Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,
„Mach`s noch einmal!“ Dieses Motto passte nicht nur, als Rudi Völler in besseren Zeiten bei einer Fußball-WM für Deutschland die Tore geschossen hat.
Dieses Motto passt auch im mehrfachen Sinn zu diesem Gottesdienst. Es kommt ja nicht oft vor, dass man in zwei Gottesdiensten direkt hintereinander über denselben Text predigen darf! Der Gottesdienst mit meiner Einführung als Pastor in dieser Gemeinde liegt jetzt auch schon vier Wochen zurück. Heute ist ein ganz anderer Tag. Und heute ist ein ganz anderer Anlass.
Ich finde, dass der Taufspruch, den Sie sich für N.N. ausgesucht haben, auch ganz viel mit diesem Motto zu tun hat. Im 145. Psalm heißt es im 14. Vers: „Der Herr hält alle, die fallen, er richtet alle auf, die gebeugt sind.“ N.N. ist in ihrem verhältnismäßig kurzen Leben schon ziemlich oft hingefallen. Sie ist der eher wagemutige Typ und möchte unbedingt ausprobieren und lernen. N.N. lernt wahrscheinlich in erster Linie durch Ausprobieren. Als ich bei Ihnen war, hat sie versucht, auf das Sofa hochzuklettern. Das geht natürlich noch nicht, aber sie hat es ganz instinktiv probiert. N.N. ist in der Phase, in der sie gerade gehen lernt. Und dabei fällt sie natürlich oft auf die Nase. Manchmal tut das sicherlich auch weh. Aber komischerweise ist N.N. noch nie auf die Idee gekommen, das Laufen lernen deshalb lieber bleiben zu lassen. Sie probiert es immer wieder.
Der Vers aus dem 145. Psalm kann Mut machen, nicht aufzugeben. Er verschweigt nicht, das man im Leben auch richtig auf die Schnauze fallen kann und dass das weh tut. Beim Toben und Spielen mögen es aufgeschlagene Knie und Schirfwunden sein. Das tut weh. Später im Leben wird es noch andere Niederlagen und Enttäuschungen geben. Es tut weh, wenn man an einem Vorhaben scheitert. Gerade dann, wenn viel Herzblut und Liebe darin gesteckt hat. Es kann auch unglaublich wehtun, wenn man sich von Vorstellungen und Wünschen verabschieden muss, weil man erkennt, dass sie nicht in Erfüllung gehen werden. All das gehört zum Leben dazu. Jeder und jede einzelne kann es mit Erfahrungen aus der eigenen Biographie füllen.
Und dann heißt es in der Bibel: „Der Herr hält alle, die fallen, er richtet alle auf, die gebeugt sind.“ Die Psalmen in der Bibel sind Gott sei Dank Lehrtexte, die uns irgendwelche christlichen Weisheiten beibringen wollen. Es sind Gebete, die Menschen gesprochen haben und die sie später aufgeschrieben haben. Es sind Erfahrungen, die Menschen gemacht haben. Sie sind ein Stück Leben, das andere an uns weitergeben, die ihre Erfahrungen mit Gott mit uns teilen. So sollte ich das hören, wenn es heißt: Der Herr hält alle, die fallen, er richtet alle auf, die gebeugt sind. Welche Erfahrungen, welche Lebenssituationen stecken wohl in diesen Worten? Auf jeden Fall sind sie real gelebt und nicht nur in ein Buch geschrieben. Das macht sie für mich wertvoll.
Und was ist mit Simon und den Fischern, von denen Herr Specht gerade erzählt hat? Ihr Leben war von relativ klaren Realitäten geprägt. In meiner Vorstellung sind Fischer er nüchterne, vielleicht etwas wortkarge Menschen – zumindest in Ostfriesland. Auf jeden Fall haben sie doch einen gewissen Plan davon, wie das Leben funktioniert. Das Leben der Fischer am See Genezareth bestand vor allem aus Arbeit. Sie gingen früh los, machten ihre Boote und Netze klar, fuhren raus auf den See um zu fischen. Und von dem, was sie den Tag über gefangen haben, ernährten sie ihre Familien und bestritten ihr Leben. Sie wussten, dass man einiges dafür tun und auch können muss, um ausreichend Fische zu fangen. Ganz sicher wussten oder spürten sie aber auch, dass es nicht nur allein an ihnen lag, ob sie Fische fangen. Ich glaube, es war ihnen klar, dass es auch an Gottes Segen liegt, dass der See Fische und die Arbeit ein Auskommen hergibt.
Dass es Tage gibt, an denen dass nicht so ist, kannten sie vermutlich auch. In der Geschichte heißt es, dass sie die ganze Nacht gearbeitet haben und nichts gefangen. Ich kann mir vorstellen, wie sich das anfühlt. Echt Scheiße. Ganz schön leer. Vielleicht haben sich nach dieser Nacht die Herzen genauso leer angefühlt wie die Netze. Vielleicht war es für den einen oder anderen im Team sogar ein Augenblick, in dem er darüber nachgedacht hat, ob sich das alles eigentlich überhaupt noch lohnt mit den Fischen, mit den Booten und dem See. Ob das Leben so überhaupt noch funktioniert, oder ob man sich nicht lieber etwas Neues suchen sollte, um den Lebensunterhalt zu verdienen.
Auch diese Erfahrung kennen wir vielleicht. Sie kann im Arbeitsleben vorkommen, in der Wirtschaft, aber auch im privaten Engagement für eine Sache, die uns am Herzen liegt – im Sportverein oder auch in der Gemeinde. Und vielleicht gibt es unter uns auch einige, die in der Familie, in der Beziehung oder bei der Erziehung der Kinder schon einmal den Eindruck hatten, es hat alles keinen Zweck mehr. Lassen wir es doch einfach. Meine Kraft ist jetzt verbraucht.
Jesus sagt zu Simon dem Fischer: „Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!“ Welchen Grund, um alles in der Welt sollte es geben, das zu tun? Dieser Kerl mag ja gut über das Reich Gottes reden können, aber wie einer, der was vom Fischen versteht, sieht er nun wirklich nicht aus. Warum sollten wir es gerade jetzt noch einmal probieren, wo die Beine schwer sind und die Hoffnung auf dem Nullpunkt? Warum sollten wir uns das antun, noch einmal nach langer Arbeit in leere Netze schauen nur um uns zu fragen, was das eigentlich soll?
Ich glaube, es gibt nur einen einzigen Grund, den Kurs aufzunehmen und wieder auf den See rauszufahren und die Netze auszuwerfen: Vertrauen.
Die Fischer in der Geschichte scheinen an diesem Jesus etwas gefunden zu haben, was sie ihm vertrauen lässt. Vertrauen ist nicht rational oder berechnend. Vertrauen ist intuitiv, und es ist eine der ersten und grundlegenden Fähigkeiten, mit denen wir ausgestattet sind. Ich habe den Eindruck, dass wir Vertrauen manchmal eher verlernen, je mehr wir uns im Leben darauf konzentrieren, für uns selbst zu sorgen und die Risiken abzuschätzen. Kindern fällt es jedenfalls oft leichter zu vertrauen und vielleicht ist das ja auch mit der Grund, warum Jesus sagt, wenn ihr nicht werdet wie sie, dann werdet ihr das Himmelreich niemals erreichen.
Leben hat zuallererst mit Vertrauen zu tun und glauben hat auch vor allem mit Vertrauen zu tun. Wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott es gut mit uns meint. Und wir dürfen darauf vertrauen, dass auch unser Leben trotz allen Scheiterns gelingen wird. Wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott nach dem Verlust neues bereithält, das wir jetzt noch nicht kennen. Gott gibt uns niemals auf. Und wir geben dieses Leben niemals auf, denn es ist so kostbar.
Lasst uns Kurs aufnehmen, liebe Schwestern und Brüder, und auf den See hinausfahren und unsere Netze auswerfen!
Amen.

