• Predigt
»Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.« (Röm 1,7) Amen.
I.
Liebe Gemeinde,
heute ist Totensonntag. Und dieser Tag gibt Anlass, der Verstorbenen im zurückliegenden Kirchenjahr zu gedenken. Und zugleich geht es heute um die Begrenztheit unseres eigenen Lebens. Wenn die Tage dunkler werden und es draußen kalt und ungemütlich ist, überkommt viele Menschen Wehmut; sie denken an ihren eigenen weiteren Weg und an die Menschen, die sie auf dem bisherigen Weg verloren haben.
In der Woche vor Totensonntag werden bei uns die Gräber ge­schmückt. Und dann stehen die Erinnerungen noch einmal vor Augen: Erinnerungen an glückliche Tage, Erinnerungen an die letzten Stunden und das schmerzliche Bewusstsein, seitdem ohne den geliebten Menschen leben zu müssen.
Für einige in unserer Kirchengemeinde hat sich der Lebenskreis in diesem Jahr geschlossen: Sie sind gestorben. Und so unter­schiedlich wie die Persönlichkeiten der einzelnen waren, so verschieden kam auch ihr Tod:
Der Tod wurde abgewehrt oder erwartet,
er kam als uner­warteter Fremder oder als lang ersehnter Freund.
Manche der Verstorbenen stehen uns noch vor Augen. Wir ver­missen sie und können uns nur schwer daran gewöhnen, dass ihr Platz nun leer bleibt. Genauso ist es bei anderen Menschen, die wir schon vor langer Zeit verloren haben, deren Bilder aber immer noch lebendig in uns weiterleben.

II.
Ich selbst erinnere mich an meine Großmutter, die mindestens einmal im Monat zum Friedhof fuhr, um die Gräber der Familie zu versorgen. Das waren die Gräber ihrer Eltern, ihrer beiden im 1. Weltkrieg gefallenen Brüder, ihres früh verstorbenen Sohnes und ihres eigenen Mannes. Ich habe sie oft begleitet, ihr beim Reinigen der Grabsteine geholfen, beim Pflanzen und Begießen der Blumen. Ihre Lebenserinnerungen hatten viel zu tun mit den Verstorbenen. Sie selber wurde 93 Jahre alt und war davon 40 Jahre lang Witwe. Der frühe Tod meines Großvaters hat sie sehr mitgenommen und lange Zeit fiel es ihr schwer, den Weg zurück zum eigenen Leben zu finden.
Ich weiß nicht, was ihr geholfen hat, schließlich über den Verlust hinwegzukommen. Ob es die Zeit war oder ob es Menschen gegeben hat, bei denen sie alles aussprechen konnte. Ich weiß nur, dass ihr der Gang zum Friedhof wichtig war und dass ihr das bestimmt geholfen hat, die Menschen, die ihr der Tod genom­men hat, loszulassen.
III.
Doch so einfach ist das mit dem Loslassen nicht. Das können wir schon im alltägliche Leben sehen:
Wenn Sie etwas in der Hand haben und Ihre Hand frei bekommen möchten – sagen wir, Sie haben einen Schlüssel in der Hand – dann werden Sie ihn in der Regel nur loslassen, wenn Sie einen Ort haben, wo Sie ihn hinlegen können. Und wenn Sie etwas in Händen haben, was Ihnen lieb und teuer ist, werden Sie sich be­mühen, dass Sie einen Platz finden, wo dieser Gegenstand nicht herunterfallen und Schaden nehmen kann.

Einen Menschen los­lassen, das können wir im Grunde nur, wenn wir einen Ort haben, wo dieser Menschen hingehört. Wo aber haben wir so einen Ort?
Wenn wir fragen »Wo sind die To­ten?«, kann man antworten: »Sie sind in ihrem Grab«. Diese Antwort ist wohl rich­tig, sie befrie­digt aber nicht. Denn wir alle wissen, dass im Grab von dem mensch­lichen Leib nach einiger Zeit nicht mehr viel übrig ist.
Was kommt aber dann? Ist das alles? Was wird aus all den Träumen, dem Lachen, den Sorgen, den Eigenheiten, Ecken und Kanten der Verstorbe­nen? Verblassen sie mit der Zeit wie unsere Erinnerung?

In dem Buch der Weisheit heißt es:
»Die Seelen der Gerechten sind in Gottes Hand, und keine Qual kann sie berühren. In den Augen der Toren sind sie gestorben, ihr Heimgang gilt als Unglück, ihr Scheiden von uns als Vernichtung; sie aber sind in Frieden.« (Weish 3,1-3)
Diese Worte aus den Spätschriften des Alten Testaments sprechen für sich sel­bst: Sie geben eine Antwort auf die Frage, wo unsere Toten ihren Ort haben: Die Seelen der Gerechten sind bei Gott. Wenn sie unseren Händen entgleiten, so sind sie geborgen in Gottes Hand. Gut aufge­hoben sind sie dort und keine Qual kann sie berühren.
Viele meinen, mit dem Tod sei alles aus. Und man merkt manchen Menschen diese Hoffnungslosigkeit auch an. Wer alles von diesem Leben erwartet, der wird in der Regel enttäuscht. Wer es jedoch wagt, auf eine Hoffnung hin zu leben. Wer es wagt, auf Gott zu vertrauen, der kann gewiss sein, dass unsere Verstorbe­nen in Gottes Hand einen festen Ort haben und Frieden finden.
Dieses Vertrauen erleichtert nicht den Schmerz des Verlustes, den der Tod mit sich bringt. Aber es eröffnet uns im Leben einen neuen Raum, gibt uns einen Ort für unsere Verstorbenen und auch für uns selbst, wenn sich unser Lebenskreis schließt:
Mit dem Tod fällt ein Mensch nicht in ein Nichts, sondern in Gottes Hand.
IV.
Liebe Gemeinde,
es ist wichtig, dass es den Totensonntag gibt – diesen einen Tag im Jahr, an dem unsere traurigen Gedanken nicht beiseite geschoben werden. An dem all das, was uns das Herz beschwert, als Trauer zum Ausdruck kommen kann.
Aber auch das gehört zum Totensonntag, dass unsere Trauer einen Ort bekommt und sich dann auch das andere einstellt – die Hoff­nung, die Dankbarkeit und die Freude. Traurigkeit und Hoffnung ge­hö­ren zusammen; wo die eine ihren Raum hat, hat auch die andere einen Platz. Sie brauchen beide ihre Zeit und ihren Ort, und wenn man sie ihnen lässt und gibt, dann bereichern sie unser Leben. Und es ist gut zu wissen, dass auch wir am Ende unseres Lebens eine Hoffnung haben, die sich auf beides richtet: Wir sind aufgehoben in der Erinnerung derer, die um uns trauern. Und uns bleibt die Gottes Liebe, die uns im Leben getragen hat; sie bleibt über den Tod hinaus. In Gottes Hand sind wir alle bewahrt und auch die, die wir im letzten Jahr betrauert haben.
Beim Propheten Jesaja heißt es:
»17 Siehe, ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde, dass man der vorherigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.« (Jes 65,17).

Das Prophetenwort lenkt unseren Blick in die Zukunft. Die Erde und das Leben, das wir führen, wer­den nicht ewig bestehen. Es gibt eine Wirklichkeit, die Gott heraufführen wird. Am Ende der Zeit wird alles verändert, was uns vertraut ist. Wir sollen warten auf einen neuen Himmel und eine neue Erde. Es wird uns eine Aussicht eröffnet auf eine andere Wirklichkeit, in der Gott selbst alles in allem sein wird.

»Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus.« (Phil 4,7)