zeit. Gott ist gegenwärtig durch sein Wort, das zu uns spricht. Er tritt uns entgegen und wird zum Gegenüber. Er spricht zu uns, und wir müssen uns dazu verhalten. Nicht alte Lehren, so wertvoll sie sein mögen, sind Gottes Antwort, sondern gegenwärtig herausfordernde uns ansprechende Worte.

Machen wir uns bewusst, was in den Worten des Propheten steckt:
Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken,
und eure Wege sind nicht meine Wege, Spruch des Herrn,
Ich bin so dankbar für dieses Wort! Wie hoffnungslos furchtbar verloren wäre unsere Welt, wenn all das Geschwätz, die Anmaßungen und Überheblichkeiten, die die Mächtigen täglich über ihre social-media Kanäle verbreiten auch nur irgendetwas mit dem gemein hätten, was Gott uns zu sagen hat und was er für seine Erde will!
Im Hebräischen bedeutet „Gedanke“ noch mehr, als das, was wir oder Gott so denken. Im Gedanken steckt immer die Absicht drin, von der der Denkende geleitet wird. Der Gedanke ist auch der Plan, den jemand verfolgt, so etwas wie ein Entwurf von dem, was geschehen soll. 2 Zum Gedanken gehört daher der Weg, auf dem die Absicht umgesetzt wird. Gedanke und Weg, Idee und Ausführung lassen sich in Gottes Wort kaum trennen. Wir hören das im Schöpfungsbericht, wenn es heißt: Gott sprach: es werde Licht. Und es ward Licht. Und Gott sprach: Es lasse die Erde Gras aufgehen und Kraut, das Samen bringt, und fruchtbare Bäume, die ein jeder nach seiner Art Früchte tragen, in denen ihr Same ist auf der Erde. Und es geschah so.
Um uns zu zeigen, wie seine Gedanken wirken, benutzt Gott Bilder aus der Natur. Sie sind ganz konkret aus dem Alltag genommen, den wir Menschen erleben:
Denn wie der Regen und der Schnee herabkommen vom Himmel
und nicht dorthin zurückkehren,
sondern die Erde tränken
und sie fruchtbar machen und sie zum Sprießen bringen
und Samen geben dem, der sät,
und Brot dem, der isst,
so ist mein Wort, das aus meinem Mund hervorgeht:
Nicht ohne Erfolg kehrt es zu mir zurück,
sondern es vollbringt, was mir gefällt,
und lässt gelingen, wozu ich es gesandt habe.

Gott sendet Schnee und Regen. Er feuchtet die Erde von oben her. Er macht die Erde fruchtbar. Er lässt es wachsen, so dass die Erde Samen gibt und Brot zu essen. Schnee und Regen fallen nicht vergeblich auf die Erde. Sie lassen neues Leben entstehen.
Genauso ist Gottes Wort. Es ist nicht vergeblich, nicht einfach nur gesagt. Es ist keine hohle Prahlerei, kein Bluff, um irgendjemanden zu beeindrucken. Es ergeht sich nicht darin, sich selbst zu gefallen, durch starke Sätze und geschliffene Sprache. Das können Menschen tun. Aber sie können niemals Gottes Wort erreichen. Gottes Wort bekommt seine Kraft dadurch, dass er es ist, der spricht. Gottes Wort wirkt, weil er sein Versprechen gibt, das es nicht leer zu ihm zurückkommen wird, sondern tun, was ihm gefällt.
Wenn man es genau nimmt, dann ist das auch der Grund, warum ich jetzt hier stehe. Natürlich, Sie haben mich eingeladen. Und ich habe diese Einladung gerne angenommen. Ich stehe gerne hier. Aber dass Gottes Wort unter uns wirkt, kann keiner von uns machen. Es liegt nicht in unserer Hand, das zu erreichen, auch wenn wir uns mit unseren Mitteln darum bemühen. Gottes Wort wirkt nicht aus der Kraft der Menschen heraus, die es verkündigen. Das ist immer so, wenn Gottes Botschaft in der Gemeinde weitergeben wird – im Sonntagsgottesdienst, auf der Seniorenfreizeit oder beim Erzählen einer Bibelgeschichte bei der „Reforminis“. Gottes Wort wirkt nicht durch uns, sondern es wirkt durch ihn. Und wir dürfen darauf vertrauen. Weil ich vertraue, dass Gott auch durch mich sprechen kann, deshalb rede ich.

In der Geschichte Israels hat Gottes Wort viel bewirkt. Nach etwa 60 Jahren durften die Gefangenen aus dem Exil in ihre Heimat zurückkehren. Gott hat einen neuen Anfang gesetzt. Dabei ist das neue Leben im vertrauten Land zunächst nicht einfach gewesen. Jede Zeit hat ihre eigenen Herausforderungen. Aber die Menschen haben Steine übereinandergesetzt und Häuser gebaut. Sie haben Äcker bestellt und Kinder großgezogen. Das Leben in Israel konnte weitergehen. Und nach anfänglichen Schwierigkeiten wurde sogar wieder ein Tempel gebaut.
Was bedeutet das für uns heute? Wie wirkt das Prophetenwort aus dem Buch Jesaja unter uns? Gottes Wort spricht auch in unsere Gegenwart hinein. Die Frage ist: Wie können auch wir als christliche Gemeinde gut 2500 Jahre nach dem Propheten Jesaja ein heiliges Volk sein, durch das Gottes Licht für alle scheint? Wie werden wir in dieser Welt zu seiner lebendigen Stimme? Auch uns ist aufgegeben, die Verheißung weiterzutragen und Zeugen sein für die Menschen, die nach Gott suchen, Zeugen zu sein für jene, die sich in der Gegenwart danach sehnen, dass Gottes Reich erkennbar wird.

Um zu begreifen, was das konkret für die Gemeinde bedeuten kann, hilft mir noch einmal das Lied, das wir gesungen haben:

Wir suchen nach Nahrung, denn viele sind hungrig.
Wir suchen nach Wasser, denn viele sind durstig.
Lass uns dein Brot sein gebrochen für andere,
unter allen geteilt, bis alle satt sind.

Wir suchen nach Schutz, denn viele haben keine Wohnung.
Wir suchen nach Wärme, denn viele frieren in der Kälte.
Lass uns dein Haus sein, das andere schützt,
gemauert aus lebendigen Steinen.

Es gibt viele Menschen mit vielen Gaben.
Viele sehnen sich danach, dazuzugehören.
Lass uns einander dienen
als Zeichen dafür, dass dein Reich kommt.

Diese Verse geben mir Bilder dafür, wie es sein kann, wenn wir uns von Gottes Wort bewegen lassen - wenn wir uns aufmachen, um seine lebendige Stimme zu sein. Ich wünsche mir eine Gemeinde, die sich von diesen Bildern leiten lässt und sie mit ihrem Leben erfüllt. Ich wünsche mir ein Teil dieser Gemeinde zu sein und das meine dazu beizutragen, dass sie Gottes Botschaft in dieser Stadt unter den Menschen spürbar sein lässt. Ich wünsche mir eine Gemeinde, die Gott das zutraut und sich von ihm inspirieren lässt. Ich wünsche mir eine Gemeinde, die aus seinem Wort lebt.
Und der Refrain des Liedes ist ein Gebet, das Jesus Christus als den Herrn seiner Kirche um seine Kraft bittet.
Jesus, sei du unser Licht!
Scheine in unseren Herzen!
Scheine in der Dunkelheit!
Sei unser Licht und scheine in deiner Kirche,
die sich heute um dich versammelt.
Amen.