• Predigt
»Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.« (Röm 1,7) Amen.

Liebe Gemeinde,
wir haben den Predigttext vorhin gehört. In ihm geht es um eine ›Dienstanweisung‹ für die Kirchenältesten in Kleinasien. Die christlichen Gemeinden dort haben die erste Phase der Gründung und des Aufbaus hinter sich. Sie haben jetzt schon eine gewisse Größe erreicht und werden von mehreren Ältesten geleitet. Diese Ältesten heißen auf griechisch ›Presbyter‹. Und so heißen auch heute noch bei uns die Mitglieder des Presbyteriums.
An sie ist also der Brief gerichtet. Denn diese Ältesten leiten die Gemeinden und sind zugleich das Gesicht der Gemeinde. Sie stehen somit in der Öffentlichkeit für die Werte dieses neuen Glaubens.
Das ist deshalb wichtig, weil im Umfeld der Gemeinden andere Werte vorherrschten. Das waren in der Regel römische Werte. Hier stand die Verehrung des jeweiligen Kaisers im Zentrum. Und daraus abgeleitet galten Werte wie Tapferkeit, Erfolg, Stolz, Respekt, Gehorsam, Pflicht, Ehre, Tradition und Autorität. Neuen Ideen (res novae) stand die römische Gesellschaft eher skeptisch gegenüber und verband sie mit Chaos und Gewalt. Neue Ideen wurden kritisch beäugt und nicht selten bekämpft und verfolgt.
Die römischen Provinzstädte, in denen die Christen in Kleinasien lebten, waren hierarchisch organisiert mit einem Statthalter an der Spitze. Mit dieser Struktur sicherten die Römer die militärische und zivile Kontrolle; sie trieben Steuern ein und sorgten für die Durchführung des Kaiserkultes.
Die jungen christlichen Gemeinden dagegen lehnten den Kaiserkult ab und hatten eine andere Idee für den Aufbau ihrer Kirche. Der Petrusbrief bringt das deutlich zum Ausdruck:
Nicht fremde Statthalter sollen die Ältesten sein, sondern Hirten, die für ihre Herde verantwortlich sind; die nicht dem Kaiser gegenüber ihre lukrative Pflicht erfüllen, sondern Gottes Auftrag bereitwillig und unentgeltlich wahrnehmen.
Sie sollen sich nicht wie die Statthalter und ihre Zollbeamten bereichern, sondern ihren Dienst mit selbstloser Hingabe ausüben. Sie sollen nicht Herren der Gemeinden sein, sondern ein Vorbild für die Gemeindeglieder.
Wenn die Ältesten ihr Amt so verstehen, erhalten sie zwar keinen Siegeskranz aus Lorbeer wie siegreiche Feldherren, Sportler und Dichter. Sondern sie werden gekrönt mit einem Siegeskranz unvergänglicher Herrlichkeit.
II.
Liebe Gemeinde,
wir hören in unserem Predigttext überall kritische Anspielungen auf römische Werte und Traditionen. Das gilt bis hin zur Kleiderordnung. Der Petrusbrief empfiehlt: »Kleidet [ἐγκομβώσασθε] euch in Bescheidenheit!« (V.5). Hier klingt im Griechischen das Sklavengewand [ἐγκομβώμα] mit. Älteste der Gemeinden sollen sich also nicht wie Herren benehmen, die ihren Status zur Schau stellen, sondern wie Sklaven, die einer höheren Sache dienen.
Und vor allem ein Wert ist es, der im Petrusbrief als Gegensatz zu den römischen Werten genannt wird – die Demut. Hergeleitet wird sie aus Sprüche 3,34:
»Den Hochmütigen stellt sich Gott entgegen, aber den Demütigen schenkt er Gnade.« (2x)
Das Wort ›Demut‹ ist heute ein wenig aus der Mode gekommen.
Demut wird häufig verwechselt mit »Kleinmut, Unterwürfigkeit, Duckmäusertum, Schwäche oder Feigheit.
Die eigentliche Bedeutung der Demut erschließt sich vom Lateinischen her. Auf Latein heißt Demut ›humilitas‹. Dieses Wort hängt wiederum mit dem lateinischen Wort ›humus‹ zusammen, was ›Erde‹ oder ›Boden‹ bedeutet.

Demut meint den Mut, die eigene Erdhaftigkeit anzunehmen; den Mut, sich damit auszusöhnen, dass wir Menschen von der Erde genommen sind und zur Erde zurückkehren. Demut ist der Mut, zu akzeptieren, dass wir Menschen von Fleisch und Blut sind, mit Stärken und Schwächen, mit Wünschen (...) und (...) Bedürfnissen. Wer demütig ist, hat den Mut, anzuerkennen, dass unser irdisches Leben begrenzt und vergänglich ist.«
(aus: https://www.haus-hoheneichen.de/beten-in-demut-und-grossmut/)

III.
Eine solche Haltung der Demut legt der Petrusbrief den Presbytern in Kleinasien ans Herz: So sollt Ihr die Gemeinde leiten. So wie auch Jesus sein Amt verstanden und gelebt hat, nämlich als Diener der Menschen. Als Diener der Mühseligen und Beladenen, die im römischen Reich an den Rand gedrängt sind und die drohen, ganz unter die Räder zu kommen.

Die christliche Gemeinde soll ein Raum sein,
- wo die freie, faire Rede noch möglich ist,
- wo Mächtige den Apparat nicht nutzen können,
um Kritiker und Gegner auszuschalten,
- wo Macht nicht missbraucht wird,
um sich schamlos zu bereichern,
- wo die einzig erlaubten Waffen
die der Bescheidenheit und Demut sind,
- wo Trauerfeiern noch der Suche nach Trost dienen und nicht
als Bühne herhalten müssen für Hassbotschaften und die Ver-
herrlichung zweifelhafter Kaiser und Helden.

Der 1. Petrusbrief empfiehlt den Presbytern in Kleinasien, die Gemeinden in Demut und mit Bodenhaftung zu leiten. Sie sollen sich nicht am Machtgebaren der römischen Eliten orientieren. Sie sollen nicht auf klassische römische Strategien setzen wie »teile und herrsche« (»divide et impera«), um Widerstand zu brechen und die Kontrolle zu sichern.
Einer solchen Gemeinde, die nicht auf die starke Hand des römischen Kaisers setzt, sondern auf die starke Hand Gottes, einer solchen Gemeinde gilt die Verheißung des Petrusbriefes (V.6f):
»6 Beugt euch also unter die starke Hand Gottes; dann wird er euch erhöhen, wenn die Zeit dafür gekommen ist. 7 Und legt alle eure Sorgen bei ihm ab, denn er sorgt für euch.«

IV.
Liebe Gemeinde,
in dem Letzten wird noch etwas anderes deutlich: Die christlichen Gemeinden verstanden sich auch als Solidargemeinschaften. In den römischen Provinzen lebten nur die Eliten wirklich gut; sie hatten ihre Vermögen und Netzwerke. Zwischen diesen reichen Eliten und der normalen Bevölkerung gab es eine zunehmende Kluft. Die Ärmeren mussten hart arbeiten, um über die Runden zu kommen. Wenn sie einmal in den Sklavenstand abgerutscht waren, galt das auch für ihre Kinder. Auch Krankheiten und die Versorgung im Alter wurden zu unlösbaren Problemen.
Wenn eine christliche Gemeinde hier völlig neue Akzente setzte, wenn sie sich als Solidargemeinschaft verstand, dann hatten ihre Mitglieder einen Grund weniger, sich zu sorgen. Wohlhabende teilten, was sie hatten. Gegenseitig unterstützte man sich in den Herausforderungen des Lebens. Witwen und Waisen wurden besonders geschützt. Und im Gottesdienst gab es Trost und Hoffnung für die, die im römischen System keine Zukunft sahen für sich und ihre Familien.

»Legt alle eure Sorgen bei ihm ab, denn er sorgt für euch.« (V.7)
Das war nicht nur ein frommer Spruch, sondern auch Folge gelebter Solidarität in den christlichen Gemeinden. Und das ist auch der Grund, weshalb diese Gemeinden im römischen Reich so schnell wuchsen. Hier wurde eine andere Kultur gelebt. Hier wurde ein anderer Gott verehrt. Hier wurde ein von Römern Gekreuzigter zum Vorbild genommen – Jesus Christus, der oberste Hirte seiner Gemeinde (V.4), der Auferstandene von den Toten, der gekommene und der kommende Herr dieser Gemeinden. (Pause)

V.
Liebe Gemeinde,
das klingt jetzt alles so schön, als gäbe es in einer so gelebten Gemeinschaft keine Probleme mehr. Als könnte sich eine christliche Gemeinde in einem auf Ungleichheit, Macht und Stärke aufgebauten Imperium gemütlich einrichten.
Der Verfasser des Petrusbriefes ist hier eher realistisch; in Vers 8 warnt er:
"8 Seid besonnen, seid wachsam! Euer Feind, der Teufel, streift umher wie ein brüllender Löwe, immer auf der Suche nach einem Opfer, das er verschlingen kann.
Hier wird das römische Reich, dass damals den gesamten Mittelmeerraum beherrschte, unverblümt beschrieben – als Feind, als Teufel, als brüllender nimmersatter Löwe, der seine Opfer fordert."
Denn so ein Imperium wie das römische Reich verfügte über zahlreiche Machtmittel: Geld, Militär, technologische Erfindungen, höriges Personal in der Verwaltung und Verantwortliche vor Ort, die es sich mit den Machthabern in Rom nicht verscherzen wollten. Das Imperium konnte nach Belieben die öffentliche Meinung beherrschen und manipulieren. Fast drei Jahrhunderte lang haben Christen und Christinnen im römischen Reich die Erfahrung gemacht, dass sie jederzeit zu ›Feinden des Volkes‹ (hostes publici) erklärt werden konnten mit willkürlichen Verhaftungen, Verbannung, Folter und sogar Todesstrafen. (Pause)
Trotz dieser diffusen Bedrohungslage ruft der Petrusbrief die Presbyter in Kleinasien zum Widerstand auf. In V.9 heißt es:

»9 Widersteht dem, indem ihr unbeirrt am Glauben festhaltet;
ihr wisst ja, dass die Leiden, die ihr durchmacht, genauso auch
euren Geschwistern in der ganzen Welt auferlegt sind.«

Die Gemeinden sollen also an ihrem Glauben festhalten, d.h. an ihrem Verständnis der Gemeinde als Solidargemeinschaft. Sie sollen ihrem obersten Hirten Jesus nachfolgen, der ein Diener und Anwalt der Mühseligen und Beladenen war. Sie sollen den einen Gott verehren und nicht den fremden Göttern Opfer darbringen oder die Bildnisse von Kaiserstatuen anbeten.

Der Verfasser des 1. Petrusbriefes weiß, was das bedeutet. In V.1 schreibt er, dass er selbst Zeuge der Leiden war, die Christus auf sich genommen hat. D.h., er war entweder selbst bei der Kreuzigung Jesu durch die Römer dabei. Oder er war Zeuge der zahlreichen Kreuzigungen, die die Römer danach wegen Aufruhrs an Juden und Christen vorgenommen haben. Die Todesstrafe Kreuzigung wurde nämlich verhängt bei der Weigerung, den Kaiser als gottgleich zu verehren, beim Verdacht der Volksverführung oder bei Bedrohung der öffentlichen Sicherheit.
Die Presbyter wussten, dass ihr Widerstand im römischen Reich Benachteiligung, Verfolgung und Tod zur Folge haben konnte. Und doch war es wichtig, an der Sache Jesu festzuhalten. Trost konnten die Presbyter darin finden, dass auch Jesus den Weg des Leidens gegangen war. Aber am Ende von Folter und Kreuzigung stand nicht der Tod, sondern die Auferweckung zu neuem Leben. Und der Aufbau von Gemeinden, in denen Jesu Verkündigung weiterlebte.
Außerdem erinnert der Petrusbrief daran, dass Christinnen und Christen im ganzen römischen Reich verfolgt wurden.
»Ihr wisst ja«, schreibt unser Verfasser, »dass die Leiden, die ihr durchmacht, genauso auch euren Geschwistern in der ganzen Welt auferlegt sind.« (V.9)
D.h., jede Gemeinde war nicht allein in ihrem Widerstand. Vielerorts widersetzte man sich der religiösen Gleichschaltung durch die römischen Behörden. An vielen Orten wurden die Spielräume ausgelotet, wurden andere Werte gelebt in einer von Eigennutz, Macht und Stärke geprägten Welt. Aus der Solidarität des Leidens wurde die Gewissheit, dass an vielen Orten Widerstand geleistet wurde und sich jeder Widerstand lohnte.

VI.
Liebe Gemeinde,
auch unser Dasein als Kirche heute ist bedroht. Ich will nur einige Punkte nennen:
a. Viele Menschen treten aus der Solidargemeinschaft der Kirche aus. 20/25 Jahre lang haben sie keine Kirchensteuer bezahlt. Und sobald sie das erste höhere Gehalt bekommen und in Steuerklasse I entsprechend hohe Kirchensteuern zahlen, treten sie aus.
In Kleinasien waren es die Wohlhabenden, die ihre Wohnungen für die Gottesdienste zur Verfügung stellten. Sie öffneten ihre Vorratsräume für das gemeinsame Essen vor oder nach dem Gottesdienst. Die anonyme Kirchensteuer verstehen viele nicht mehr als das, was sie eigentlich ist: die Umsetzung des christlichen Solidarprinzips: Einige geben mehr, damit alle leben können und versorgt werden.
b. Dahinter zeigt sich ein anderer Konflikt: Für viele Menschen steht die Freiheit heute über allem (radikaler Libertarismus). Gemeint ist nicht die Freiheit aller in einem Gemeinwesen, sondern die Freiheit des Einzelnen gegenüber dem Gemeinwesen. Sie fordern für sich Steuersenkungen; die öffentlichen Ausgaben sollen mit der Kettensäge gekürzt werden. Und das trifft die Handlungsfähigkeit unseres Gemeinwesens – z.B. bei der Schulbildung, bei der Gesundheitsvorsorge, bei der Strafverfolgung und bei Sozialleistungen. Und es trifft auch uns als Kirche, weil wir immer weniger Mittel zur Verfügung haben und die Aufgaben für die Mühseligen und Beladenen immer größer werden. Wir sehen das bei der Ökumenischen Essenausgabe.
c. Vieles erinnert mich heute an das Machtgebaren der römischen Eliten, die sich den Staat zum Untertan gemacht haben und ihn einsetzten für ihre Zwecke und für die Erhaltung ihrer Privilegien.
Demokratie dagegen heißt, dass alle Betroffenen mitbestimmen können, ob sie diese Politik mittragen wollen. Und deshalb ist es den Tech-Eliten so wichtig, dass es für die digitalen Medien möglichst wenige Regelungen gibt. Die ›freie Rede‹, wie sie zynisch heißt, wird für Desinformation und Hassrede genutzt. Den Gegnern werden genau die Dinge vorgeworfen, die man selber insgeheim plant und ausführt. Denn, wer laut ruft »Haltet den Dieb!«, kann sich in aller Ruhe mit der Beute davon machen.
d. Und weil man in so einem System gut profitieren kann, spielen viele das Spiel mit. Der Disney-Konzern beispielsweise setzte die kritische Late-Night-Show von Jimmy Kimmel ab, um von der Regierung die Erlaubnis zu bekommen, seine marktbeherrschende Medienmacht weiter auszubauen.

VII.
Liebe Gemeinde,
Solidarität statt totaler Freiheit,
Standhaftigkeit statt vorauseilendem Gehorsam,
Leidensbereitschaft statt Ausnutzen eigener Vorteile,
Klartext statt Ablenkung von Missständen,
gleiches Recht für alle statt doppelter Maßstäbe,
Benennung des Teufels statt Täter-Opfer-Umkehr,
Demut statt Hochmut und Demütigung anderer.
Genau diese Konflikte gab es damals und gibt es heute. Als reformierte Gemeinde, die das Leiden der Hugenottenverfolgung nicht vergessen hat, sind wir durch den Petrusbrief herausgefordert. Wir sind als Christenmenschen in diesem Konflikt nicht neutral und können auch nicht gleichgültig sein gegenüber dem, was um uns herum passiert.
In der Süddeutschen Zeitung las ich vor einigen Wochen:
»Eine Diktatur entsteht nicht nur, weil ein Potentat [Machthaber] sie will. Sie wird erst möglich durch die vielen, die es aus Feigheit oder Opportunismus, aus Blindheit oder um kurzfristiger Vorteile willen versäumen, sich zu wehren. Schon oft in der Geschichte haben sie das erst erkannt, als es zu spät war.« (SZ, 18.7.2025).

Unser Predigttext, so habe ich begonnen, ist eine ›Dienstanweisung‹ für Kirchenälteste. Der Petrusbrief weiß, was er den Presbytern in Kleinasien abverlangt. Und deshalb schließt er mit den Worten, die wir auch heute noch bei der Einführung von Kirchenältesten im Gottesdienst gebrauchen:
"10 Der Gott aller Gnade aber,
der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus,
der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet,
aufrichten, stärken, kräftigen, gründen.
11 Ihm sei die Macht in alle Ewigkeit! Amen."