• Predigt
»Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus.« (Röm 1,7) Amen.
I.
Liebe Gemeinde,
als Hannover 1943 bombardiert wurde, traf das nicht nur unser Kirchengebäude, sondern auch das benachbarte Landesarchiv. Dort verbrannte die berühmte Ebstorfer Weltkarte. Sie wurde vor über 700 Jahren erstellt in einem Benediktinerinnen-Kloster in der Lüneburger Heide. Die runde Karte hatte einen Durchmesser von 3 ½ m. Sie zeigt die damals bekannten Kontinente Asien, Afrika und Europa. In der Mitte befindet sich Jerusalem und ganz im Osten ist das irdische Paradies abgebildet mit einer männlichen Schlange, Adam und Eva, den beiden Bäumen und einer Abbildung der vier Ströme, die im Paradies entspringen.
Die Menschen im Mittelalter waren überzeugt, dass es das Paradies auf der Erde noch gibt – irgendwo an einem verborgenen Ort. Als später immer mehr Reiseberichte erschienen, war man sicher, den Garten Eden eines Tages zu finden. Man müsste nur den Weg von Euphrat und Tigris an den Ort zurückverfolgen, wo diese Flüsse entspringen, und schon stünde man vor dem Paradies.
In unserem Predigttext heißt es: Das Paradies liegt »im Osten, in der Landschaft Eden«, da wo vier Ströme den Boden fruchtbar machen und alle Arten von Bäumen emporwachsen. Und seit letztem Sonntag wissen wir, wo genau das ist: Das Paradies liegt im Osten, im Bundesland Sachsen-Anhalt, jetzt noch verborgen, aber bald schon Realität. Und so stellt man sich in einem alternativen Deutschland das Paradies vor: Es gibt dort nur Deutsche mit traditionellen Vornamen – Siegfried und Hildegard zum Beispiel. Adam und Eva kommen eher nicht infrage – das sind hebräische Namen. Aber das traditionelle Rollenbild von Mann und Frau entlehnt man gerne der Bibel, wo ja berichtet wird, dass Eva aus der Rippe Adams entnommen sei und ihm als ›Gehilfin‹ diene.
Dieses Paradies wird durchzogen von vier Flüssen: Elbe, Mulde, Saale, und die Schwarze Elster. Wüsten wie in der Bibel gibt es keine, dafür aber gesunde deutsche Wälder. Der »Baum der Erkenntnis« wäre eine Linde und der »Baum des Lebens« ein deutscher Eichenbaum.
In diesem Paradies werden die Steuern gesenkt. Einen menschengemachten Klimawandel gibt es nicht, nur natürlich steigende Temperaturen. Der hohe CO₂-Anteil ist in diesem Land völlig unschädlich. Im Gegenteil, er regt sogar das Pflanzenwachstum an und sichert die Ernährung der Bevölkerung. Gas und Öl kommen wieder aus Russland. Die CO₂-Bepreisung wird abgeschafft. Das Land steigt aus Klimaschutzabkommen aus, reaktiviert seine Kohlekraftwerke und baut neue Atomreaktoren. Windkraftanlagen werden rück­gebaut; denn die »Windmühlen der Schande« sollen deutsche Wälder und Felder nicht mehr verhunzen. Neuwagen mit Verbrennermotor werden gefördert und der ›links-grün versifften‹ Kirche werden die Staatszuschüsse und die Kirchensteuer gestrichen.
Willkommen im Paradies in Sachsen-Anhalt, in dem Ursprungsland der Reformation und dem Land der Frühaufsteher!

II.
Liebe Gemeinde,
ich hoffe, Sie verzeihen mir diesen etwas launischen Beginn meiner Predigt. Ich bin ja Pastor der anhaltischen Landeskirche, weil die reformierte Kirche damals zu viele Theolog*innen hatte und ich froh war, in Anhalt eine erste Stelle zu finden. Ohne Staatszuschüsse und die Kirchensteuer über die Finanzämter hat diese Kirche dort kaum eine Überlebenschance.
Ohnehin sind es nur noch 14 Prozent, die in Sachsen-Anhalt zu einer der beiden großen Kirchen gehören. Das sind sogar 3,2 % weniger als das Ergebnis der CDU bei der verheerenden Wahl am Sonntag.
Es macht sich eben bemerkbar, wenn Kinder in der Schule keinen Religionsunterricht mehr haben und statt Konfirmation Jugendweihe gefeiert wird.
Es hat Folgen, wenn Eltern und Kinder nicht mehr verstehen,
- dass wir Menschen alle Gottes Ebenbild sind – egal welche Hautfarbe wir haben, welche Sprachen wir sprechen und inwieweit unsere Körper einem menschlichen Idealbild genügen,
- dass Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung keine beliebigen Werte sind in einer Demokratie, sondern ihre Voraussetzung,
- dass Menschen diese Werte über Jahrhunderte hinweg den Mächtigen abtrotzen mussten, und dass sie auf jüdisch-christliche Grundüberzeugungen zurückgehen,
- dass es für Angriffskriege keine Rechtfertigung gibt – weder 1939 noch 2022 und
- dass die Schöpfung den Menschen durch Gott anvertraut ist zum verantwortlichen Gebrauch.
Ich sage das, weil wir seit den 80er Jahren »Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung« als einen Grundauftrag der Ev. Kirche verstehen.
Mir ist ein Rätsel, wie das alles jetzt infrage gestellt wird und als ›Klimareligion‹ oder als westliche Verweichlichung der Moral oder als Hemmnis für Investitionen verunglimpft wird. (Pause)

In unserem Predigttext ist von vier Strömen die Rede; sie entspringen aus dem Paradiesstrom: Pischon, Gihon, Eufrat und Tigris. Sie machen aus der leblosen, staubigen Erde fruchtbares Land, das der Mensch bebauen und bewahren soll.
In den 80er Jahren waren die Menschen in Sachsen-Anhalt beunruhigt, weil ihre Flüsse diese Aufgabe nicht mehr erfüllten; sie waren in einem schlimmen Zustand. Elbe und Saale galten als die am stärksten vergifteten Flüsse Europas. Jahrzehntelang wurden ungeklärte Industrieabwässer eingeleitet. Planwirtschaft und Chemieproduktion hatten in der DDR Vorfahrt. Umweltschutz wurde sträflich vernachlässigt.
Die Elbe transportierte jährlich eine ›Giftsuppe‹ von Quecksilber, Blei und Chlorid. Fischerei war nicht mehr möglich. Und die Saale trug den traurigen Beinamen »Chemie-Kloake der DDR«. Sie transportierte Abwässer der Chemie-Kombinate Buna und Leuna. Flussabwärts davon war die Saale biologisch praktisch tot.
Die Mulde war ›Abwasserkanal‹ der Industrien um Bitterfeld und Wolfen. Sie war mit Schwermetallen, Pestiziden und hochgiftigen Chlor-kohlen-wasserstoffen belastet. Und die Schwarze Elster musste riesige Mengen an eisen- und schwefelhaltigem Wasser aus dem Braunkohle-Tagebau aufnehmen. Das Wasser war übersäuert und braungefärbt.
Die DDR-Regierung versuchte, das Ausmaß der Umweltkatastrophen geheim zu halten. Umweltaktivist*innen, die sich zu ihren Recherchen in kirchlichen Räumen trafen, wurden von der DDR-Regierung bespitzelt, verfolgt und mundtot gemacht.
Die Proteste und Aktionen der Umweltaktivisten waren eine Keimzelle der massenhaften Proteste, die 1989 zum Fall der Mauer geführt haben
Die Kirchen der DDR hatten mit ihrer Teilnahme am weltweiten »Konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung« wesentlich zum kritischen Denken beigetragen. Deshalb unterstützten sie die Umweltgruppen.
→ Das alles scheint vergessen, wenn man dort nun mit Parolen erfolgreich sein kann wie »Wir holen uns unser Land zurück«. Das Land ist ja noch da. Mit vielen Milliarden Euro aus Westdeutschland und der EU wurden die belasteten Flüsse und Flächen saniert.
Und wohin will man zurück? In ein Staatssystem, dass Menschen diskriminiert, bespitzelt und verfolgt hat? Dieses System wurde gestürzt, als Menschen erst zu den Montagsgebeten gingen und dann auf die Straßen.
Oder will man zurück in die Zeit, als die Kirchen bekämpft, kontrolliert und finanziell ausgetrocknet wurden? Ich meine nicht nur die 40 Jahre DDR, sondern auch die 12 Jahre davor. Viele Kirchengemeinden gaben Menschen, die nach Freiheit suchten, Schutz in ihren Räumen. Und jetzt will man diese Kirchen wieder drangsalieren?
Die leitenden Geistlichen in Sachsen-Anhalt haben sich deshalb am vergangen Montag zu Wort gemeldet. In der Erklärung von Bischof Feige, Landesbischof Kramer und Kirchenpräsident Wolkenhauer heißt es:
»Unsere Sorge gilt (...) den von der AfD angekündigten Folgen, die das Wahlergebnis für Kultur und Bildung, Gemeinwesen und Ehrenamt, Diakonie, Caritas und Kirchen haben wird, für innere und äußere Sicherheit. Als Kirchen bringen wir eine lange Geschichte der Resilienz mit, wir haben Diktaturen und Unterdrückung, Kriege und Krisen überstanden und werden auch weiterhin unsere Türen für alle Menschen öffnen, die Schutz und Ruhe, Heilung und Wegweisung in der Gegenwart Gottes suchen.«

IV.
Liebe Gemeinde,
in unserem heutigen Predigttext ist die Erde zu Beginn leblos. Nichts konnte wachsen, »denn Gott der Herr hatte noch keinen Regen auf die Erde fallen lassen.« Erst danach stieg »Wasser aus der Erde auf und tränkte den ganzen Erdboden«. (V.5f)
In diesem Sommer bekamen auch die Sachsen-Anhalter den Klimawandel zu spüren. In Möckern-Drewitz gab es mit 41,8 °C einen deutschlandweiten Hitzerekord. Die Kombination aus extremer Hitze, ausbleibendem Regen und hoher Verdunstung führte zu einem drastischen Einbruch bei der Ernte.
Und die Flüsse in Sachsen-Anhalt hatten niedrige Pegelstände wie noch nie zuvor. In Magdeburg wurden für die Elbe z.B. nur noch 35 bis 39 cm gemessen.
Die Schwarze Elster trocknete in Teilen Brandenburgs und Sachsens fast vollständig aus. Und auch im Flussgebiet der Mulde war an Wassersport nicht mehr zu denken. Bei der Saale sah es ein wenig besser aus, aber nur wegen der Talsperren. Die Wassernot war so groß, dass in mehreren Landkreisen sogar private Brunnen nicht mehr zur Gartenbewässerung genutzt werden durften.
Sollen solche Daten jetzt wieder zurückgehalten werden, wie das zu DDR-Zeiten üblich war?
Im Gebiet Sachsen-Anhalts hat man Erfahrung mit menschen- gemachten Umweltkatastrophen. Und der massive Temperaturanstieg soll ausschließlich natürliche Ursachen haben? Bereits die Ökumenischen Versammlungen in der DDR haben 1988/89 darauf hingewiesen, dass der maßlose Konsum und die Verbrennung fossiler Energieträger das globale Klimagleichgewicht zerstört.
Schon damals konterten die DDR-Medien, daran habe nur der kapitalistische Westen Schuld. Im Sozialismus gebe es per se keinen Raubbau an der Natur, da die Wirtschaft planmäßig zum Wohle des Volkes gelenkt werde.
Tatsächlich aber hatte die DDR damals mit über 21 Tonnen CO₂ pro Kopf weltweit den höchsten Ausstoß – noch vor den USA. Darüber durfte im Land aber nicht gesprochen werden. Schon 1982 erklärte ein Ministerratsbeschluss sämtliche regionalen und nationalen Umweltdaten zur ›Geheimen Verschlusssache‹.
Wer trotzdem versuchte, kritische Daten zum Treibhauseffekt zu veröffentlichen, wurde von der Stasi als Staatsfeind behandelt.
V.
Liebe Gemeinde,
dieser Sommer hat viele Rekorde gebrochen: Hitzetote, tropische Nächte, Wassermangel, Pegelstände, UV-Strahlung.
Wer auf Öl und Gas aus Russland setzt, ist nicht auf dem Weg zurück in das Paradies. Auch nicht, wer E-Autos verteufelt,
wer wie Don Quijote gegen Windmühlen kämpft, Migranten vergrault oder einen Kulturkampf gegen die Kirchen anzettelt.
Das Paradies ist da, wo es auch klare Vorgaben gibt: »Von jedem Baum im Garten darfst du essen. Aber vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen. Sobald du davon isst, wirst du sterben.« Und nachdem Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis gegessen haben, errichtet Gott eine Brandmauer, damit die beiden nicht auch noch vom Baum des ewigen Lebens essen und unsterblich werden.
Wir leben jetzt »jenseits von Eden«, wir sind sterbliche Geschöpfe, haben dafür aber die Fähigkeit mitgenommen, zwischen dem, was lebensdienlich ist, und dem, was dem Leben abträglich ist, zu unterscheiden. Wir haben ein Bewusstsein von Zusammenhängen und Konsequenzen unseres Handelns.


Wenn es heißt: »Wir wollen unser Land zurück!«, dann könnte man meinen, die DDR sei ein Paradies gewesen. Für sehr viele Menschen war es aber die Hölle, die sie hinter sich gelassen haben. Die Stasi-Akten haben vielen Menschen die Augen geöffnet, dass sie nackt waren in diesem Staat. Dieser Staat trug ›Demokratie‹ nur im Namen, sah Menschenrechte nur im Westen bedroht und schreckte nicht davor zurück, das Militär gegen die eigene Bevölkerung einzusetzen.
Allein bei den Frauenrechten war die DDR der BRD einen Schritt voraus. Doch dahin will man im Alternativen Deutschland nicht zurück. Stattdessen gilt das traditionelle Familienbild, die Unterordnung der Frau und ihre Fixierung auf die Mutterrolle.
Im Paradies war das anders. Ich lese die Schöpfungsgeschichte nicht so, dass Eva als Hilfe dem Adam untergeordnet ist. Vielmehr haben beide ihre Aufgaben im Garten Gottes. Eva ist eine Hilfe, weil Adam es nicht allein schafft. Sie ist ihm »ein Gegenüber, das ihm entspricht«, wie die BasisBibel übersetzt. ›Adam‹ bedeutet wörtlich übersetzt ›Erdling‹ und ›Eva‹ die ›Lebendige‹.
→ Der Erdhafte und die Lebendige – das klingt nicht nach »oben und unten«, sondern nach: Hier der, der die Basisarbeiten macht, und da die, die den Laden voranbringt.

Weil die Schlange Eva getäuscht hat, musste sie das Paradies auch verlassen. Sie wurde von Gott verflucht, auf dem Bauch zu kriechen und Staub zu fressen. In der DDR gab es viele solcher Schlangen. Einer von ihnen war KGB-Offizier in Dresden. Für mich ist schwer zu begreifen, warum diese Schlange 37 Jahre nach dem Mauerfall erneut den Einflüsterer geben darf.

VI.
Liebe Gemeinde,
auf der Ebstorfer Weltkarte ist unten links deutlich unsere Region zu erkennen. Recht klein: Hannover; daneben besonders groß Lüneburg und Braunschweig und darüber Sachsen-Anhalt mit Magdeburg, Halberstadt, Halle, Nienburg (Saale) und Quedlinburg. Die Weltkarte wurde im Kloster lange Zeit in einer feuchten Abstellkammer aufbewahrt. Mäuse machten sich schließlich an den Pergament-Blättern zu schaffen. Zum Glück ist nur kleiner Teil des heutigen Sachsen-Anhalt dem Mäusefraß zum Opfer gefallen. Sonst hätten wir vielleicht vergessen, wie bedeutsam die Region mit ihren Kirchen, Klöstern und fruchtbaren Böden vor 700 Jahren einmal gewesen ist.
Als 1933 in Anhalt gewählt wurde, gab es eine Wahlbeteiligung von fast 94%. 45,2% wählten die braune Bewegung. Sie ahnten nicht, dass sie fortan für 56 Jahre keine freien Wahlen mehr haben würden.
Und sie ahnten auch nicht, dass ausgerechnet diese Partei, die den Menschen Arbeit und Brot sowie nationale Stärke versprach, dass diese Partei und alle, die sie gewählt hatten, dieses Land in einen furchtbaren Krieg führen würden,
inklusive schuldhafter Verstrickung in gleich mehrere Völkermorde, inklusive Flucht und Vertreibung,
inklusive der Teilung Deutschlands für 40 Jahre und
inklusive der 1943 verbrannten Ebstorfer Weltkarte.
»Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.« (Phil 4,7) Amen.