Liebe Gemeinde,

wir wünschen uns in diesen Tagen „einen guten Rutsch“.

Wir sind nicht sicher, woher dieser freundliche Wunsch kommt.

Höchstwahrscheinlich kommt er aus dem Jiddischen. Juden wünschten sich in dieser Sprache, wo sich Deutsch und Hebräisch vermischen „einen guten Roosch“ also einen guten Anfang des Jahres, auf Hebräisch „Roosch ha Schannah!“. So werden wir es uns also heute gegenseitig wünschen: Einen guten Rutsch! Einen guten Jahresanfang!  

Über den Übergang vom alten ins neue Jahr kann man sich viele Gedanken machen. Auch der berühmte englische Rabbiner Jonathan Sacks hat sich über die Bedeutung von Rosch ha Schanah Gedanken gemacht. Von ihm las ich die Worte:

Unser Leben ist ein Kunstwerk. Wie ein Künstler, der von seiner Staffelei zurücktritt, treten wir an Rosh Ha-Schana einen Schritt zurück, um es zu betrachten und zu vervollständigen.

Schauen wir an, was wir aus unserem Leben gemacht haben. Ein Jahr lang haben wir unser Leben gestaltet mit Arbeit, mit Ausruhen und Schlafen, mit Sorgen, mit allerlei Erledigungen, vielleicht auch mit Reisen, mit Kranksein, mit schönen Momenten, mit Geselligkeit, mit Einsamkeit, mit Freude an der Familie, mit Kummer um die Familie. Das alles ergibt nun unser Jahr 2025, unser ganz persönliches, privates Lebensjahr.

Wir erinnern uns an die Anfangszeit des Jahres. Wir hatten Vorsätze. Einige wollten fleißig Sport machen, abnehmen oder zunehmen, disziplinierter werden, geduldiger, sparsamer, gläubiger, gelassener, usw. Nur wir selbst können beurteilen, wie unsere Vorsätze umgesetzt wurden.

Es gibt Dinge, die wir nicht geschafft haben oder nicht mehr schaffen wollten. Es gibt auch Erwartungen und Wünsche, die wahr und nicht wahr geworden sind.

Es gibt Dinge, über die wir uns schämen. Unsere Fehler definieren nicht, wer wir sind, denn wir können Fehler korrigieren. Wir bleiben nicht immer dieselben Menschen. Wir verändern uns und wachsen. Wir bemühen uns, besser zu werden. Fehler, Erfahrungen, enttäuschte Erwartungen, unerfüllte Hoffnungen sind ein Teil davon.

An die Dinge, die wir erreicht haben und auf die wir stolz sind, erinnern wir uns jetzt auch. Wir erinnern uns, dass wir es nur mit Gottes Hilfe und Gnade erreicht haben. So ist das auch mit Gebeten und Wünschen, die erhört wurden. Für all das sind wir Gott dankbar. Unsere Zufriedenheit und unsere Unzufriedenheit lehren uns, dass Gott uns in alledem nie verlassen hat. So wie es im Hebräerbrief Kapitel 13 Vers 5 steht, wo aus dem Buch Josua Gottes Zusage zitiert wird:

„Ich will dich nicht verlassen und nicht von dir weichen.“

Liebe Gemeinde,

wir erinnern uns auch an das, was in der Welt in diesem Jahr geschehen ist: politische Instabilität, die Wahl von Friedrich Merz zum Bundeskanzler in Deutschland, Donald Trump zum Präsidenten in Amerika, der Krieg, der in der Ukraine und Russland weitergeht, Zerstörung und Tod im Gazastreifen. Wir denken aber auch an Massaker, über die nur selten oder gar nicht in unseren Medien berichtet wird, wie im Sudan, in Nigeria, im Kongo, in Myanmar und vielen anderen Ländern. Diese Konflikte und Massaker fordern oft mehr Opfer als der Krieg im Gazastreifen oder in der Ukraine. Aber wir hören davon trotzdem nur wenig.

Wir erinnern uns an unsere Schwestern und Brüder, die unter Naturkatastrophen leiden. Es fällt schwer, unbeschwert Silvester zu feiern, wenn wir daran denken, dass viele unserer Mitmenschen Tränen in den Augen haben, dass viele in diesem Jahr ihren ganzen Besitz und geliebte Menschen verloren haben.

Das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann, ist, einen geliebten Menschen zu verlieren. Vor ein paar Tagen habe ich an dem gleichen Tag schlechte und gute Nachricht bekommen: über einen Todesfall und über eine Geburt. Diese beiden Dinge sind einschneidende Ereignisse, die im Leben passieren können. Das hat mein Jahr geprägt, etwas so Schönes und etwas so Trauriges am selben Tag zu erfahren!

Aber so ist das Leben. Wir haben nicht alles unter unserer Kontrolle. Wenn es um Leben und Tod geht, begreifen wir, wie zerbrechlich, wie vergänglich, wie abhängig wir als Menschen sind. Das Ende eines Jahres macht uns das auch bewusst. Doch, mit dem Tod auf dieser Erde endet für uns nicht alles. Der Hebräerbrief erinnert uns daran mit dem Satz, den wir häufig auch am Friedhof sprechen: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

 Liebe Gemeinde,

alles, was in diesem Jahr Gutes oder Schlechtes geschah, erinnert uns daran, dass unsere Welt sich ständig verändert, egal ob wir es erwarten oder nicht, ob die Veränderungen vorhersehbar sind oder plötzlich eintreten.

Mitten in diesen Überlegungen, im Rückblick auf unser Jahr werden wir heute mit den Worten konfrontiert, die als Predigttext für diesen Altjahresabend vorgeschlagen sind. Zwei Verse aus dem Hebräerbrief, Kapitel 13, Verse 8 und 9:

„Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade.“

Gib uns ein festes Herz. Das bitten wir unseren Gott, besonders jetzt an der Schwelle zum neuen Jahr.
Aber was ist ein festes Herz?

Es ist nicht, dass wir von uns heraus stark und stabil sind. Sondern, es ist Gott, der uns festhält, der uns festen Boden unter die Füße gibt, den festen Grund auf dem wir unser Leben bauen können. Dieser feste Grund ist Gottes Gnade in der Gestalt von Jesus Christus.

 Bei aller Unbeständigkeit, bei allem Wandel, bei aller Veränderung gibt es etwas Beständiges. Jesus Christus gestern, heute und derselbe in Ewigkeit. In ihm finden wir das, was unser Herz fest werden lässt. Er hält uns fest. Indem wir ihm Vertrauen, indem wir auf ihn hören, können wir allem standhalten, was uns umtreibt, wegtreibt, was uns zerreißt, uns hin- und herzieht.  

Ein festes Herz ist ein Herz, das durch die Gnade Gottes, also durch Jesus Christus gefestigt ist und nicht durch alles andere.

Ein Herz, das sich freut, weil Gott uns gnädig ist.

Ein Herz, das sich nicht nur freut, weil wir alles haben, was wir brauchen und wollen, was das äußerliche nährt – Essen vielleicht, oder Geld, Urlaube, die wir ein Jahr vorher planen  können, Kleidung, körperliche Schönheit, Lob von anderen Menschen, Gesundheit, oder sogar Familien und unsere Mitmenschen, usw.

All dies kann Freude bereiten, wird aber auch vergehen. Unsere Mitmenschen, unsere Familie, Eltern und Kinder können uns verlassen, Gesundheit kann schwinden, Geld schützt nicht – heute zum Beispiel haben wir von dem Bankraub in Gelsenkirchen gehört, auf einmal vieles, was man gesammelt hat, sind weg – Urlaube können stressig sein, körperliche Schönheit hält nur kurz. Ein Herz, das durch irdische Dinge gefestigt ist, wird einmal schwach und versagen.

Aber Gottes Gnade bleibt, und Gottes Gnade bewirkt in uns „Gelassenheit“. Am ehesten würde ich das feste Herz mit diesem Wort beschreiben: „Glassenheit“

Gelassenheit bedeutet in Frieden zu sein – in Frieden mit unseren Mitmenschen, in Frieden mit Ereignissen, die geschehen sind, und mit Ereignissen, die noch kommen werden. Wir können gelassen sein, nicht weil wir aufhören, das Beste zu tun, zu geben und zu versuchen, sondern weil wir es akzeptieren, dass wir nicht alles kontrollieren können. Wir können ein festes Herz haben, auch wenn alles um uns herum im Wandel ist. Denn wir wissen, dass eines für uns unverändert bleibt. Und das ist Gottes gnädige Zuwendung.

Gott meint es mit uns gut. Darauf können wir uns verlassen.

Heute am letzten Abend des Jahres blicken wir nach vorne und bitten Gott: Gib uns ein festes Herz.

Mögen wir in ihm Zufriedenheit finden, auch wenn um uns herum so viel geklagt und gejammert wird. Mögen wir in seiner Gnade einen Halt finden, auch wenn die Welt um uns herum so verrückt und unberechenbar erscheint.
Möge Gott uns Gelassenheit geben, im Wissen darum, dass mit dem Tod nicht alles endet.
Möge seine Liebe die größte Quelle unserer Freude sein, sodass wir uns auf dieses neue Jahr freuen können, auch wenn wir wissen, dass es nicht nur Gutes mit sich bringen wird.

So lasst uns heute Abend gelassen sein und ein festes Herz haben in unserem Gott allein.

Amen.