• Andacht zum Gemeindefest

»Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.« (Röm 1,7) Amen.

Liebe Gemeinde,
»Was ist das eigentlich – ›re-for-miert‹?« Dieser Frage gehen wir heute nach.
Wenn man sagt, etwas wird reformiert, dann will man etwas verändern, es besser machen. Vor allem in der Politik wird immer wieder davon gesprochen, dass etwas ›reformiert‹ werden soll. Ein ganzer »Herbst der Reformen« wurde uns gerade erst angekündigt: Bürgergeld und Renten sollen z.B. ›reformiert‹ werden. Also, wie wir Menschen unterstützen, die gerade keine Arbeit haben, und Menschen, die nach jahrzehnte-langer Arbeit in den Ruhestand gehen. Jede neue Regierung will das Alte ›reformieren‹. Nicht immer kommt dabei etwas Gutes heraus.
I.
Auch in der Kirche war es einmal an der Zeit, sich anzuschauen, was in den 1.500 Jahren nach Jesus aus der christlichen Kirche geworden ist. Und zu fragen, ob es so weitergehen kann. Das war vor genau 500 Jahren. Einige Priester und Theologieprofessoren haben sich die Bibel sehr genau angeschaut. Wir nennen sie Reformatoren. Und sie fragten:
- Was steht eigentlich in der Bibel, wie die Kirche aufgebaut sein soll?
- Was soll in der Kirche gelten?
- Was können die Menschen glauben und hoffen?
Und die Reformatoren haben viele Dinge gefunden; die konnten sie mit dem, was sie in der Bibel lasen, nicht zusammenbringen:
Die Menschen in der damaligen Kirche waren nicht Brüder und Schwestern, wie Jesus das gelebt und gelehrt hatte. Sondern es gab Menschen, die standen über den anderen – Priester und Mönche z.B.. Sie feierten sogar ihre eigenen Gottesdienste hinter einer raumhohen Schranke (Lettner). Und diese Gottesdienste waren in einer Sprache, die viele Menschen gar nicht verstanden – in Latein.
Auch die Bibeln waren in lateinischer Sprache und so teuer, dass kaum jemand eine Bibel zuhause hatte, um mal etwas nachlesen zu können. Stattdessen gab es in den Kirchen viele fragwürdige Bilder von Gott, von Jesus, Maria und den Heiligen.
Für die Priester galt, dass sie nicht heiraten durften; sie hatten dafür aber besondere Rechte und Vorteile gegenüber normalen Christenmenschen.
Und über den Priestern standen die Bischöfe. Sie kamen vielfach aus dem Adel und lebten auch so, wie Kinder aus einem Fürstenhaus es gewohnt waren: gutes Essen, Leben im Luxus, ein schönes Schloss. Einige von ihnen hatten sogar Soldaten und führten Kriege.
Über den Bischöfen standen die Kardinäle, die den Papst wählten. Der galt als Stellvertreter Christi auf Erden. Und er entschied darüber, was die Menschen glauben sollten und was nicht.
Den Menschen in der Kirche wurde gesagt, dass eine tiefe Sünde in ihnen steckt und sie ganz viel unternehmen müssen, um nicht in die Hölle zu kommen: Beichten, Wallfahrten, Maria und die Heiligen verehren, an das glauben, was die Priester ihnen sagten.
Wer etwas anderes glaubte oder die Bischöfe und den Papst kritisierte, dem wurde das Leben schwer gemacht. Der wurde verfolgt, vertrieben oder eingesperrt.
So ging es auch Martin Luther, Huldreich Zwingli und Johannes Calvin. Zwingli wurde sogar von Soldaten getötet.

II.
Was Martin Luther als Reformator für die lutherische Kirche geleistet hat, das wissen die meisten von uns. Wie war das aber mit Zwingli und Calvin, den Reformatoren der reformierten Kirche?

[→ Zwingli- und Calvin-Hocker rechts und links umdrehen]
Sie haben ebenso wie Luther die Kirche ›reformiert‹ und die vielen Mauern entfernt, die zwischen den Priestern und den Menschen in den Gemeinden aufgerichtet wurden.
[→ Sitzhocker mit Begriffen 'Papst' bis 'Wallfahrt' abbauen und in den Gang zu einem Tisch 4x3 zusammenstellen]
Zwingli wollten, dass die Kirche eine nach Gottes Wort reformierte Kirche wird.
[→ Sitzhocker mit »nach« und »Gottes Wort« aus der 2. Reihe auf R E F legen; Bibel oben drauf]
Zwingli veränderte deshalb auch den Gottesdienstraum. Das war vor fast genau 500 Jahren in Zürich.
Zwingli dachte: Es braucht nicht nur Worte. Es braucht auch eine Erfahrung, die im Kopf ›Klick‹ macht: »So ist das also gedacht. Ja, dafür lohnt es sich zu streiten.«
Die Menschen in Zürich wussten, wie der Gottesdienst vorher war. Und sie staunen, welche Veränderungen Zwingli und sein Team daran vornahmen.
Die Priester und Mönche feierten ihren Gottesdienst bisher hinter einer Schranke vor dem Hochaltar. Die Gottesdienstbesucher konnten nur durch kleine Fenster sehen, was dort hinten vor sich ging. Der Priester drehte ihnen den Rücken zu und feierte mit den Seinen Abendmahl. Sie alle bekamen Wein und Brot. Die Menschen vor der Schranke mussten die Stufen hinauf gehen und bekamen dort nur Brot ausgeteilt, keinen Wein.
Zwingli änderte das. Da, wo die Schranke war, baute er eine hohe Kanzel, damit alle hören konnten, wenn er predigte. Und er predigte in deutscher Sprache, damit alle es verstanden. Und das Abendmahl wurde nicht mehr hinter der Schranke gefeiert, sondern da, wo die Menschen in der Kirche saßen.
Vorne wurde ein Tisch aufgestellt, und darauf befanden sich für alle sichtbar Brot und Wein.
[→ Decke über Tisch 4x3, oben Bibel und Teller mit Brot/Trauben draufstellen]
Die Geräte für das Abendmahl waren nicht mehr aus Gold oder Silber, sondern aus einfachem Holz. So sollte klar werden, dass es in der Kirche nicht um Reichtum und Luxus geht.
Und beim Abendmahl musste die Gemeinde nicht mehr bis zur Schranke hochlaufen. Sie blieb in den Bänken sitzen. Kirchenältesten brachten Brot und Wein. Vom Brot brach man ein Stück ab und gab es weiter an den Sitznachbarn. Das Gleiche passierte mit dem Wein in den Kelchen.
So wurde das Abendmahl zu einem gemeinsamen Essen der Gemeinde auf einer Ebene. Vorher war die Gemeinde nur Zuschauerin eines fremden Gottesdienstes. Jetzt machte sie aktiv mit bei der Feier des Abendmahls. Der Leib Christi wurde ihr nicht mehr von oben herab gegeben, sondern Pfarrer und Gemeinde feiern zusammen als eine Gemeinschaft. Es gab keine wichtigen Unterschiede mehr zwischen Pfarrer und Gemeinde. Beide standen auf einer Ebene und beide hörten auf Gottes Wort.
Wer in Zürich bei diesem Gottesdienst vor 500 Jahren dabei war, der merkte: Hier war etwas ganz Wichtiges passiert.
III.
Früher gab es ein Oben und ein Unten in der Kirche. Die Gemeinde war ganz unten, da drüber die einfachen Priester, dann die Bischöfe und ganz oben der Papst. Das war jetzt abgeschafft.
Calvin, der andere Reformator der reformierten Kirche, hatte in Genf die Erfahrung gemacht, dass man für eine Kirchengemeinde Mönche, Bischöfe, Kardinäle und den Papst nicht wirklich brauchte. Die waren auch viel zu teuer, und in der Bibel stand auch nicht viel davon. Viel wichtiger waren für Calvin Menschen, die von der Gemeinde gewählt wurden und folgende Aufgaben übernahmen.
- Jemand, der sich um die Armen und Kranken kümmerte und Geld für die Geflüchteten sammelte. Dafür brauchte man Diakone.
[→ Diakonie-Hocker aus der zweiten Reihe auf I stellen]
- Jemand, der die Kinder unterrichtete. Dafür brauchte man Lehrer.
[→ Lehrer-Hocker aus der zweiten Reihe auf E stellen]
- Jemand, der sich um die Organisation der Kirchengemeinde kümmerte. Dafür brauchte man Kirchenälteste.
[→ Ältesten-Hocker aus der zweiten Reihe auf R stellen]
- Jemand, der die Bibel auslegte und für Seelsorge da war. Dafür brauchte man Pastoren.
[→ Pastoren-Hocker aus der zweiten Reihe auf T stellen]


IV.
Liebe Gemeinde,
Zwingli und Calvin waren darin einig, dass die reformierte Kirche, keine Zwinglische oder Calvinische Kirche sein sollte, sondern eine nach Gottes Wort reformierte Kirche.
[→ Hocker mit den Bildern Zwinglis und Calvin wieder umdrehen]
Sie wussten (mit unserem Predigttext gesprochen), dass es Gottes Werk ist, an dem sie mitarbeiten (1, Kor 3,9).
Sie wussten, dass es ein Fundament braucht, auf dem sie das Ganze aufbauten: nämlich Gottes Wort in Jesus Christus (V.11).
Und sie wussten, dass diejenigen, die pflanzen, und die, die gießen, zusammenarbeiten müssen (V.8). Und dass auch die nachfolgenden Generationen darauf Acht geben sollen, wie sie weiterbauen (V.10)
Und schließlich: niemand soll vergessen: Letztlich kommt es auf Gott an, der alles wachsen lässt (V.7).

»Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.« Amen.