Ökumenischer Gottesdienst "Was ist uns heilig?"
Eingangsgebet
Heiliger Gott,
in diesem Gottesdienst fragen wir, was uns heilig ist.
Woran hängen wir unsere Existenz,
und woraus schöpfen wir Sinn?
Wir spüren das Heilige oft in Momenten,
die uns über den Alltag hinausheben –
im Fluss der Bewegung, im Rhythmus der Musik,
in der Verbundenheit mit Deiner Schöpfung.
Es sind die Augenblicke, die wir nicht in der Hand haben,
die uns verletzlich machen und unser Herz berühren.
Doch wenn wir zurückblicken, sehen wir auch,
wie uns Dinge heilig wurden, die wir für höchste Werte hielten:
Nation, Rasse, Macht und Geld.
Sie erwiesen sich jedoch als ›Heiligtümer des Todes‹.
Sie forderten viele Opfer und blendeten uns mit falschem Glanz.
Dem setzen wir unser Bekenntnis entgegen: Du allein bist heilig.
Deine Heiligkeit fordert keine Opfer, sondern schenkt Leben.
Sie spiegelt sich in der Liebe zwischen Menschen, in der Treue unter Freunden und im Mut, zu helfen, statt gleichgültig abzutauchen.
Jesus hat uns diese Absage an die Mächte des Todes vorgelebt.
Wir bitten dich um die Kraft zur Unterscheidung.
Befreie uns von dem Zwang,
falschen Idealen nachzujagen, die uns und andere zerstören. Schenk uns den Mut,
dort Flagge zu zeigen, wo das Leben bedroht ist –
völlig unabhängig von Herkunft, Hautfarbe oder Lebensentwurf.
Lass uns deiner Schöpfung mit Ehrfurcht begegnen.
Hilf uns, auch Tiere und Pflanzen zu schützen und deine Wunderwerke nicht aus Bequemlichkeit oder Profitgier preiszugeben.
Lass uns dem Leben dienen und den Mächten der Zerstörung widerstehen.
Darum bitten wir in dem heutigen Gottesdienst:
Erwecke neue Kraft in uns durch Dein Wort.
Und segne unser Hören und Tun.
Darum bitten wir dich, durch Jesus Christus,
unseren Bruder und Herrn. Amen.
Predigt
»Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.« (Röm 1,7) Amen.
I.
Liebe Gemeinde,
Ina Schaede und Wolfgang Semmet haben mich bei der Vorbereitung ganz schön in Verlegenheit gebracht. In der dreigeteilten Predigt soll es heute um den jeweiligen ›Lieblingsheiligen‹ gehen. Welchen ich denn nehmen würde, wurde ich gefragt. In meinem Kopf ratterte es: Wir Reformierte haben doch gar keine Heiligen. Na ja, vielleicht unsere Reformatoren: Zwingli, Calvin, Bucer, Bullinger usw. Doch als Kirchenhistoriker kenne ich auch deren Schattenseiten nur zu gut. Ihre Schriftauslegung und Theologie ist für uns Reformierte ein wichtiger Orientierungspunkt. Generell aber gilt für uns: Nur Gott allein ist heilig. Und Vorbild für einen Christenmenschen, da sind sich unsere Reformatoren einig, das wäre allein Jesus Christus.
Nach längerem Überlegen kam mir jedoch eine Erinnerung an die Zeit, als ich 1983 zum ersten Mal die Erklärung des Reformierten Bundes zur Friedensverantwortung der Kirche las. Die Erklärung forderte mitten im Kalten Krieg ein uneingeschränktes Nein zur Herstellung, Lagerung und Anwendung von Massenvernichtungswaffen.
Ich fand das damals als 17-jähriger mutig und glaubwürdig, was der Reformierte Bund da formuliert hatte. Meinem Weg in das Theologiestudium hat das sehr befördert.
II.
Ok., Sie fragen sich jetzt vielleicht, ob ich etwa die Verfasser dieser Erklärung zu meinen Heiligen gemacht habe. Gott bewahre!
Und wenn ich im Studium auf die Friedenserklärung hinwies, wurde mir entgegengehalten, dass Kirche sich gefälligst aus der Politik heraushalten solle. Und zu glauben, eingesparte Rüstungsausgaben würden den Armen dieser Welt zugute kommen, sei naiv. Und im Übrigen würden wir nicht durch unsere Bekenntnistaten gerecht, sondern allein durch den Glauben an Jesus Christus...
Das war zu Beginn meines Studium ganz schön ernüchternd, dass die Studierenden an der Kirchlichen Hochschule in Bethel mehrheitlich offenbar nicht auf der Seite des Ref. Bundes standen.
Im dritten Semester stand dann Bibelkunde auf dem Lehrplan. Und so arbeitete ich mich von vorn bis hinten durch die Texte des Alten und Neuen Testaments. Ich hatte dabei immer wieder die Frage im Kopf: Wie ist das jetzt mit der Friedensverantwortung der Kirche? Wie ist das mit dem Einsatz für Arme? Wie ist das mit dem Verhältnis von Glaube und Taten?
Und recht weit hinten stieß ich auf einen Brief, der mich sehr beeindruckte. Ich las da solche Sätze wie:
4,1-2a »Woher kommen bei Euch die Kriege und Streitigkeiten? (...) 2 ...) Ihr seid bereit, über Leichen zu gehen, ihr seid erfüllt von Gier und Neid, aber nichts davon bringt euch euren Zielen näher. Ihr streitet und führt Krieg, und trotzdem erreicht Ihr nichts«.
→ Für Krieg, so dieser Brief im Neuen Testament, gibt es also keine edlen Ziele; Krieg zerstört das, was es vorgibt zu schützen.
Auch die Erklärung des Ref. Bundes von 1982 kritisierte das weltweite Wettrüsten als ein Produkt von Angst, Machtstreben und globaler Ungerechtigkeit. Sie beklagte, dass der Krieg Ressourcen verschlingt, die zur Bekämpfung von Armut und Hunger dringend benötigt würden.
Und in Kapitel 3,18 las ich »Die Frucht aber, die aus der Gerechtigkeit hervorgeht, wird in Frieden gesät. Sie kommt denen zugute, die Frieden stiften..« → Frieden stiften und für Gerechtigkeit sorgen gehören also zusammen. Auch die Erklärung des Ref. Bundes betonte das sehr deutlich.
Und im Blick auf die Profiteure der römischen Herrschaft heißt es in dem neutestamentlichen Brief, dass die Reichen vor Gott arm und unbedeutend sind und dass sie vergehen werden wie eine Wiesenblume noch während sie ihren Geschäften nachgehen (vgl. 1,10). Und dann gibt es noch eine deutliche Mahnung zum Verhältnis von Worten und Taten:
2,15 Stellt euch vor, ein Bruder oder eine Schwester hat nichts anzuziehen. Es fehlt ihnen sogar das tägliche Brot.
16 Nun sagt einer von euch zu ihnen: »Geht in Frieden, ihr sollt es warm haben und euch satt essen.« Ihr gebt ihnen aber nicht, was sie zum Leben brauchen. – Was nützt das? 17 So ist es auch mit dem Glauben: Wenn er sich nicht in Taten zeigt, bleibt er für sich allein und ist tot.«
Auch die Friedenserklärung stellte heraus, dass Friedensarbeit und Einsatz für Gerechtigkeit keine beliebigen ›politischen‹ Themen für uns sind, sondern grundlegend zum Glauben dazugehören. Ein Glaube, der angesichts von Armut und Aufrüstung schweigt, wird unglaubwürdig. Oder wie es unser Brief sagt: »Wer also weiß, wie er Gutes tun kann und es nicht tut, der macht sich schuldig.« (4,17).
Nicht schweigen und das wenige tun, was man tun kann – das ist Aufgabe eines Christenmenschen in einer Welt von Ungerechtigkeit und weltweitem Wettrüsten.
Wir sehen gerade wieder, wie wichtig solche Mahnungen sind –
nicht nur 1982, sondern auch heute,
- da Europa aufrüstet wie lange nicht,
- da Gelder aus den Haushalten für Soziales, für Klima, Forschung und Bildung abgezogen werden, um das alles zu finanzieren.
- und da ein CIA-Direktor nach Moskau fliegen muss, um Putin von dem Angriff auf einen NATO-Staat abzuhalten.
→ Ich war damals froh, dass ich solche klaren Worte im Neuen Testament gefunden habe. Und vieles erinnerte mich an die Bergpredigt Jesu.
Zu Beginn dieses Jahres habe ich mich wieder mit dem neutestamentlichen Brief beschäftigt. Und ich war überrascht, dass sich in der Forschung der Blick auf diesen Brief verändert hat. Luther hatte ihm noch ›Werkgerechtigkeit‹ und ›Gesetzlichkeit‹ vorgeworfen und den Brief als ›stroherne Epistel‹ an die drittletzte Stelle des Neuen Testamentes gesetzt.
Doch in der neueren Forschung werden die Argumente stärker, dass dieser Brief nicht nur einer der ältesten im NT sein könnte, sondern auch von dem Bruder Jesu stammt. Viele wissen spätestens jetzt, dass ich von dem Jakobusbrief spreche. Auch etliche Kirchenväter führten den Jakobusbrief auf den ›Herrenbruder‹ zurück.
Wenn das stimmt, dann lesen wir im Jakobusbrief, wie in der Familie Jesu über Kriegskultur und Ungerechtigkeit in dem durch die Römer besetzten Land gedacht wurde. Und wir hören geradezu heraus, was Jesus gepredigt hat:
Nicht mitmachen beim Hass! Solidarität üben mit den Schwächsten der Gesellschaft! Nicht nur reden, sondern auch handeln durch Nächstenliebe und Barmherzigkeit.
III.
Mir geht es seitdem beim Lesen des Jakobusbriefes so, dass ich in den einzelnen Sätzen eine unglaubliche Vertrautheit mit dem heraushöre, worum es Jesus in seinen Predigten ging. Und ich kann nachvollziehen, warum so viele Menschen, die jahrzehntelang unter der Besatzung der Römer gelitten haben, diesem Jesus von Nazareth nachgefolgt sind.
Insofern könnte ich Jakobus, den Bruder Jesu und späteren Leiter der Jerusalemer Gemeinde, als meinen ›Heiligen‹ bezeichnen.
»Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.« Amen.

