Predigt zu Johannes 19, Verse 16 bis 30

Liebe Gemeinde,
fast vergessen. Als unwichtig betrachtet. Und auch nicht angenehm zu hören. Das ist die Geschichte vom Leiden Jesu. Geschichten von Heilung, von Wundern, von seiner Macht – die hören die Menschen lieber. Und doch sind wir hier. Jetzt. Am Karfreitag. Und hören vom Leiden Jesu. Von seinem Sterben.

Ohne Schuld, ohne Verbrechen. Und doch wird er zum Tode verurteilt. Ohne Waffen, ohne Widerstand. Und doch wird er mit einer Truppe Soldaten überfallen. Er wird verraten – von einem, der ihm nahe steht. Von einem, den er selbst begleitet, von seinem eigenen Jünger.

Und wo sind die Menschen, die ihm folgen? Wo sind seine Jünger, die ihn lieben? Er nennt sie Brüder. Doch sie alle verlassen ihn. Sogar Petrus verleugnet ihn. Nicht nur einmal, sondern dreimal. Er ist allein. Ohne Helfer. Auch nicht vom Himmel, nicht von Gott, den er seinen Vater nennt.

Ja, er nennt sich Gottes Sohn. Und deswegen wird er der Gotteslästerung beschuldigt. Am Ende nennt man ihn König. Nicht um ihn zu ehren, sondern um ihn zu verspotten. Er bekommt eine Krone – aber nicht als Zeichen seiner Macht, sondern um ihn zu quälen. Und das Kreuz, an dem er sterben wird, trägt er selbst bis nach Golgatha.

Am Kreuz wird er weiterhin verspottet. Die Soldaten zeigen deutlich, dass er keinerlei Rechte hat – nicht einmal auf seine Kleidung und sein Gewand. Sie zerreißen es und teilen es unter sich auf. Über sein Gewand werfen sie das Los.

Mitten im Leiden sieht Jesus seine Mutter – ihr Herz ist gebrochen, als sie ihren Sohn leiden und gekreuzigt sehen muss. Jesus schaut sie an und denkt an ihre Zukunft. So wie alle Menschen, die wissen, dass ihr Ende naht. Sie tun, was sie können, für die Zukunft derer, die sie lieben. Und Jesus gibt – bevor er stirbt – dem Jünger, den er liebt, den Auftrag, dass er seine Mutter bei sich aufnimmt.

Liebe Gemeinde,
das ist Jesus – über ihn hat Gott vom Himmel gesprochen: „Das ist mein geliebter Sohn.“ Er ist eins mit dem Vater, mit Gott. Aus seinem Mund kommen die Worte Gottes.

Wahr ist, was Pilatus an sein Kreuz geschrieben hat: Er ist der König. Und nicht nur der König der Juden, sondern der König der ganzen Schöpfung.
Er herrscht im Himmel – aber er entscheidet sich, auf die Erde zu kommen.

Und er kommt nicht nur, um geboren zu werden, zu spielen, zu lernen und aufzuwachsen. Nicht nur, um Freundschaften zu schließen, zu lehren und Hochzeiten zu feiern.
Er kommt auf die Erde und geht bis an den tiefsten Punkt des menschlichen Lebens. In das Leiden, in den Tod und das Sterben.

Liebe Gemeinde,
Leiden. Es ist kein schönes Wort. Wir versuchen, es zu vermeiden. Doch hat das Leiden tatsächlich die Kraft, Menschen zu verbinden.
Die zerbrochene Beziehung zwischen Menschen und Gott wird wiederhergestellt. Durch Jesus Christus sind die Menschen nicht mehr getrennt von Gott. Und Gott, der dem Menschen einst fern scheint, wird nun nahe.

Durch das Leiden Jesu dürfen wir glauben, dass auch Gott unser Leiden kennt. Dass er mit uns weint.
Dass er unsere Einsamkeit fühlt.
Dass er uns nicht allein lässt.

Weil Jesus gelitten hat, dürfen wir glauben,
dass Gott nicht nur unsere Gebete hört,
sondern auch unseren körperlichen Schmerz versteht.
Er tröstet uns nicht nur,
sondern weiß selbst, wie es sich anfühlt, verlassen zu werden.
Er hört nicht nur unsere Enttäuschung,
sondern kennt selbst den Schmerz des Verrats.

Die Liebe Gottes führt Jesus zu uns.
Und mit seiner Liebe lädt er uns ein, zu Gott zurückzukehren.
Aus Liebe macht er es möglich,
dass wir eine neue Beziehung zu Gott haben können.
Auch wenn diese Liebe ihn viel kostet.
Sie bringt ihm Leiden – und kostet ihn das Leben.

Am Ende ist es vollbracht.
Alles ist getan.
Alles, was vorhergesagt wurde, erfüllt sich.
Und alles, was Gott tun kann, um uns seine Liebe zu zeigen,
hat er durch Jesus Christus getan.

Er gibt alles, was er hat.
Und er tut alles, was er kann.

Es ist vollbracht.

Aber, liebe Gemeinde,
auch wir können es sehen:
Alles, was Gott getan hat, scheint vergeblich zu sein und bleibt ohne Wirkung für die Menschen, die es nicht annehmen wollen.

Denn Liebe lässt sich nicht erzwingen.
So groß das Opfer auch ist, das Gott in Jesus Christus für uns bringt – kann er uns nicht zwingen, es anzunehmen.
Seine Liebe wartet auf eine Antwort.
Und viele Menschen sind nicht bereit, diese Liebe zu empfangen.

Denn so wie in der Liebe zwischen Menschen:
Wer die Liebe eines anderen annimmt, ist auch bereit, ihn zurückzulieben.

So ist es auch mit der Liebe Gottes.
Wer seine Liebe annimmt, ist eingeladen, ihn ebenso zu lieben –
von ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit all seiner Kraft,
so wie er uns geliebt hat – mit allem, was er ist und hat.

In seinem zweiten Korintherbrief schrieb Paulus:
„Und er ist für alle gestorben, damit die, welche leben, nicht mehr sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferweckt worden ist. … Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“

Wenn wir die Liebe Gottes annehmen, dann werden wir verwandelt. Wir werden zu einer neuen Schöpfung –
die nicht mehr für sich selbst lebt,
sondern für den, der für uns gestorben und auferstanden ist.

Eine neue Schöpfung zu werden geschieht aber nicht automatisch, sobald wir unser Herz für Gottes Liebe öffnen.
Im Gegenteil – es braucht eine bewusste Entscheidung, eine große Mühe.

Die Liebe Gottes anzunehmen heißt:
bereit zu sein, den Weg Jesu zu gehen.
Und seinen Weg zu gehen bedeutet:
bereit zu sein, auch mit ihm zu leiden.

Und es gibt viele Menschen, die nicht bereit sind zu glauben, dass Jesus für sie gestorben und auferstanden ist.

Sie sagen:
„Ich bin nicht sündig – ich brauche keine Vergebung.“

„Ich brauche kein Opfer von Christus.“

„Ich kann mich selbst lieben. Ich brauche keine Liebe von Gott.“

Liebe Gemeinde,
Aber wir sind nicht so. Für uns ist das Leiden Jesu nicht vergeblich. Weil wir heute hier sind, um anzuerkennen, dass Jesus Christus für uns gelitten, gestorben und auferstanden ist.
Wir sind heute hier, um für die Liebe Gottes dankbar zu sein.

Wir sind heute hier, nicht nur, um über das Leiden Jesu zu weinen. Auch nicht, um zu hoffen, dass das Leiden Jesu unser Leiden und das Leiden der Welt aufhebt.

Im Gegenteil, wir sind hier, um daran erinnert zu werden, wie stark Jesus Christus für uns gelitten hat.
Und wir sind hier, um gestärkt zu werden.
Um Trost zu finden. Denn auch wenn unser Leiden weitergeht, sind wir nicht allein.

Liebe Gemeinde,
Leiden. Wie unangenehm zu hören. Doch durch das Leiden, das Sterben und die Auferstehung Jesu Christi haben wir neue Beziehung zu Gott.
Auch eine tiefe Verbindung zwischen Menschen kann entstehen, wenn sie gemeinsam leiden.

Durch das Leiden Jesu Christi lernen wir, dass Gott uns nicht allein leiden lässt. Er leidet mit uns. Deshalb soll es auch niemanden unter uns geben, der alleine leiden muss. Nicht in unserer Familie und auch nicht in unserer Gemeinde.
Unsere Gemeinde soll ein Ort sein, an dem wir unser Leid teilen,
ein Ort, an dem wir offen sind, um zu helfen und Hilfe zu empfangen,
ein Ort, an dem wir Menschen finden, die sich um uns kümmern, denen wir vertrauen können.

Vielleicht weint und schreit gerade jemand unter uns in seinem Herzen. Oder vielleicht ist es jemand in unserer Familie, der gerade leidet, ohne dass wir es wissen. Vielleicht ist es unser Partner oder Partnerin,
Oder unser Nachbar.
Und natürlich viele Menschen in unserem Land.
Und noch viele mehr außerhalb unseres Landes.

Die Frage ist:
Wie weit sind wir bereit, für unsere Familie, Partner, Kinder, Eltern, in ihrem Leiden da zu sein?
Wie weit sind unsere Ohren bereit, anderen zuzuhören?
Wie weit ist unser Mund bereit, zu trösten?
Wie weit sind unsere Hände bereit, zu helfen?

Liebe Gemeinde,
eine große Liebe haben wir von Gott empfangen.
Diese Liebe ist unsere Kraftquelle,
um im Leid auszuhalten.

Und füreinander, sogar im Leiden, da zu sein.

Durch das Leiden und den Tod Jesu Christi lernen wir,
dass auch wenn wir leiden müssen, dann leiden wir zusammen. Wir tragen einander die Last.
Bis das Leiden auf dieser Welt vorbei ist.
Denn das Leiden, so schwer es auch sein mag, wird enden.
Und der Tod hat nicht das letzte Wort.
Auch wenn Jesus Christus sterben muss, halten wir an seinem Versprechen fest.
Dass er wiederkommen wird.
Er lebt und gibt uns Leben und Sieg.

Gottes Frieden, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.