Liebe Schwestern und Brüder,
Will you come and follow me
If I but call your name?
Will you go where you don't know
And never be the same?
Will you let my love be shown,
Will you let my name be known,
Will you let my life be grown
In you and you in me?
Wirst du mitkommen und mir nachfolgen,
wenn ich dich bei deinem Namen rufe?
Wirst du an Orte gehen, die du noch nicht kennst,
und das Vergangene hinter dir lassen?
Wirst du meine Liebe in dir sichtbar machen,
und meinen Namen in dir bekannt machen,
und mein Leben in dir wachsen lassen,
wenn ich in dir bin und du in mir?
So richtig weiß ich gar nicht, wie ich darauf antworten soll. Die Worte, die Fragen, die wir gerade vorhin in dem Lied gesungen haben, überwältigen mich. Es ist ja nicht wenig, wovon dieses Lied handelt. In jedem Vers spüre ich den Ernst, mit dem er mir gegenüber tritt und den Anspruch, den er an mich und auch an andere erhebt.
Will you leave yourself behind
If I but call your name?
Will you care for cruel and kind
And never be the same?
Will you risk the hostile stare
Should your life attract or scare?
Will you let me answer prayer
In you and you in me?
Wirst du das Vergangene hinter dir lassen,
wenn ich dich bei deinem Namen rufe?
Wirst du für hartherzige und für gutherzige Menschen sorgen,
und dich selbst dabei überwinden?
Wirst du feindselige Blicke riskieren,
sollte dein Leben die Menschen beeindrucken oder abschrecken?
Wirst du mich deine Gebete beantworten lassen,
wenn ich in dir bin und du in mir?
Ich versuche mir, den Fischer Simon vorzustellen. Er ist ein einfacher Mensch, ganz sicher nicht übermäßig gebildet oder belesen. Wahrscheinlich hat er schon als Junge im Boot seines Vaters gesessen und gelernt, auf dem See Fische zu fangen. Davon lebt die Familie. Simon weiß auf seine elementare Art einiges über das Leben. Er weiß, dass es aus Arbeit besteht und dass man einiges können und beherrschen muss, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Er kennt den See Genezareth wahrscheinlich sehr gut, und weiß, dass er nicht immer freundlich zu Fischern und zu Booten ist. Er kann ein Boot in Gefahren steuern und er spürt wahrscheinlich bei einem einzigen Blick auf das Wasser, wo sich die Fische befinden, die es zu fangen gilt. Bisher ist es Simon noch immer gelungen, die Familie zu ernähren, und er ist auch ein bisschen stolz darauf.
Simon ist sicherlich ein gottesfürchtiger – darf ich sagen frommer? – Mensch. Er glaubt an das, was er von dem Glauben der Mütter und Väter Israels mitbekommen und beigebracht bekommen hat. Er spürt, dass auch ihn in seinem Leben trägt und hilft. Und manchmal, wenn er abends vom Fischen nachhause kommt, dann spürt er vielleicht auch, ohne sich weiter Gedanken darüber zu machen, dass irgendwie ein Segen auf alle dem liegt.
Ich verheimliche nicht, dass mir dieser Simon sympathisch ist. Nicht nur weil ich selbst Boote mag und Fischer und ein leidenschaftlicher Segler bin. Ich bewundere die Klarheit seiner Gedanken und die Ehrlichkeit der Lebenshaltung dieses Simon.
Und nun sehe ich diesen Simon in seinem Boot vor einem Menschen knien, der eigentlich nichts an sich hat, was rein äußerlich attraktiv ist. Wanderprediger hat es damals in Israel viele gegeben und sie haben ihre Botschaft oft mehr oder weniger charismatisch unter das Volk gebracht. Aber dieser hier ist anders. Er ist mit ihm in das Boot gestiegen. Er ist in seinen Bereich hineingegangen und hat sein Leben in diesem Augenblick geteilt. Er sieht nicht aus, wie ein Mensch, der etwas vom Fische fangen versteht. (Obwohl seine Hände verraten lassen, dass auch er schon ein Werkzeug in der Hand gehalten hat.) Dieser Mann, den sie Jesus nennen, steht ihm jetzt in einem Boot voller Fische gegenüber und er sagt nur diesen einen Satz.
„Fürchte dich nicht. Von jetzt an wirst du Menschen fischen.“
Die Situation hat beinahe eine gewisse Komik. Zumindest wirkt es aberwitzig, dass dieser Prediger Simon gegenüber ausgerechnet vom Fischen redet. Aber vielleicht ist es ja auch genau das Bild, das Simon braucht, um Jesus folgen zu können. Dieser Satz durchbricht die alltägliche Realität, die aus Fischen und Lebensalltag besteht. Jesu Worte stehen vollkommen quer zu diesem Kontext, und doch fügen sie sich so passend ein, als wären sie nur für diese Situation verfasst. In diesem Satz steckt eine Wucht, der jede vorsichtige Einleitung oder sensible Umrahmung nur spotten könnte. Jesus blickt dem Fischer Simon in sein Gesicht und noch viel tiefer in sein Herz und spricht das Wort, das für ihn gedacht ist.
Vielleicht wünschen wir uns ja auch, so angesprochen zu werden. Vielleicht wünschen wir uns, dass Jesus uns gegenübersteht und diesen einen Satz sagt, der nur für uns ist und unser Herz ohne Widerstand aufschließt. Auf der Konfi-Freizeit in Emden haben wir das in einer kleinen Meditationsübung ausprobiert. Wir sind in eine ganz ähnliche Situation hineingegangen. Im Schweigen und mit geschlossenen Augen haben wir Jesus auf uns zukommen und vor uns stehen lassen. Wir haben ihn sagen lassen: „Was willst du das ich für dich tue?“ Und wir haben in uns hineingespürt, was wir ihm darauf sagen möchten. Wie haben das nicht groß untereinander ausgetauscht. Müssen wir auch nicht, denn ich glaube, dass Jesus es weiß, und es reicht, wenn wir es mit ihm teilen.
Wie wäre es, wenn Jesus so in mein Herz hineinschauen würde und so direkt und unvermittelt zu mir sprechen würde, wie er zu Simon gesprochen hat? Wie würden sich dann die Verse dieses Liedes für mich anfühlen?
Will you let the blinded see
If I but call your name?
Will you set the prisoners free
And never be the same?
Will you kiss the leper clean,
And do such as this unseen,
And admit to what I mean
In you and you in me?
Wirst du dem Blinden zum Sehen verhelfen,
wenn ich dich bei deinem Namen rufe?
Wirst du dem Gefangenen zur Freiheit verhelfen
Und das Geschehene geschehen sein lassen?
Wirst du auch den Aussätzigen küssen, so dass er rein ist,
und wirst du das tun ohne, das jemand dich dafür bewundert?
Wirst du dem zustimmen, was ich damit meine,
wenn ich in dir bin und du in mir?
Jesus ruft uns zur Nachfolge. Jesus ruft uns dazu, seine Botschaft in der Welt sichtbar und spürbar zu machen. Und dabei gibt es keine Unterschiede zwischen uns. Jesus ruft jeden von uns mit ganz persönlichen, mit eigenen, Worten dazu, ihm nachzufolgen. Nicht nur zwölf ausgesuchte Jünger und nicht nur Ordinierte oder zu einem Amt in der Kirche Berufene. Jesus ruft uns, jede und jeden von uns, ihm nachzufolgen, so wie er es mit Simon gemacht hat an diesem Tag in dem Boot auf dem See. Und dass er zu Simon später einmal gesagt hat: „Du bist Petrus, der Fels, auf dem ich meine Kirche bauen will“ soll nicht übertönen, dass es anderer Stelle im Neuen Testament heißt: Wir alle sind die lebendigen Steine, aus denen sich Gott seine Kirche erbaut.
Der Ruf zur Nachfolge gilt jedem einzelnen von uns persönlich. Aber er gilt uns genauso auch allen zusammen als Gemeinschaft von Christinnen und Christen. Wir, die Gemeinde, sollen diese Gemeinschaft sein, in der alle, die zu uns kommen, alle die in unserer Nähe und in unserer Mitte sind, erleben, was Gott mit dieser Welt vorhat und was sein Weg für uns ist. Die Liedstrophe setzt dafür ziemlich hohe Maßstäbe: Den Gefangenen zur Freiheit verhelfen, den Blinden zum Sehen verhelfen, Unsaubere Menschen berühren, so als ob sie rein wären und sie spüren lassen, dass sie Gottes Ebenbild sind. Mir fallen Situationen aus dem Leben unserer Gemeinde ein, auf die solche Verse passen mögen.
Und ich höre auch den eher zurückhaltenden Vers: Do you such as this unseen? – Wirst du das alles tun ohne dafür bewundert zu werden? Ich glaube nicht, dass eine falsche Bescheidenheit in diesem Vers steckt. Aber es soll klar sein, dass alles, was in der Nachfolge Jesu geschieht nichts anderes ist, als das, wozu er uns ruft. Wir tun das nicht aus uns selbst heraus und wir sollten das auch nicht tun, um den Menschen etwas zu verkaufen. Wir werden es tun, weil Gott will, dass wir so leben und das seine Botschaft dadurch spürbar wird. Und vielleicht tut es ja gerade den eher leiseren und weniger auffälligen Gemeindemitgliedern gut zu hören, dass das Wesentliche und Wichtige im Verborgenen geschieht, manchmal sogar ungesehen.
Ich glaube das Entscheidende ist, was das Lied am Ende jeder Strophe sagt: Wenn ich in dir bin und du in mir.
Es geht nicht darum, einen Aktivismus anzustacheln. Gottes Botschaft können wir weitergeben, wenn wir sie in uns spüren. Wenn er in unser Herz hineinschaut und uns berührt, dann werden wir strahlen und dann werden wir seine Jüngerinnen und Jünger sein und die Menschen werden es sehen. Es reicht deshalb auch nicht, wenn wir gute Strategien für die Verbreitung des Glaubens in der heutigen Zeit entwickeln, und es reicht auch nicht, wenn wir methodisch durchdachte Pläne für den Gemeindeaufbau haben, und es reicht auch nicht, wenn wir wissen, wie die Gemeinde auf den verschiedenen Kanälen mit der Öffentlichkeit kommunizieren kann.
Das alles ist nötig! Und ich glaube, dass diese Gemeinde in manchen Bereichen recht gut aufgestellt ist. (In manchen können wir auch noch zulegen.) Ich glaube aber für die Nachfolge ist es noch viel wichtiger, dass wir Jesus in unsere Mitte treten lassen. Dass wir ihn austeilen lassen und von ihm annehmen, was nur er geben kann. Hier an diesem Tisch zum Beispiel, an dem das Teilen ein Sakrament ist. Jesus teilt mit uns, was nur er geben kann, und wir teilen untereinander, was wir von ihm bekommen. Vielleicht ist das ja eine ganz einfache Beschreibung dafür, was in der christlichen Gemeinde geschieht. Und ich finde es schön, dass diese Beschreibung eigentlich nicht abhängig ist von einer konfessionellen Prägung.
Lord, your summons echoes true
When you but call my name.
Let me turn and follow you
And never be the same.
In your company I'll go
Where your love and footsteps show.
Thus I'll move and live and grow
In you and you in me.
Herr, dein Ruf hat eine beherzte Antwort,
wenn du mich bei meinen Namen rufst.
Lass mich dir zuwenden und nachfolgen
und das Vergangene hinter mir lassen.
In deiner Gemeinschaft werde ich weitergehen,
wo deine Liebe und deine Fußspuren mich hinführen.
So werde ich in Bewegung sein und leben und wachsen,
in dir und du in mir.
Das wünsche ich mir - nicht nur, aber auch als Pastor dieser Gemeinde. Das wünsche ich Ihnen für Ihren ganz persönlichen Weg mit Gott und als unverzichtbare Mitglieder dieser Gemeinde oder der Gemeinschaft, zu der Sie gehören. Das wünsche ich uns allen zusammen als Kirche Jesu Christi, die um sein Wort, um das Brot und um den Wein versammelt ist.
Amen.

