• Predigt
»Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.« (Röm 1,7) Amen.
I.
Liebe Gemeinde,
der Predigttext steht im ersten Buch Mose, Kapitel 11. Es ist die Geschichte vom Turmbau zu Babel:
1 Es gab damals nur eine Sprache, die von allen Menschen gesprochen wurde. 2 Irgendwann verließen die Menschen die Gegend im Osten, in der sie bisher gelebt hatten, und entdeckten eine Ebene im Land Schinar. Nachdem sie sich dort angesiedelt hatten, 3 fassten sie einen Entschluss. »Kommt«, sagten sie, »wir formen Ziegel aus Lehm und brennen sie!« Die Ziegel wollten sie als Bausteine verwenden und Asphalt als Mörtel. 4 »Los, wir bauen uns eine Stadt mit einem Turm, dessen Spitze bis zum Himmel reicht!«, sagten sie. »Das wird uns berühmt machen. Wir werden nicht über die ganze Erde zerstreut, denn dieser Turm hält uns zusammen.«
5 Da kam der Herr vom Himmel herab, um sich anzusehen, was die Menschen da bauten – eine Stadt mit einem Turm. 6 Er sagte: »Das ist erst der Anfang! Sie bilden eine Gemeinschaft und sprechen die gleiche Sprache. In Zukunft wird ihnen kein Vorhaben mehr unmöglich sein! Sie werden alles tun, was sie sich in den Kopf setzen. 7 Kommt, lasst uns hinabsteigen. Wir wollen dafür sorgen, dass sie in verschiedenen Sprachen sprechen, damit sie einander nicht mehr verstehen.«
8 So zerstreute der Herr die Menschen von dort über die ganze Erde, und sie mussten den Bau der Stadt aufgeben. 9 Darum bekam die Stadt den Namen Babylon (»Durcheinander«), weil der Herr dort die gemeinsame Sprache der Menschheit durcheinander gebracht und die Menschen über die ganze Erde zerstreut hatte.
II.
Liebe Gemeinde,
Sie werden sich beim Hören des Predigttextes erneut gefragt haben: »Was hat diese Geschichte vom Turmbau zu Babel mit dem Pfingstfest zu tun?« Ist sie doch irgendwie das genaue Gegenteil der Pfingstgeschichte. Pfingsten ist die Geburtsstunde der Kirche. Babel das Ende einer Stadt. Zu Pfingsten kommt der Geist Gottes über die Menschen, sie haben Gemeinschaft und verstehen sich trotz fremder Sprachen. In Babel verwirrt Gott die Sprache; die Gemeinschaft bricht auseinander, die Menschen werden zerstreut.
Die Geschichte vom Turmbau zu Babel ist also das Gegenstück zur Pfingstgeschichte. Das, was in Babel auseinandergebrochen ist, wird zu Pfingsten wieder zusammengeführt. Das ist der Grund, weswegen dieser Text für Pfingsten als Predigttext vorgeschlagen wird.
III.
Die zweite Frage, die Sie sich vielleicht stellen, ist, ob es tatsächlich einen solchen Turmbau gegeben hat.
Wir wissen das nicht mit Sicherheit, aber es gibt eine geschichtliche Begebenheit, die an den Turmbau zu Babel erinnert. In biblischen Zeiten wollte der assyrische Großkönig Saragon II. eine neue Hauptstadt bauen. Das war 700 Jahre vor Christus. Eine riesige Stufenpyramide sollte in seiner Hauptstadt errichtet werden. Auf dem Grundstein hatte der größenwahnsinnige König folgende Widmung einmeißeln lassen:
»Sargon, der Statthalter von Babylon, (...) der König der Weltgesamtheit; nach meinem Wunsch baute ich eine Stadt (...) oberhalb von Ninive und nannte sie Dur Scharrukin. Ich baute darin einen Palast aus Elfenbein, Ebenholz, (...) Zeder, (...) Wacholder und Terpentinbaum für meine königliche Wohnung. Untertanen aus den vier Weltrichtungen, mit fremden Sprachen, (...) die ich im Namen meines Gottes Assur mit der Macht meines Zepters erbeutet habe, ließ ich dort wohnen und zwang sie zur Integration. Möge die Stadt zu einem Hort der Beute werden, und der Überfluss der vier Weltteile soll in ihrer Mitte angehäuft werden.«
Ein Jahr nach der Grundsteinlegung dieser gewaltigen Stadt kam König Saragon im heutigen Iran im Kampf gegen die Kimmerer ums Leben. Die Bauarbeiten wurden eingestellt, die Bewohner zerstreuten sich in alle Welt. → Hochmut kommt vor dem Fall.
IV.
Liebe Gemeinde,
jetzt wissen wir, was dieser Predigttext zu Pfingsten soll und was vielleicht der Anlass war, die Turmbaugeschichte zu erzählen. Doch, was fangen wir heute damit an?

»Hochmut kommt vor dem Fall.« So sagen wir, wenn jemand hoch hinaus will und dabei tief fällt. Wenn ein Unglück passiert, weil Grenzen überschritten wurden, die man besser nicht überschritten hätte. → Das ist das eine, was wir aus dieser Geschichte lernen können.
Doch in der Geschichte vom Turmbau geht es nicht nur um Grenzüberschreitungen, sondern auch um gegenseitiges Missverstehen: Menschen sprechen nicht mehr dieselbe Sprache und ihnen gelingt nichts Gemeinsames mehr. Wir können das gerade in der bundesdeutschen Politik beobachten.
Die aus der Not geborene Koalition merkt, dass unser Land nach vier Jahren Krieg in der Ukraine, nach den Zolldrohungen aus den USA und nach den steigenden Energiepreisen infolge des Iran-Krieges nicht mehr in ein Gleichgewicht zurückkommt. Eine vernachlässigte Infrastruktur, die Herausforderungen der Digitalisierung, die Belastung der Sozialsysteme und das Ende der fossilen Epoche fordern Antworten, brauchen eine neue Sprache, die auf die Ängste der Bevölkerung Rücksicht nimmt.
Und das ist wahrlich keine einfache Aufgabe für eine Regierung, die aus so unterschiedlichen politischen Lagern besteht.
Der Regierungschef muss seine Worte nach innen und außen sehr bedacht wählen. Er kann seinen Koalitionspartner nicht anschreien. Er kann es sich nicht leisten, den Deutschen Gewerkschaftsbund gegen sich aufzubringen. Er kann den künftigen Rentnern und Rentnerinnen nicht zumuten, bis 70 arbeiten zu müssen, um dann nur eine »Basisabsicherung« zu bekommen.
Der Chef einer Regierung trägt für alle Einwohnerinnen und Einwohner Verantwortung. Er sollte nicht in herablassendem Ton auftreten und den eigenen Mitbürgerinnen und Mitbürgern unterstellen, sie seien undankbar, zu krank oder zu faul.
Das ist kein guter Weg, um eine verunsicherte Bevölkerung zu einer gemeinsamen Anstrengung zu bewegen. In den sozialen Medien sah sich der Kanzler deshalb heftiger Kritik ausgesetzt und er beklagte sich im SPIEGEL, dass kein Bundeskanzler vor ihm so etwas habe ertragen müssen.
Und beim Katholikentag in Würzburg sprach er darüber, wie sehr ihn der Missmut im Land umtreibt. Mit »immer größerer Intensität« beschäftige er sich damit, warum es ihm nicht gelinge, »die Menschen hinreichend zu überzeugen«. Und: »Ich weiß, dass ich in meiner Kommunikation etwas verbessern muss, damit diese Botschaft besser verstanden wird.«
Ich kann und will den Kanzler in seiner Kommunikation nicht beraten, aber mir macht schon sehr große Sorge, was wird, wenn die schwarz-rote Koalition scheitern sollte.
Das gegenseitige Missverstehen kann so nicht weitergehen. Aus dieser Spirale wieder herauszukommen, ist jedoch eine schwere Aufgabe, denn in unsere Medienwelt verkaufen sich schlechte Nachrichten besser als gute. Und Hass und Häme haben in der Anonymität der sozialen Medien einen unheilvollen Nährboden gefunden.

Helfen würde schon, wenn eine Sprache gewählt wird, die emotionale Nähe signalisiert und nicht belehrend daherkommt.
Wenn unbedachte Formulierungen (wie »Basisabsicherung« in der Rente) vermieden werden und die Lebensleistung von jahrzehntelanger Arbeit gewürdigt wird.
Helfen würde, wenn Fehler offen eingestanden werden, nicht nur in der Art der Kommunikation, sondern auch in den Botschaften.
Helfen würde, wenn der Nutzen einer Reform für den Alltag der Menschen deutlich würde. Er reicht nicht, wirtschaftliche Kennzahlen aufzuzählen. Es braucht eine Idee, eine Vision für das große Ganze, das neu entstehen soll.
Helfen würde schon, wenn die Reformen auch den Regierenden etwas abverlangen, nicht nur der zögerliche Verzicht auf eine Diäten-Erhöhung von 500 € monatlich.
V.
Liebe Gemeinde,
Geschichten vom gegenseitiges Missverstehen gibt es nicht nur in der großen Politik, wo das zum politischen Schlagabtausch dazugehört. Es gibt im Leben von uns allen Situationen, in denen Gemeinsames nicht mehr möglich scheint, wo die Situation verfahren ist.
Solche Turmbau­-zu-Babel-Erfahrungen gibt es in Partnerschaften, im Beruf und in der Freizeit. Menschen wollen etwas mitei­nander aufbauen – und wenn die größten Schwierigkeiten überwunden sind, werden sich die Partner einander fremd. Die Freundschaft zerbricht. Und alles endet in Enttäuschung und Bitterkeit.
In der Geschichte vom Turmbau zu Babel wird also eine ganz grundlegende Erfahrung von uns Menschen erzählt, die leidvoll und zugleich rätselhaft ist:
Wie kann es sein, dass man sich zuerst so einig ist, sich voll Zuversicht und Hoffnung an die ge­meinsame Sache macht, und dann scheitert alles kläglich? Warum enden trotz gu­ten Willens aller Beteiligten gemeinsame Aktionen so oft im Streit? Und warum ist es so schwer, miteinander ein gemeinsames Ziel zu erreichen?
In der biblischen Geschichte nimmt das Verhängnis seinen Lauf, als keiner mehr die Sprache des anderen versteht: Von da an zerstreuten sich die Menschen, die eigentlich zu­sammen­bleiben wollten, über die ganze Erde. Und von da an hör­ten sie auf, an ihrem gemeinsamen Projekt weiterzubauen. Stadt und Turm blieben unvollendet.
VI.
Die Sprache des anderen verste­hen – das scheint der Schlüssel dafür zu sein, dass das Miteinan­der gelingt.
Die Sprache des anderen verstehen – das ist gar nicht so einfach. Oft verstehen die Jungen nicht, was die Älteren sagen. Männer haben eine andere Sprache als Frauen. Ein Facharbeiter drückt sich anders aus als einer, der studiert hat. Ja, wenn man es genau nimmt, hat jeder Mensch seine eigene Sprache, seine eigene Art sich auszudrücken.
Die Sprache des anderen verstehen – das ist nicht nur schwierig, weil wir so unterschiedliche Sprachen sprechen. Es ist auch ein Problem des Hörens. Es braucht ja nur laut um uns herum zu sein und schon versteht man nicht mehr alles.
Schwerhörige können davon ein Lied singen: Es ist mühsam, sich aus den Bruch­stücken, die man hört, den Mundbewegungen und der Mimik des Gesprächs­partners den Sinn des Gesagten zusammenzureimen – und dann liegt man oft genug noch daneben.
Gute Ohren reichen allerdings nicht aus, um die Sprache des an­deren wirklich zu verstehen. Manchmal sind Spannungen, Missverständnisse und Konflikte vorprogrammiert. Besonders in einer Welt, die so viel mediale Missgunst bereithält.
VI.
War es das, was wir zu Pfingsten aus der Turmbaugeschichte lernen sollten? Keineswegs.
Die Sprache des anderen verstehen – das geht näm­lich trotzdem, nicht selbstverständlich, aber immer wieder, und manchmal ist es wie ein Wunder: Dazu ein Beispiel aus der Politik:
Nach Jahrzehnten blutiger Kriege herrschte zwischen Ägypten und Israel unversöhnlicher Hass. 1978 waren beim Friedensgipfel in Camp David die Fronten zwischen den Staatschefs Sadat und Begin so verhärtet, dass sie nicht mehr miteinander sprachen und die Koffer bereits gepackt hatten. In letzter Minute brachte der Vermittler Jimmy Carter den beiden Staatschefs Erinnerungsfotos vorbei. Zuvor hatte er heimlich die Namen von Begins Enkelkindern auf die Bilder geschrieben. Als Menachem Begin die Namen seiner Enkel auf den Fotos las, veränderte sich sein Gesicht völlig. Er sprach die Namen leise aus. In diesem Moment machte es bei beiden Männern ›Klick‹. Sie sahen plötzlich nicht mehr strategische Landkarten, sondern die Zukunft ihrer eigenen Familie. Das Eis brach in wenigen Sekunden. Sie packten die Koffer wieder aus und schlossen den historischen Friedensvertrag, für den sie beide noch im selben Jahr den Friedensnobelpreis erhielten.
Ich denke, dass jeder von uns eigene Beispiele einfügen kann, wo eine kleine Veränderung plötzlich Verstehen ermöglicht hat. Wo jemand nicht nur mit den Ohren hört, sondern auch mit dem Herzen.
Verstehen heißt, dass man nicht nur mecha­nisch die Worte aufnimmt, sondern sich von ihrem Sinn auch berühren lässt, dass man innerlich wahrnimmt, was den an­deren bewegt.

Das alles geschieht dann,
- wenn ich mich wirklich für den anderen interessiere und es wichtig finde, was der andere denkt, fühlt und braucht;
- wenn ich dem anderen meine ungeteilte Aufmerksamkeit schenke – und nicht nebenher meinen eigenen Gedanken nachhänge;
- wenn ich den anderen sehe und wahr­nehme, wie er ist –
und nicht so, wie ich ihn gerne für meine Zwecke hätte;
- wenn ich die Ge­duld aufbringe, mich in die Welt des ande-
ren hineinzu­fühlen – und nicht meine Erfahrungen, meine
Urteile und Vor­urteile zum Maßstab nehme.

Das ist alles andere als leicht. Und wahrscheinlich geht es tatsächlich nur, wenn der Geist Gottes unser Herz berührt, wenn Gott uns seinen Geist der Liebe schenkt, so wie es an Pfingsten geschehen ist. Dann aber kann es tatsächlich gelingen, dann ist es möglich zu verstehen und verstanden zu werden. Und das ist eine befreiende Erfah­rung. Das ist ein Stück Himmel auf Erden. Dann brauchen wir auch keinen Turm, um den Himmel berühren zu können.

»Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus.« (Phil 4,7). Amen