Liebe Gemeinde,
was für eine wunderbare Geschichte. Spannend, ein bisschen Witz, ein bisschen Ekel, Engel und Essen. Dahingeschrieben wie eine kleine Episode aus der Zeit der jungen Gemeinde. Man kann gut zuhören, obwohl die Geschichte so lang ist. Und wenn wir dann einen Moment darüber nachdenken… Da geschieht etwas Großes, etwas Umwälzendes. Ich bin immer wieder fasziniert, wie Lukas das macht: Das ganz Große in leicht daherkommende Erzählungen zu fassen.
Denn Apostelgeschichte 10 gehört zu den theologisch folgenreichsten Kapiteln des Neuen Testaments. Hier entscheidet sich nicht weniger als die Zukunft des Christentums. Bleibt es eine jüdische Reformbewegung – oder kann es zu einer universalen Glaubensgemeinschaft werden? Und: hier werden zentrale Begriffe des Glaubens neu definiert, Begriffe, die wir bis heute gebrauchen. Rein, fromm, gottgefällig.
Klingt nach hoher Theologie. Ein bisschen nach exegetisch-systematischem Oberseminar an der Uni. Und Lukas fasst das – ja: in die Begegnung zweier Männer. Petrus und Kornelius.
Immerhin: Zwei wichtige Männer. Da ist Petrus. Den kennen wir. Mit seiner Lebensgeschichte, mit Höhen und Tiefen, mit Momenten tiefer Gottesnähe und tiefer Entfremdung, Zweifel, Verrat, Schuld und Vergebung – mit seinem Erleben von Kreuzigung und Auferstehung – Das hat er inzwischen hinter sich gelassen. Ist jetzt ein wichtiger Würdenträger. Ein frommer Jude und ein untadeliger Apostel des Herrn.
Und Kornelius. Hoher Offizier in einer römischen Eliteeinheit. Er hat eine Familie, die bei ihm wohnt, Bedienstete, Freunde. Und – so erfahren wir – er hat eine tiefe Sympathie für den Gott, an den das Volk Israel glaubt. Der eine Gott. Was ihn zu diesem Gott hingezogen hat? Dass es nur einer ist? Dass es ein Gott ist, der das Recht liebt? Ein Gott, der mit seinem Volk eine Beziehung aufgebaut hat, es durch eine Geschichte von Höhen und Tiefen begleitet hat?
All das hat Kornelius berührt. Er betet. Er bemüht sich – in seinem Rahmen – um ein anständiges Leben. Und er unterstützt die Armen im Volk. Er gibt großzügig. Das ist schon spannend, denn viele der Armen in Caesarea sind ja gerade arm durch die Römischen Besatzungspolitik. Ob Kornelius das reflektiert? Immerhin, er gibt. Weil ihm bewusst ist, dass das den Glauben an den Gott Israels ausmacht: die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten. Wirklich dazu gehören zu diesem Gott kann er nicht. Ein Soldat isst was er kriegt und Schabbat kennt er nicht. In der Synagoge ist er nicht willkommen. Wirklich dazu gehören, wirkliche Gottesnähe – das bleibt Sehnsucht. Unerfüllbar. Trotzdem hält er fest. Am Gebet und am Geben. Kornelius.
Petrus und Kornelius, sie leben im gleichen Land und können einander doch kaum fremder sein. Auch die Orte, an denen sie leben: Das orientalische Jaffa mit seinen verwinkelten Gassen, seinen Flachbauten und Palmen – und das römische Caesarea. In Stein gemauerter Ausdruck von Macht. Alles ist gerade, alles ist gigantisch groß. Und dazwischen die Küste. Das Meer, Sinnbild für die Trennung von Himmel und Erde. Welch ein Panorama.
Und was für Grenzen. Eigentlich unüberwindbar. Selbst Gott braucht nicht nur eine Offenbarung, sondern eine ganze Offenbarungsgeschichte. Mit allem, was der Himmel aufbieten kann. Engel, Stimmen, Visionen… Alles, was uns heute fehlt…
Der Mensch denkt und Gott lenkt, hat meine Oma immer gesagt. Hier lenkt Gott. Erst mal nimmt er sich den Kornelius vor. Dem schickt er einen Engel. Obwohl Kornelius ja gar nichts erwartet. Er hat nichts als Sehnsucht. Und Gott – der nach bisherigem Ermessen für Kornelius ja gar nicht zuständig wäre – Gott geht diese Sehnsucht zu Herzen.
Wie berührend ist das. Stellen Sie sich vor, Ihre tiefe Sehnsucht, meine tiefe Sehnsucht geht Gott zu Herzen. Und er schickt einen Engel. Er lässt uns irgendwie spüren: Ich sehe dich. Ich höre dich. Auch wenn wir keine Ahnung haben, wie sich diese Sehnsucht wandeln könnte, oder lösen. Kornelius kann sich das nicht vorstellen. Erst mal nicht. Immerhin: Gott versieht das mit einem Auftrag: Schick ein paar Leute nach Jaffa. Und Kornelius wählt sie sorgsam aus: Zwei Leibwächter und einen frommen Soldaten. Besser, ein Römer geht nicht allein.
Und dann nimmt sich Gott den Petrus vor. Die schönste Szene. Auf dem Dach des Hauses am Meer, in den Salzgeruch mischt sich der Gestank von Aas und Gerbsäure – Gerberei stinkt entsetzlich, deshalb wohnt Simon auch am Meer – und dahinein mischen sich die Essensgerüche aus der Küche. Ist vielleicht nicht so verwunderlich, dass Petrus gerade hier die Vision eines Tuches mit Gewürm und fetten Insekten ereilt – ist ja auch schon interessant, dass sich Petrus da schon an der Grenze des Unreinen aufhält…
Bemerkenswert scheint mir, dass Gott zu beiden Männern sprechen muss. Keine der beiden Visionen ist für sich selbst ausreichend. Erst in der Begegnung erschließt sich ihr Sinn. Das scheint mir theologisch wichtig zu sein. Denn Offenbarung ist hier ja kein „haben“. Nicht Kornelius „hat“ eine Offenbarung und Petrus „hat“ eine Offenbarung – sie verstehen „ihre“ Offenbarung ja auch so für sich gar nicht. Erst in der Begegnung, erst in der Gemeinschaft werden die Ereignisse tatsächlich zur Offenbarung. Weil sie sich erst da zu einem Ganzen fügen und nur so verständlich werden.
Petrus und Kornelius – gemeinsam werden sie zum Kern einer neuen Gemeinschaft. Zum Kern der christlichen Gemeinde. Und ganz offensichtlich macht für Lukas Gottes Offenbarung – egal wie wunderbar oder verstörend sie sein mag – ganz offensichtlich macht sie nur in der Gemeinschaft der Gemeinde Sinn. Nur da. Nur hier. Nur hier, wo sie sich in der Begegnung von Menschen, in ihrer Nähe, in ihrem Gespräch – und vielleicht auch in ihren Konflikten und Haltungen erschließt. Ich denke, das will Lukas allen seinen Lesern, als auch uns heute morgen sagen. Mit all unseren Erfahrungen, die wir mitbringen.
Aber erst mal ist das ja nicht so einfach. Nicht nur die Teile der Offenbarungen müssen zu einem Ganzen zusammenkommen, sondern auch Petrus und Kornelius. Erst mal muss Petrus eine Grenze überschreiten. Er muss vom Dach herunter steigen auf den Boden der Wirklichkeit. Und dann den Kornelius vom Boden aufrichten, auf den der sich fallen lässt. Eine Begegnung auf Augenhöhe muss entstehen. Von oben nach unten – Petrus – von unten nach oben – Kornelius. Mensch und Mensch und darin doch wohl Himmel und Erde.
Nur: diese Begegnung fällt Petrus nicht so leicht. Noch als er bereits im Hausflur des Kornelius steht, als er Kornelius aufgerichtet hat und sich schon irgendwie damit abfindet, dass das Ganze hier ganz offenbar Gott so will – selbst da muss Petrus gegenüber Kornelius und seiner Sippschaft noch mal klarstellen: Also, dir ist schon klar, dass ich hier eigentlich nichts verloren habe. Wir Juden gehen nicht zu euch Heiden ins Haus. Seine ganze Haltung ist und bleibt noch lange Abwehr. Man hört seine innere Stimme: Was hab ich hier zu suchen? Was hab ich mit diesem Heiden zu schaffen? Der soll mir ja nicht zu nah kommen. Und - Hoffentlich sieht mich hier keiner. (Leider – oder Gott sei Dank – wird er natürlich gesehen. Und natürlich wird das gleich in der ganzen Community bis hin nach Jerusalem verbreitet. Den reformierten Buschfunk gabs damals also auch schon).
Aber bleiben wir in Caesarea. Widerwillen, Arroganz und – ja, auch viel Angst. Das ist bei Petrus zu spüren. ἀθέμιτον – unerlaubt sagt er, ist es ihm, das Haus des Heiden zu betreten. So steht es im Griechischen Urtext. ἀθέμιτον, das ist kein moralischer, sondern ein kultisch-rechtlicher Ausdruck. Es ist entspricht nicht den Wertordnungen. Wenn man das tut, stellt man sich außerhalb der Gemeinschaft. Und doch geht Petrus diesen Weg. Weil der Geist ihm gesagt hat, dass er das ohne Bedenken tun könnte.
μηδὲν διακρινόμενος, so heißt das im Urtext. Das Verb διακρίνω bedeutet ursprünglich „trennen, unterscheiden, urteilen“. Petrus wird also vom Geist aufgefordert, auf das trennende Urteilen zu verzichten. Der Geist ist stärker als Ordnung und Tradition. Und der Geist trennt nicht, er urteilt nicht, sondern er verbindet. Ein ganz wichtiger Gedanke. Und was für eine theologische Tiefe in der Erzählung. Das ist Lukas. Da sitzt jedes Wort. Wir hören das heute leider gar nicht mehr.
Petrus muss sich bewegen, damit sich Kornelius bewegen kann. Denn der lebt ja auf ganz andere Weise an der Grenze. Der müht sich, der sehnt sich nach Gott, der betet, der unterstützt die Armen, aber die Gemeinschaft des Gottesvolkes, die Synagoge, das Dazu gehören – das ist ihm verwehrt. Da steht er davor wie vor einem Zaun.
Und – das ist ja wirklich anrührend – dann sammelt er sich so eine eigene Gemeinde um sich. Seine Familie, seine Freunde, seine Bediensteten, alle die er finden kann. Und das fasst er auch in Worte Er sagt zu Petrus: Nun sind wir alle vor Gott gegenwärtig, um alles zu hören, was dir vom Herrn aufgetragen ist. Anders lässt sich Gemeinde nicht beschreiben. Und er fragt: Was hat Gott dir aufgetragen. Ich höre dahinter die Frage: Gilt Gottes Wort auch uns?
Und Petrus versteht. Jetzt erst. „Jetzt begreife ich wirklich, dass Gott die Person nicht ansieht“, sagt er. Und wieder finde ich das spannend. Denn Petrus erkennt hier ja nicht etwas Neues über Gott – sondern er erkennt die Konsequenzen dessen, was Israel immer schon bekannt hat. Diese Botschaft hat Gott seinem Volk Israel gesandt. Lässt Lukas den Petrus sagen. Und sagt natürlich Lukas seiner Gemeinde.
Gott ist von alters her in seinem Wirken auf die Gemeinschaft aller hin ausgerichtet. Auch auf uns. Und auf uns in der Gemeinschaft aller Geschöpfe Gottes. Petrus versteht, dass in Jesus Christus Gottesfurcht und Gerechtigkeit – also das, was Kornelius mitbringt – dass Gottesfurcht und Gerechtigkeit nicht mehr an die biologische Zugehörigkeit zum Volk Israel gebunden sind, sondern an die Werte des Gottesvolkes. Und an das konkrete Leben vor Gott.
Und er, Gott, braucht keine frommen Regeln. Keine Speisegebote. Keine Kleiderordnung. Er braucht ein Herz, das Sehnsucht nach ihm hat. Er braucht den liebevollen Blick auf die Notleidenden. Und die Gemeinschaft, die das beides trägt und verbindet. Er braucht Sie – und nicht Sie allein, sondern die Gemeinschaft, in der Sie miteinander, wir miteinander sein können – und darin je und je wir selbst, so wie wir sind.
Das ist das Wesen unserer Gemeinde. Unseres Gottesdienstes. Unseres Glaubens. Und auch unseres Menschseins. Und ja, uns geht so viel verloren, wenn wir davon nichts mehr wissen und nichts mehr wissen wollen.
Aber, liebe Gemeinde, diese Erkenntnis stellt uns natürlich auch Fragen.
Denn: Setzen nicht vielleicht auch wir Grenzen der Zugehörigkeit, Grenzen, die Gott selbst nicht setzt? Vielleicht ohne das zu wollen. Vielleicht auch ohne es anders zu können. Die Lieder, die wir singen. Die Art, wie wir Gottesdienst feiern. Ja – auch eine Predigt von 20 Minuten. Damit schließen wir Menschen aus.
Und ändern wollen wir das nicht. War doch immer so. Ja, und ist mir selbst ja auch wichtig. Und ja, es gibt auch Gottesdienstformen, von denen fühle ich mich ausgeschlossen… Nur – dass wir das im Blick behalten. Und dass wir als Kirche, als gesamte Kirche, denen Orte geben, die auf der Suche sind und sich hier nicht wiederfinden – dass wir es wieder oder wieder neu lernen, Kirche größer zu denken – das könnte für uns heute morgen als Aufgabe in diesem Text stecken. Gottes Geist ist größer als unsere vertrauten Grenzziehungen.
Denn unser Predigttext zeigt: Die Kirche lernt nicht nur durch Lehre, sondern durch Begegnung. Und Petrus wird nicht durch ein weiteres Argument überzeugt, sondern dadurch, dass er erkennt, dass – und wie Gott am Anderen wirkt.
Jetzt begreife ich, sagt Petrus… und damit beginnt die große Geschichte der Kirche Jesu Christi.
„Jetzt begreife ich …“ Möge diese Haltung auch uns prägen: theologisch wach, geistlich demütig, und offen für die überraschenden Wege Gottes.
Amen.

