• Predigt
»Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.« (Röm 1,7) Amen.
I.
Liebe Gemeinde,
es ist häufiger so, dass grundlegende Veränderungen unscheinbar beginnen – und zwar langsam und eher am Rand des Geschehens. Und manchmal ist es so, dass erst im Nachhinein deutlich wird, was da Wichtiges passiert ist.
Im Lukasevangelium beginnt eine solch große Veränderung durch den Wendepunkt im Leben zweier Frauen. Die eine ist schon betagt und kinderlos, die andere ist unverheiratet. Und beide werden schwanger, wie ihnen der Engel Gabriel verheißt (Lk 1). Das eine Kind kommt am Rand von Jerusalem zur Welt, das andere in einer Futterkrippe in Bethlehem. Beide Kinder wachsen auf und wissen voneinander.
In ihrem Leben passiert aber lange Zeit wenig von dem, was die Ankündigungen vor und bei ihrer Geburt verheißen haben: dass sie nämlich zu Prophet, Erlöser und Retter des Volkes werden (Lk 1,16f.68-79).
Im dritten Kapitel des Lukasevangeliums nehmen die Ereignisse dann Fahrt auf. Johannes, so der Namen des älteren Kindes, ist jetzt etwa 30 Jahre alt. Und Menschen kommen scharenweise zu ihm, weil sie merken: Da ist etwas im Gange, Großes kündigt sich an, es gibt Grund zu neuer Hoffnung.
Lukas markiert diese Stelle in seinem Evangelium mit einem Eintrag für die Geschichtsbücher:
»1 Es war im 15. Regierungsjahr des Kaisers Tiberius. Pontius Pilatus war römischer Statthalter in Judäa. Herodes regierte als Landesfürst in Galiläa, sein Bruder Philippus als Landesfürst in Ituräa und Trachonitis. Und (…) die Hohepriester waren Hannas und Kaiphas.«
Lukas hätte seinen Bericht auch mit einer Landschaftsbeschreibung beginnen können – etwa so:
»Der Himmel über dem Jordantal leuchtete in Karminrot, als die Sonne hinter den schroffen, zackigen Schluchten des Westufers versank. Der glühend heiße Wüstenwind, der den ganzen Tag über geherrscht hatte, legte sich. Doch die Hitze des Tages schien im Sand und in der trockenen, rissigen Erde gefangen zu sein.«i
So hat die künstliche Intelligenz nach meiner Vorgabe einen Text ausgespuckt, der am Beginn eines Romans zu unserem Predigttext stehen könnte. Doch für Lukas sind die Farben, Temperaturen und Stimmungen in der Wüste unwichtig.
Er kommt gleich auf die großen Player zu sprechen: auf die damaligen Akteure in Politik und Religion:
a. Als erstes nennt er Tiberius. Ein alter, gebrechlicher und lüsterner römischer Kaiser, der sich mit seinem engen Kreis auf die Insel Capri zurückgezogen hat. Er fürchtet seine politischen Gegner, lässt sie kaltstellen oder unter dem Vorwand der ›nationalen Sicherheit‹ töten.
b. Dann der unglückselige Pontius Pilatus, ein Günstling aus dem Kreis um Kaiser Tiberius. Er zeichnet sich in Judäa durch eine harte Amtsführung aus und wird später wegen seiner Brutalität gegen samaritanische Pilger nach Rom einbestellt und abgesetzt.
c. Dann der doppelte Ehebrecher Landesfürst Herodes Antipas. Er verliebt sich in seine Schwägerin und verstößt deshalb seine eigene Ehefrau, was zu einem verlustreichen Krieg mit dem gekränkten Schwiegervater, dem König der Nabatäer, führt.
d. Als nächstes nennt Lukas Philippus, den Halbbruder von König Herodes, der mit dessen Tochter verheiratet ist. Er liebt Rom, wo er aufwuchs, mehr als das Land, über dem er herrscht.
e. Und schließlich werden zwei Hohepriester genannt: Kaiphas und dessen Schwiegervater Hannas. Diese Hohepriester sind in ihrer Amtsführung vom Wohlwollen der Römer abhängig. Vor allem Kaiphas nimmt in erheblichem Maße Rücksicht auf römische Belange und wird deshalb auch in den Prozess gegen Jesus verstrickt.
II.
Lukas nennt also gleich zu Beginn die harten Rahmenbedingungen der damaligen Weltgeschichte: ein korruptes System in Politik und Religion, Verwandtschafts- und Abhängigkeitsverhältnisse und damit verbunden die Gefahr, bei Kritik jederzeit zwischen die Fronten zu geraten. Bedingungen also, die keinem Hoffnung gaben, dass sich daran so schnell etwas ändern könnte.
Und doch macht Lukas deutlich, dass genau in dieser Situation etwas in Bewegung gerät, was 30 Jahre zurückreicht und nun nicht mehr aufzuhalten ist.
Liebe Gemeinde,
auch wir wünschten uns, dass vor dreißig Jahren jemand eine große Veränderung eingeleitet hätte, die uns heute helfen könnte, wieder Hoffnung zu schöpfen für die Welt von morgen. Wenn ich jedoch 30 Jahre zurückschaue, sehe ich da aber wenig, was in eine solche Richtung weist:
1995 – vor 30 Jahren – wurde die Ölplattform Brent Spar durch Greenpeace-Aktivisten besetzt. → Vor wenigen Tagen hat die EU-Kommission die CO²-Vorgaben gelockert und das Verbrenner-Aus zurückgenommen.
1995 wurde das Betriebssystem Windows 95 veröffentlicht. → Bald wird Microsoft den Support für Windows 10 einstellen; Mio. Rechner weltweit können dann nicht mehr sicher genutzt werden.
1995 einigten sich die Staats- und Regierungschefs der EU auf den Euro als gemeinsame Währung. → Die Vorbehalte gegen das neue Zahlungsmittel führten mit zur Gründung der AfD.
Und 1995 fand die erste UN-Klimakonferenz in Berlin statt. → Die Klimakonferenz vor 4 Wochen in Brasilien war in fast jeder Hinsicht enttäuschend.
Beim Blick auf die Zeit vor 30 Jahren kann ich zumindest nichts erkennen, was über sich hinausweist, was uns heute diese Hoffnung geben kann: Dass da etwas im Gange ist und sich Großes ankündigt.
Vielmehr ist es heute fast genauso finster wie vor 2.000 Jahren, als Johannes der Täufer zum ersten Mal auftrat.
Denn genauso düster wie damals hört sich auch unsere weltgeschichtliche Rahmenbedingung an. Der Evangelist Lukas würde es vielleicht so zusammenfassen:
»Es war im 26. Regierungsjahr des Präsidenten der russischen Föderation. In Washington regierte zum zweiten Mal König Goldfinger. Sein Kriegsminister war Pete Hegseth. Und Elon Musk und Mark Zuckerberg waren die reichsten Männer der Welt. Und als Oberhaupt der Russisch-Orthodoxen Kirche regierte seit 26 Jahren Patriarch Kyrill I.«
III.
Liebe Gemeinde,
das Lukasevangelium berichtet, dass Gott damals vor 2.000 Jahren Johannes zu seinem Boten gemacht hat. Noch im Mutterleib wurde er auserwählt, Gottes Volk aus der Gewalt des Hasses zu befreien (1,71). Um diesen Auftrag zu erfüllen, geht Johannes in die Wüste (1,80), verzichtet konsequent auf Alkohol (1,15), trägt ein Fell aus Kamelhaar und ernährt sich von Heuschrecken und wildem Honig (Mt 3,4).
Ein runtergekommener Asket aus der Wüste – so würden wir uns heute keinen Retter vorstellen. Dann schon eher Elon Musk oder Mark Zuckerberg; die haben wenigstens das nötige Kleingeld und genügend Einfluss, um etwas zu bewirken.
Und doch hat das Leben in der Wüste aus Johannes einen besonderen Menschen gemacht. Er hat einen unverstellten Blick auf die Folgen der nun schon 20jährigen Besatzung durch die Römer.
Er sieht die verbreitete Überzeugung, dass ungerechtes Handeln keine Konsequenzen hat (3,7). Er sieht die fehlende Bereitschaft, das gehässige Verhalten zu ändern (3,8). Und er sieht die Illusion vieler, dass zumindest für sie schon alles gut ausgehen wird (3,8).
Die Menschen, die Johannes zuhören, merken, dass er ihre Welt mit anderen Augen sieht. In den Jahren der Wüste und der Entbehrung hat er seinen Geist geschärft. Er sieht, was das korrupte System der römischen Provinzverwaltung in Judäa mit den Menschen gemacht hat: Nicht Eintracht und Solidarität werden gelebt, sondern Hass, Gewalt und Neid. Und obendrein gibt es immer wieder Provokationen durch die römischen Behörden, die ihre Staatsreligion als überlegen betrachten. (Pause)
Die Menschen fragen Johannes, was sie machen können, um etwas an dieser Situation zu verändern. Und Johannes gibt ihnen einfache Empfehlungen:
›Wenn ihr wollt, dass der Herr kommt, dann bereitet den Weg für ihn vor‹ (3,4). Und das bedeutet ganz konkret:
»Wer zwei Hemden hat, soll dem eins geben, der keines hat.
Wer etwas zu essen hat, soll auf die gleiche Weise handeln.« (3,11).
Für uns heute, die wir mit Wohlstand leben, klingt das ein wenig naiv. Doch was wäre, wenn Johannes uns heute sagen würde: Wer ein freies Zimmer in seiner Wohnung hat, stelle es Wohnungslosen zur Verfügung. Wer monatlich mehr hat, als er oder sie ausgeben kann, stelle den Rest alleinerziehenden Familien zur Verfügung.
Und noch viel wirksamer ist das, was Johannes den Zolleinnehmern sagt: »Verlangt nicht mehr, als in euren Vorschriften steht!« (3,13). Wie wäre das, wenn Vermieter*innen in Hannover ihre Mieten senken und auf Erhöhungen verzichten? Wenn die Jobcenter ihren politisch gewollten Bürokratiewahn mäßigen?
Und als viertes empfiehlt Johannes, denen, die den Römern als Soldaten dienen: »Misshandelt und erpresst niemanden, sondern gebt euch mit eurem Sold zufrieden!« (3,14). Soldaten also, die sich an die Regeln halten und keine angeblichen Drogenboote solange beschießen, bis kein Überlebender mehr zu sehen ist.
IV.
Alle, die Johannes zuhören, merken: Es kommt auf uns an. Bei uns beginnt die Veränderung. Gott kommt, aber wir müssen bereit sein, ihm den Weg zu ebnen.
Johannes unterstreicht das mit einem Bild aus dem Propheten Jesaja: »Eine Stimme ruft in der Wüste: ›Macht den Weg bereit für den Herrn, ebnet ihm die Straße. 5 Jede Schlucht soll aufgefüllt werden und jeder Berg und jeder Hügel abgetragen. Was krumm ist, muss gerade werden und die unebenen Wege eben. 6 Alle Welt soll sehen, dass Gott die Rettung bringt.‹« (Jes 40,3-5 zitiert in Lk 3,4-6).
Als Ostfriese kann ich da nur zustimmen. Wenn es zu viele Berge und Hügel gibt, sieht man nicht, wer morgen zu Besuch kommt. Man ist dann vielleicht gar nicht zuhause und hat auch nichts vorbereitet. Aber Scherz beiseite ...
… die Berge und Hügel kennen wir: die großen Vorbehalte gegen Menschen, die es nicht schaffen, über die Runden zu kommen. Die Grenzüberschreitungen, die wir den Vermögenden zugestehen und den Menschen, denen wir Macht und Gewalt übertragen haben.
Johannes’ Vision ist, dass Solidarität untereinander auch in einem korrupten System möglich ist. Niemand muss so leben, dass für ihn das Meiste herausspringt – koste es, was es wolle.
Für Johannes ist es die freiwillige Begrenzung von Macht und Privilegien, die den Weg bereitet für Neues. Und Johannes wird noch deutlicher: Wenn jeder nur an sich denkt, seinen Besitzstand verteidigen und vermehren will, dann ist die Axt schon an die Wurzel gelegt. So ein Gefüge bringt keine gute Frucht; es wird umgehauen und ins Feuer geworfen. (3,9)
Johannes ruft also zur Umkehr. Und er verbindet diese Umkehr mit einer Zeichenhandlung. Als ein Mann der Wüste weiß er, wie wichtig Wasser ist, um sich zu erfrischen, um den Staub abzuwaschen und neue Kraft zu schöpfen. Die Menschen, die zu ihm kommen, sollen die schuldhaften Verstrickungen ihres alten Lebens abwaschen. Und Johannes verheißt, dass ihnen von Gott her diese Schuld vergeben wird. Die Schuldverstrickung soll keine Macht mehr haben über das Miteinander der Menschen.
»Lasst euch taufen und ändert euer Leben! Gott will euch eure Schuld vergeben.« (3,3). So einfach klingen die Worte des Mannes aus der Wüste. Und so wirksam sind sie auch.
V.
Liebe Gemeinde,
die Predigt des Johannes erreicht nicht nur die Menschen, die zu ihm an den Jordan kommen. Sie erreicht auch den Palast des Herodes Antipas. Herodes Antipas ist Fürst in zwei kleinen Landesteilen. Gerne wäre er seinem Vater nachgefolgt und auch König geworden, aber sein Bruder war ihm zuvor gekommen. Er herrschte mit Duldung der Römer über das Kernland – aber nicht lange. Denn es gab so viele Beschwerden gegen seinen Bruder, dass der Kaiser in Rom diesen absetzte und ins Exil schickte, wo er später verstarb. Judäa und Samaria wurden daraufhin zu einer römischen Provinz. Und Herodes Antipas hoffte nun, dass ihm die Gebiete seines Bruders zugeschlagen würden und er den Königstitel bekäme.
In diesem Bestreben fürchtete er nichts so sehr wie negative Schlagzeilen zu seiner Amtsführung und zu seinen Beziehungsgeschichten. Wer solche Nachrichten verbreitete, musste sofort unschädlich gemacht werden.
Johannes nimmt jedoch kein Blatt vor den Mund. Er hat die Amtsführung von Herodes [Antipas] kritisiert und auch, dass dieser seine Frau für Herodias, die Frau seines Halbbruders, verlassen hat.
Die Reaktion des Palastes in Tiberias lässt nicht lange auf sich warten. Herodes lässt Johannes den Täufer verhaften und später auf Wunsch von Herodias enthaupten (3,19-20; 9,7-9; Mk 6,17-28).
VI.
Liebe Gemeinde,
bevor Johannes gefangen genommen wird, hat er noch seinen Cousin, Jesus von Nazareth, getauft (3,21f). Hier kommen die beiden wieder zusammen, deren Mütter vom Engel Gabriel die Verheißung empfangen haben, dass sie einmal Prophet, Erlöser und Retter des Volkes werden.
Klein und unscheinbar hatte es 30 Jahre zuvor in der Nähe von Jerusalem und Bethlehem begonnen. Der eine geht in die Wüste und erhält von Gott den Auftrag, Umkehr zu predigen und zu taufen. Der andere kommt zu Johannes und empfängt bei ihm die Taufe und den Heiligen Geist (Lk 3,21f). Der eine bereitet den Weg des anderen vor; er ebnet den Weg, auf dem Menschen wieder Hoffnung schöpfen für die Welt von morgen.
Mit dem Auftreten von Johannes ist etwas in Bewegung geraten, was sich nun nicht mehr aufhalten lässt – nicht durch Herodes [Antipas] und auch nicht Pontius Pilatus.
Das, was wir für die Welt von morgen erhoffen, das, was wir am 3. Advent erwarten, das wird nicht angestoßen durch Tech-Konzerne, EU-Kommissionen oder UN-Klimakonferenzen, nicht in Moskau, Brüssel, Washington, Berlin oder Peking.
Das, was wir am 3. Advent erwarten und was nicht mehr aufzuhalten ist, begann vor 2.000 Jahren mit der Ankündigung der Geburt zweier Kinder: Johannes, den Sohn der Elisabeth, und Jesus, den Sohn der Maria – Prophet, Erlöser und Retter des Volkes und Grund unserer Hoffnung in dieser schwierigen Welt.
»Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus.« (Phil 4,7). Amen.

