Predigt am 31. Mai 2026 – Numeri 6, 22-27

Liebe Gemeinde,

Kürzlich fuhr ich mit dem Auto zur Kirche. Es war nicht unsere Kirche. Ich war spät dran und mir war schon bange beim Gedanken an die Parkplatzsuche. Doch siehe da. Ganz nah beim Eingang war ein Parkplatz frei und ich dachte mir: Schlecht besuchte Gottesdienste haben auch ihr Gutes.

Meine Frau sieht das anders.

Sie sagt mir immer: wenn wenig Leute im Gottesdienst sind, bekomme ich mehr vom Segen ab.

Ob mehr oder weniger, Segen gibt es immer am Ende des Gottesdienstes . Etwas zum Mitnehmen, auch wenn einem die Lieder nicht gefallen und die Predigt langweilig ist. Am Schluss gibt es den Segen oder die Segensbitte… Auch heute und außerdem ist Segen unser heutiges Thema. Am Sonntag Trinitatis, dem ersten Sonntag nach Pfingsten, wird ein Predigttext vorgeschlagen, den wir alle kennen. Er steht im 4. Buch Mose im 6. Kapitel:

 

Und der Herr sprach zu Mose:

Rede zu Aaron und seinen Söhnen:

So sollt ihr die Israeliten segnen, sprecht zu ihnen:

Der Herr segne dich

und behüte dich.

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig.

Der Herr erhebe sein Angesicht zu dir

und gebe dir Frieden.

So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, und ich werde sie segnen.

Es ist der sogenannte aaronitische Segen und seit Martin Luther wird er in den meisten evangelischen Kirchen zum Schluss des Gottesdienstes gesprochen. Auch Calvin und Zwingli haben ihn von Martin Luther übernommen und er ist geradezu ein Kennzeichen evangelischer Gottesdienste geworden. Luther war davon überzeugt, dass Jesus genau dieses Segenwort gesprochen hat, als er bei seiner Himmelfahrt von den Jüngern Abschied nahm.

Nur zweimal lesen wir in den Evangelien, dass Jesus gesegnet hat. Wir wissen aber nicht, welche Worte er dabei verwendet hat.

Einmal hat Jesus die Kinder gesegnet, als er sie zu sich kommen ließ. Da heißt es dann: „Er schließt sie in die Arme, legt ihnen die Hände auf und segnet sie.

Das zweite Mal ist es bei seinem Abschied von der Erde, wo es heißt: „Er hob die Hände und segnete seine Jünger und es geschah, während er sie segnete, dass er von ihnen schied und in den Himmel emporgehoben wurde.“

Diesen aaronitischen Segen wollte Martin Luther ans Ende des Gottesdienstes setzen, gewissermaßen als Hinweis auf Jesus Christus, der in den Himmel aufgefahren ist.

Vor Luther war dieses Segenswort in der christlichen Kirche gar nicht üblich. Und bis heute kommt er in der katholischen Kirche kaum vor.

Anders im Judentum. Es war und ist bis heute für Juden das feierlichste aller Segensworte. Es ist der priesterliche Tempelsegen. Auch nach der Zerstörung des Tempels haben die Nachfahren Aaarons, wie es in der Bibel befohlen ist, diese Worte bewahrt und bis zum heutigen Tage dürfen nur die Nachfahren Aarons diesen Segen in der Synagoge sprechen. Nur wer als Jude einen priesterlichen Nachnamen trägt also Kohen, was Priester bedeutet oder Kohn oder Kahn, oder Kahane oder gar Aaron oder auch Levi darf diesen Segen sprechen.

Wer über einen jüdischen Friedhof geht, wird Gräber finden, auf denen zwei Hände zu erkennen sind,  die auf merkwürdige Weise die Finger spreizen. Diese Haltung der Hände und diese Art die Finger zu spreizen gehören zu diesem Segen dazu. Der Grabstein besagt, dass da ein Nachfahre Aarons beerdigt ist.

Das deutsche Wort Segen kommt übrigens vom Lateinischen signum, was Handzeichen bedeutet. Gemeint ist aber nicht die das Hasndzeichen der jüdischen Priester, sondern das Kreuzzeichen, mit dem katholische Priester oder Bischöf oder der Papst die Gläubigen segnet mit und ohne Worte. Das Zeichen alleine genügt. Luther kam es aber auf die Worte an und diese Worte wollen wir uns genauer anschauen:

Der aaronitische Segen besteht aus drei Sätzen.

Heute am Sonntag Trinitatis besinnen wir uns darauf, dass wir Gott in dreifacher Weise erfahren. Wir sprechen vom dreifältigen Gott oder auch vom dreieinigen Gott. Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist und drei Teile hat dieses Segenswort.

Vermutlich wurde deshalb der aaronitische Segen für diesen Sonntag ausgewählt.

Dreimal wird Gottes Namen auf das Volk Israel gelegt.

Der HERR segne und behüte dich.

HERR steht für Gott für den Namen Gottes, den Juden und Christen nicht aussprechen, um ihn nicht zu missbrauchen oder zu entweihen. Wo Gottes Name in der Bibel vorkommt, verwenden wir das Wort HERR, wie es die Juden seit eh und je tun.

Die vier Buchstaben seines Namens, das sogenannte Tetragramm wird nicht ausgesprochen. Der HERR ist es von dem der Segen ausgeht. Nicht die Nachfahren Aarons, nicht die Priester, nicht Pastoren oder Prediger, sondern der HERR. Er ist es der Segen ausbreitet.  Auch wenn wir einen gesegneten Sonntag wünschen oder wenn der Bundespräsident ein gesegnetes Weihnachtsfest wünscht, so ist es die Bitte um Gottes Segen.

Darum heißt es im heutigen Predigttext: „So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, und ich werde sie segnen.“

Ich habe ein Bild vor Augen. Ich sehe eine große Decke, die ausgebreitet wird, eine Decke die schützt, die vor Wind und Kälte bewahrt und warm hält aber auch Schatten spendet, wenn die Sonne zu heiß ist. So kann ich mir Segen vorstellen als eine schützende Decke unter der wir uns behütet fühlen.

Der Herr segne dich und behüte dich, eine Wunschform… Für Grammatikliebhaber sei es gesagt: Es ist ein besonderer Konjunktiv, den man auch Jussiv nennen kann. Es segne dich Gott und Gott behüte dich. Nicht nur ein frommer Wunsch. Segen wird nirgends erklärt aber wir verstehen aus dem Kontext, dass es um etwas Heiliges geht, etwas Göttliches, was herkommt von Gott und auf uns herabkommt und sich über uns ausbreitet wie eine große Decke die uns vor Unheil bewahren soll.

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.

Ein ganz anderes Bild. Ein leuchtendes Gesicht, ein Angesicht, das nicht verschlossen oder finster dreinblickt, auch nicht gleichgültig oder distanziert, sondern freundlich, offen, zugewandt, verständnisvoll, lächelnd. So bekommt der Unsichtbare Gott ein Gesicht. Vielleicht ist es das Gesicht Jesu, der mir begegnet, der mich freundlich anschaut, also nicht bedrohlich, nicht strafend, nicht Angst einflößend. Da ist Wärme, da ist Annahme, Freundlichkeit, Vergebung, Güte, Liebe. Der Herr sei dir gnädig!

Und im dritten Teil des Segens heißt es dann: Der Herr erhebe sein Angesicht zu dir und gebe dir Frieden.

Es überrascht mich, dass Gott nicht von oben auf uns herunterblickt, sondern sein Angesicht zu uns erheben soll.

Welches Bild habe ich da vor Augen?

Werde ich vielleicht hochgehoben? Hält mich Gott in seiner Hand, um mich auf Augenhöhe oder gar von unten anzuschauen?

Dieses Segenswort sagt uns:

Du wirst gesehen. Du wirst wahrgenommen. Nicht nur von oben betrachtet, nicht wie wir auf Ameisen herabblicken, sondern so wie wir uns ein Schmuckstück genau ansehen und es bewundern. Im Segen ist der wertschätzende Blick Gottes auf sein Geschöpf, wie in der Schöpfungsgeschichte, wo es heißt, dass Gott alles ansah, was er gemacht hatte, und Siehe es war sehr gut.

Und zuletzt, nach dem Schutz, nach dem Geschenk der Gnade, nach dem liebevollen Blick des Schöpfers auf sein Geschöpf, kommt die größte Segensgabe: Shalom!

Der Herr gebe dir Frieden. Er fülle dich mit seinem Frieden, er umgebe dich mit Frieden. Er gebe friedliche Gedanken, denen friedliche Taten folgen, das eigentliche Ziel, ein friedliches Zusammenleben in Gerechtigkeit. Segen mündet in Frieden, innerlich und äußerlich. Ohne Frieden ist kein Segen.

Und der ganze Segen wird einem Du zugesagt, aber dieses Du ist keine Einzelperson.

Es ist eine Gemeinschaft, die Gemeinschaft des Volkes Israel. Über diese Gemeinschaft möge Gott seinen Schutz ausbreiten, dieses Volk gnädig ansehen und ihm Frieden geben.

Wenn wir diese Worte hören, sollen wir uns bewusst machen, dass sie Israel gesagt sind und bis heute von den Nachfahren Aarons gesprochen werden. Mehrmals im Jahr versammeln sich in Jerusalem Männer die Kohn oder Kahn oder Kohen oder Aaaron heißen und sprechen an der Klagemauer, wo früher der Tempel stand, über Lautsprecher diesen Segen.

Martin Luther fand, dass dieser Segen am Ende des christlichen Gottesdienstes gesprochen werden sollte, weil er meinte, dass Jesus Christus mit genau diesen Worten seine Jünger gesegnet hat, bevor er die Erde verließ.

Auch in reformierten Gemeinden wird der aaronitische Segen häufig so gesprochen, wie er in der Bibel steht, aber es gibt auch die Tradition der Segensbitte. Wir folgen in unserer Gemeinde eher dieser Tradition. Und ich habe mich auch dafür entschieden. Dann wird der Segen nicht zugesprochen wie es Priester tun, sondern es wird um den Segen Gottes gebeten. Der Herr segne und behüte uns. Wer auch immer den Gottesdienst leitet, stellt sich in die Gemeinschaft der Gemeinde und bittet um den Segen für sich wie für alle. Der Herr segne und behüte uns, der Herr sei uns gnädig, der Herr gebe uns Frieden, dem Volk Israel, uns in dieser Kirche, uns ganz persönlich und allen Menschen, die unsere Geschwister sind. So oder so kommt der Segen auf uns herab, wird über uns gebreitet, wir werden gnädig angesehen und mit Frieden erfüllt. So gibt es in jedem Gottesdienst etwas, was wir mitnehmen können und darum bitten wir auch im nächsten Lied.

Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott, Sei um uns mit deinem Segen.

Amen