»Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.« (Röm 1,7) Amen.
I.
Liebe Gemeinde,
ein Pfarrer sitzt in seinem Garten unter einem Apfelbaum – 1915 mitten im Ersten Weltkrieg. »Dieser Gott ist tot!«, davon ist er überzeugt. Der Pfarrer heißt Karl Barth. Er lebt in der Schweiz. Dort wird nicht gekämpft. Aber das Geheul der Fliegerbomben. Das Schreien der Opfer. Der Geruch des Giftgases dringt zu ihm in den Pfarrgarten, schwappt über die Schweizer Grenze mitten in seine Predigtvorbereitung.
Und er hat recht: Dieser Gott ist tot. Mit diesem Gott sind die Soldaten in Frankreich, Deutschland und England in den Krieg gezogen. Einen toten Gott bringen sie mit auf die Schlachtfelder. Einen Gott, der den Tod bringt.

II.
Karl Barth unter dem Apfelbaum kann, wenn er die Zeitung liest, nicht mehr von diesem Gott reden. Er muss sonntags aber auf die Kanzel und soll von Gott reden. Karl Barth hilft sich mit einer Notlösung. Er schreibt:
»Wir sollen beides, unser Sollen und unser Nicht-Können, wissen, und eben damit Gott die Ehre geben.«
Aber was ist das für ein Gott, dem man die Ehre geben soll? Ist das derselbe Gott, den Karl Barth im Theologiestudium gelehrt bekommen hat – in Berlin, in Tübingen und in Marburg?
Seine Professoren glaubten an die Selbst-Vervollkommnung des Menschen; sie waren der Überzeugung, dass von der christlichen Religion eine sittlich befreiende Kraft ausgeht. Die Kirche würde sich in die Kultur der Welt hinein auflösen und damit das von Jesus verkündigte Reich Gottes voranbringen.
→ Das hatte Karl Barth während seines Studiums im deutschen Kaiserreich gelernt. Jetzt aber musste er die Namen seiner Theologie-Professoren unter einem Kriegsaufruf lesen. Darin wurden der deutsche Militarismus und die Kriegsverbrechen in Belgien gerechtfertigt:
»Ohne den deutschen Militarismus« heißt es da, »wäre die deutsche Kultur längst vom Erdboden getilgt. Zu ihrem Schutz ist er [der Militarismus] aus ihr hervorgegangen in einem Lande, das jahrhundertelang von Raubzügen heimgesucht wurde wie kein zweites. Deutsches Heer und deutsches Volk sind eins. (…) Glaubt uns! Glaubt, daß wir diesen Kampf zu Ende kämpfen werden als ein Kulturvolk (…). Dafür stehen wir Euch ein mit unserem Namen und mit unserer Ehre!«ii
III.
Im Krieg stirbt zuerst die Wahrheit – das konnte Karl Barth Tag für Tag in den Zeitungen der neutralen Schweiz nachverfolgen. Für ihn war aber auch noch etwas anderes gestorben: die Auffassung nämlich, dass der christliche Glaube für die allgemeine Kulturentwicklung anschlussfähig zu machen sei und dass der Glaube auf diese Weise den kulturellen Fortschritt mitbestimmen könne.
In dem Aufruf, den seine theologischen Lehrer unterzeichnet hatten, ging es aber nicht mehr um christliche Werte. Diese waren der allgemeinen Kriegsbegeisterung geopfert worden. In den Predigten wurden die Gläubigen nun zu Demut und Pflichterfüllung angehalten. Sie sollten das Leid tragen und tapfer für die gottgegebene Obrigkeit beten – und natürlich kämpfen. Auf diese Weise wollte man die kulturellen Errungenschaften der Nation verteidigen.
→ Solche Worte waren nicht nur auf Kanzeln im Deutschen Kaiserreich zu hören, sondern in ganz Europa. Gott wurde mobilisiert, um die Kampfmoral der eigenen Truppen zu stärken.
IV.
Nur im Schweizer Dorf Safenwil wollten dem Pfarrer Karl Barth solche Töne nicht über die Lippen kommen. Nationalistische Kriegspredigten – darüber konnte er nur den Kopf schütteln. Als reformierter Pfarrer wusste er, was der Heidelberger Katechismus in Frage 106 zum 6. Gebot sagt. Nämlich:
»Gott will uns durch das Verbot des Tötens lehren,
dass er schon die Wurzel des Tötens,
nämlich Neid, Hass, Zorn und Rachgier
hasst und dass alles für ihn heimliches Töten ist.«
Aber auch die Idee vom Reich Gottes im kulturellen Fortschritt war ihm schon länger nicht mehr plausibel. Diese Art, von Gott zu reden, wie er es im Studium gelernt hatte, blieb ihm zunehmend im Hals stecken.iii
Immer mehr verdichtete sich ihm der Verdacht, dass dieser Gott für alles mögliche herangezogen werden konnte:
zur Legitimierung der eigenen Gerechtigkeit,
der eigenen Moral, des eigenen Staates,
der eigenen Kultur, der eigenen Religion.
Aber dieser Gott konnte nicht einmal verhindern, dass seine Gläubigen mit Mord und Brand übereinander herfielen. Dieser Gott seiner Lehrer war ein Götze, ein toter Gott.iv
V.
In seiner Not, der Gemeinde Sonntag für Sonntag das Wort Gottes zu verkündigen, setzt sich der 29-jährige Karl Barth in seinen Pfarrgarten unter den ehrwürdigen Apfelbaum. Da könnte es sein wie im Paradies: mit allem versorgt und Gott in der Nähe. Aber Karl Barth weiß, so ist es seit der Vertreibung des Menschen aus dem Paradies nicht mehr und mitten im Weltkrieg schon gar nicht – nicht auf den Schlachtfeldern und auch nicht in dem beschaulichen Schweizer Pfarrgarten.
In einer Predigt im Dezember 1914 findet er für die Vertreibung aus dem Paradies folgendes Gleichnis:
»Und nun ist Gott zu einem Fremden für uns geworden. Ja, so stehen wir da. Wir haben uns so verhalten, dass er nicht mehr bei uns bleiben konnte. Es fühlte sich fast zu gut an, in der Nähe Gottes zu sein, unter seiner starken Hand, umgeben vom Licht seiner Wahrhaftigkeit und geschützt durch seine Treue. Wir konnten so viel Gutes nicht ertragen. Die Neugier trieb uns hinaus: Wie wäre es, außerhalb Gottes und seines Friedens zu leben? (...) Der Hochmut kam dazu: Wir wollten mehr sein als Gottes Kinder, groß und eigenständig, vielleicht sogar Gott selbst gleich. Wir wollten herausfinden, was gut und böse ist. Und Gott ließ uns gehen. Nein, er ließ uns stehen, da, wo wir uns hinstellten, und ging weiter, ohne uns, und wurde uns zu einem Fremden.«v
VI.
Liebe Gemeinde,
ich weiß nicht, ob die Hörer und Hörerinnen dieser Predigt Karl Barths gemerkt haben, welche Erschütterung in ihrem Pfarrer vorgegangen war, von welchem ›Baum der Erkenntnis‹ er gegessen hatte. Mitten im Weltkrieg predigte er ihnen die Erschütterung Gottes: Gott ist uns ein Fremder geworden. Er lässt den Menschen stehen, wo der sich selbst hingestellt hat – damals im Garten Eden und heute im Weltkriegseuropa.
Nach so einer theologischen Erschütterung kann ein Pfarrer eigentlich nur noch schweigen und den Beruf wechseln.
Aber Karl Barth setzt sich in seinen Pfarrgarten unter den ehrwürdigen Apfelbaum. In seiner Hand: den Römerbrief des Apostels Paulus, Kommentare dazu, den griechischen Urtext und ein Wörterbuch. Und so fängt er an, für sich den christlichen Glauben neu zu buchstabieren. Wort für Wort arbeitet er sich durch den Römerbrief des Apostels.
Er versucht, Paulus zu hören, als wenn der selbst zu uns sprechen würde. Und Karl Barth kommt zu der Erkenntnis, dass Gott der ganz andere ist. Gott ist Gott – und Niemand, der uns einfach so zur Verfügung steht. Niemand, der nur noch Lückenfüller ist für die menschliche Selbstrechtfertigung. Und niemand, der mit den kulturellen Leistungen des Menschen verwechselt werden darf.

VII.
Mehr und mehr wachsen die Notizen Karl Barths zu einem dicken Buch zusammen. »Der Römerbrief« steht vorne drauf. Aber kein Verlag will das Buch drucken lassen. »So etwas verkauft sich nicht«, schreiben sie. Ein guter Freund Barths, der reiche Unternehmer Rudolf Pestalozzi, muss für den Gewinnverlust bürgen. Und so erschien vor fast 110 Jahren Karl Barths Auslegung des Römerbriefs. Und der schlug ein wie eine »Bombe auf dem Spielplatz der Theologen«vi.
Barths ›Römerbrief‹ war ein Rundumschlag gegen »alle Vereinnahmungen, mit denen sich die Theologie angewöhnt hat[te], Gott einen Platz in unserer Weltwahrnehmung zuzuweisen«.vii Der ›Römerbrief‹ protestierte gegen einen harmlosen Gott, wie er in vielen Kirchen gepredigt wurde.
Für viele Menschen war nach dem 1. Weltkrieg nichts mehr wie vorher. Sie trauerten um die Gefallenen und Verstümmelten; sie waren verzweifelt und hungerten. Politische Systeme gerieten ins Wanken. Und auch die Kirchen konnten sich der Kritik nicht entziehen. Sie hatten an der Seite der Mächtigen mitgespielt, den Namen Gottes hineingezogen in das Kriegsgeschehen. Sie hatten ihre Verkündigung unglaubwürdig gemacht.// Eben genau das, was Barth schon während des Krieges einem seiner Lehrer schrieb:
Da »wird fortgesetzt etwas mit Gott, Gotteserfahrung, Gotteswillen begründet, was ich mit dem Gegenteil von Gott in Verbindung setzen muß, wenn ich nicht allen klaren Inhalt des Wortes ›Gott‹ preisgeben soll.«
Alles das, was Karl Barth in seinem Pfarrgarten erschüttert hatte, erschütterte nun auch Kirche und Theologie. Und deshalb waren die Worte, die sich Karl Barth in seinem ›Römerbrief‹ mühsam abgerungen hatte, jetzt genau das, was viele suchten. Wenige Wochen nach dem Weltkrieg war das Buch fertig. Es wurde von ersten Lesern und Leserinnen irritiert und begeistert aufgenommen. Karl Barth hatte in seinem Pfarrgarten Fragen gestellt, die jetzt dran waren:
»Was soll all das Predigen, Taufen, Konfirmieren, Läuten und Orgeln? all die religiösen Stimmungen und Erbauungen, all die ›sittlich-religiösen‹ Ratschläge (...), die Gemeindehäuser mit und ohne Projektionsapparat, (...) unsere unsäglich zahmen und nichtssagenden kirchlichen Monatsblättlein und was sonst noch zu dem Apparat moderner Kirchlichkeit gehören mag! Wird denn dadurch etwas anders in unserem Verhältnis zur Gerechtigkeit Gottes? Erwarten wir auch nur, dass dadurch etwas anders werde?«ix

VIII.
Liebe Gemeinde,
der Römerbrief des Safenwiler Pfarrers macht schnell seine Runden und führt dazu, dass Karl Barth seinen Pfarrgarten eintauscht gegen einen akademischen Lehrstuhl. 1921 wird er auf eine Honorarprofessur für Reformierte Theologie nach Göttingen berufen. Und hier ist es nun seine Aufgabe, Antworten zu finden auf all die Fragen, die er unter dem Apfelbaum formuliert hat. Und Barth weiß um die Schwierigkeit dieser Aufgabe.
Mit seinen Fragen und Antworten wird Barth Karriere machen – zuerst in Münster, dann in Bonn, wo er von den Nazis vertrieben wird, und schließlich in Basel. Karl Barth wird zum bedeutendsten und einflussreichsten evangelischen Theologen des 20. Jahrhunderts.

IX.
Liebe Gemeinde,
auch hier in der reformierten Gemeinde Hannover gab es eine große Kriegsbegeisterung. Im Gemeindeblatt vom September 1914 schreibt Pastor Eichhorn:
»Die Schicksalsstunde unseres deutschen (...) Vaterlandes hat geschlagen. Ja die Schicksalsstunde Europas. Der Krieg ist da. (...) Wie gern möchten wir jetzt der Last des Krieges entgehen, aber solch Wünschen nützt uns nichts. Es ist Gott, der uns in diese Zeit des Sorgens und Bangens hineingeführt hat, und er hat es getan, damit wir daran lernen und gesegnet werden. (...) Hunderte (...) aus unserer Gemeinde sind zu den Fahnen eingerufen. Wir haben erschüttert unsere braven Truppen hinausziehen sehen und ihnen (...) zugejubelt und ihnen mit Tränen in den Augen Glück gewünscht. Und dann haben wir uns auf Anordnung unseres lieben Kaisers an unseren Kriegsbettag in unserem Gotteshaus versammelt, zahlreich wie noch nie.«

Doch schon bald wird deutlich, dass der Kriegsbettag nicht verhindern kann, dass an der Front viele Soldaten fallen oder vermisst gemeldet werden.xi Im Oktober 1914 wird im Gemeindeblatt dazu aufgerufen, »Geld oder Wäsche, Betten, Decken usw.« für den Einsatz an der Front zu spenden.
Doch die Lage bessert sich nicht. Der Winter 1914 bringt für alle Entbehrungen mit sich. Geld und Papier werden knapp. Der Kirchenrat beschließt, das Erscheinen des Gemeindeblattes einzustellen. In der letzten Nummer vom Dezember 1914 sprich Pastor Eichhorn trotzdem vom »große[n] Krieg, in den wir durch Gottes Hand hineingeführt wurden, denn auch hier stehen wir reformierte Christen auf dem Standpunkt, dass dieser Krieg nicht möglich gewesen wäre ohne den Willen dessen, ohne dessen Willen auch kein Haar von unserem Haupte fallen kann, ja auch alles zu unserer Seligkeit dienen muss. So ist dieser Krieg ein heiliger Krieg für uns, weil er von Gott gewollt ist.«

Anders als viele Theologen seiner Zeit findet Karl Barth keinen vorschnellen Trost darin, dass sich Christen mit Gottes Segen für das Vaterland opfern. Im Gegenteil. Er schreibt 1922:

»Überzeugendes Reden von Gott, das gibt es ja nur da, wo die christliche Verkündigung selbst mitten drin steht in der Not, unter dem Kreuz, in dem Fragen, nach dem Gott allererst fragt, um antworten zu können. Aus dieser Not dürfen wir nicht heraus wollen.«xii

X.
Liebe Gemeinde,
auch wir stecken heute in dieser Not, wenn wir von Gott reden sollen. Unsere theologischen Gewissheiten sind kleiner geworden. Ich meine z.B. unsere Gewissheit von 1989, als von dem Turm der reformierten Kirche in Leipzig Bilder von der Montagsdemonstration um die Welt gingen. Die Hoffnung war groß, dass die Friedensgebete ein zerrissenes Land, ein zerrissenes Europa wieder näher zusammenbringen können. 36 Jahre später sehen wir neue Spaltungen und Anfeindungen. Und die Kirchen sind in der Defensive, ihre Überzeugungskraft nimmt ab. Austritte nehmen zu, und christliche Familien lassen ihre Kinder immer seltener taufen.
Ich bin sicher, dass Karl Barths Anfragen auch uns heute treffen: Dass in der Religion immer schon alles fertig ist ohne Gott. Gott soll immer gut genug sein zur Durchführung und Krönung dessen, was die Menschen von sich aus beginnen.
Ich hoffe, dass irgendwo ein Pfarrer oder eine Pfarrerin seit vielen Jahren im Pfarrgarten unter einem Apfelbaum sitzt und all die Fragen aufschreibt, die ihm oder ihr im Blick auf einen Gott kommen, der auch uns fremd geworden ist. Vielleicht diesmal nicht ein Römerbrief, sondern ein Kolosserbrief, mit der Auslegung unseres heutigen Predigttextes (Kol 2,3-10):

3 In Christus sind alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen. 4 Das sage ich, damit euch niemand mit klugen Worten zu täuschen vermag. (...)
6 Wie ihr nun Christus Jesus, den Herrn, angenommen habt, so lebt nun auch in ihm: 7 verwurzelt in ihm und aufgebaut auf diesem Fundament, gefestigt im Glauben, so wie ihr unterrichtet worden seid, und voller Dankbarkeit. 8 Gebt acht, dass es niemandem gelingt, euch einzufangen durch Philosophie, durch leeren Betrug, der sich auf menschliche Überlieferung beruft, auf die kosmischen Elemente und nicht auf Christus.
9 Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig, 10 und in ihm, der das Haupt aller Macht und Gewalt ist, habt ihr teil an dieser Fülle.
»Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.« Amen.