Liebe Schwestern und Brüder,
vor einiger Zeit habe ich an einem jüdischen Gottesdienst teilgenommen; in der liberalen Sukkat Shalom Synagoge der jüdischen Gemeinde zu Berlin. Der Rabbiner Andreas Nachma hatte mich eingeladen, am Freitagabend den Gottesdienst zum Beginn des Shabbat mitzufeiern. Er hat dieses dicke blaue Buch geschrieben: Basiswissen Judentum, aus dem ich viel über das Judentum gelernt habe. - Ich mache mich also am Freitag auf nach Berlin. Warum Freitag? Der Shabbat, der heilige Tag, der der Ehre Gottes und der Ruhe vorbehalten ist, beginnt am Freitag; genau gesagt mit dem Untergang der Sonne, der nach der biblischen Schöpfungserzählung das Ende des Tages und den Beginn eines neuen markiert. „Kabbalat Shabbat“ („Empfang des Sabbats“) heißt dieser Freitagabendgottesdienst, der in der Synagoge immer um 19:00 Uhr gefeiert wird.
Als ich mich in Charlottenburg dem Haus nähere, in dem die Synagoge untergebracht ist, sehe ich zuerst zwei Polizeibeamte, die vor dem Eingangstor wache halten. Ich werde nach meiner Identität gefragt und muss meinen Ausweis vorzeigen. Die Polizisten fragen mich, was ich hier vorhabe. Ich empfinde in diesem Augenblick eine gewisse Scham: Deutschland im Jahr 2025 mitten in Berlin. Ein jüdischer Gottesdienst kann nur unter Polizeibewachung stattfinden und für den Besuch ist aus Sicherheitsgründen eine Anmeldung notwendig. Gerade will ich den Polizeibeamten erklären, dass ich den Gottesdienst besuchen möchte und dass die Gemeinde mich eingeladen hat, als Rabbi Nachama freudestrahlend aus der Tür gestürmt kommt. „Herr Dieckow, wie schön, dass Sie hier sind! Sie sind unser Gast!“
Als ich die Synagoge betrete, setze ich mir die Kippa auf. Ich bin ein wenig überrascht, wie viele jüngere Menschen hier sind. Nachdem ich mich etwas umgesehen habe, möchte ich mich schüchtern in eine hintere Reihe setzen und schauen, was passiert. Aber ein älterer Herr lässt das nicht zu. Er führt mich in die erste Reihe und bittet mich neben ihm zu sitzen. „Ich kann Ihnen helfen und die Liturgie erklären, wenn Sie mögen“, sagt er. Ich bin dankbar dafür, denn – auch wenn ich in diesem Buch gelesen habe – sind mir zumindest nicht alle Teile jüdischen Freitagabendliturgie geläufig. Zu Beginn werden sieben Psalmen gesungen. Für jeden Schöpfungstag einer. Mir fällt das nicht leicht, denn mein Hebräisch ist - ich nenne es mal: - etwas eingetrocknet. Zum Glück steht die Umschrift mit lateinischen Buchstaben in dem Gebetbuch daneben.

Die Ostwand der Synagoge schmücken rechts und links zwei Kanzeln. Auf einer steht während des Gottesdienstes der Rabbiner. Die andere ist für die Kantorin vorgesehen. Dass beide Kanzeln gleich im Raum angeordnet sind, soll wohl unterstreichen, dass der Gottesdienst von der Kantorin und dem Rabbiner gemeinsam geleitet wird. Sie sind gleichberechtig und stehen auf einer Stufe. Als Esther Hirsch, die Kantorin der Gemeinde, mit dem liturgischen Gesang beginnt, bin ich vom ersten Augenblick an von ihrer Stimme beeindruckt. Überhaupt wird im Gottesdienst hauptsächlich gesungen. Ich frage mich zwischendurch manchmal, wer hier eigentlich tatsächlich den Gottesdienst leitet. Für mich ist die Kantorin die tragende Person des Geschehens.
Es gefällt mir gut, dass zu Beginn die Shabbatlichter, die den Heiligen Tag begrüßen sollen, immer von einer Frau aus der Gemeinde entzündet werden. Dazu gehört der Segensspruch: „Gelobt seist du Ewiger, unser Gott, Gebieter der Welt, der du uns geheiligt hast durch deine Gebote und uns geboten hast, das Shabbatlicht zu entzünden.“ Es ist ein feierlicher Moment, in dem so etwas wie ein gewisser Zauber in der Luft liegt. Ich denke darüber nach, wie tief der Shabbat in der biblischen Erzählung verwurzelt ist. Er führt uns zurück zu den Anfängen, als Gott die Welt erschaffen und jedem Lebewesen in ihr seinen Platz gegeben hat. Die Schöpfung Gottes ist nicht nur Arbeit. Sie ist auch Ruhe, erfülltes Innehalten, beseelte Freude.
Zur Liturgie gehört ein Shabbatlied, das der jüdische Mystiker Schlomo Alkabez ha-Levi 1540 gedichtet hat. In ihm wird der Shabbat mit einer Braut verglichen, die reich geschmückt zu ihrem erwartungsfrohen Bräutigam, der Gemeinde, kommt: „Kommt, wir wollen der Königin Shabbat entgegengehen. Komm, o Braut, komm, O Braut“. In der neunten Strophe nähert sich dann tatsächlich die Braut Shabbat ihrem Bräutigam. Bei den Worten „Kehre ein, Braut, kehre ein!“ dreht sich die ganze Gemeinde vom Thorahschrein weg und verneigt sich zur Tür der Sanagoge, um die Braut Shabbat eintreten zu lassen. Ich lasse mich gefangen nehmen von der Sinnlichkeit dieser Liturgie. Jetzt kommt die Braut auch zu mir, und ich habe Anteil an der alles umfassenden Freude des Shabbat!
Im Gottesdienst gibt es auch eine Predigt. Jetzt ist der Rabbiner gefragt. Er spricht über die Wohltätigkeit, genauer gesagt über das Geben von Spenden. In der Tradition des Rabbinischen Judentums wird hervorgehoben, das ein Spende immer so gegeben werden soll, dass sie die empfangende Person nicht beschämt oder in ihrer Würde herabsetzt. Ich finde das einen durchaus aktuellen Gedanken. Als ich noch im Umkreis von NGOs gearbeitet habe, haben wir oft darüber nachgedacht, wie wir so für Spenden werben können, das Menschen durch unsere Darstellungen nicht stigmatisiert werden und das Bild einer Einbahnstraße von den Gebenden zu den Hilfsbedürftigen entsteht. Geben heißt nämlich eigentlich teilen und teilen beruht immer auf Gegenseitigkeit. Es ist niemals so, dass die einen nur empfangen, und die anderen nur geben.

Ich finde den Gedanken spannend, dass Jesus genau das meinen könnte, wenn er in MT 6,3 sagt: „Wenn du Almosen gibst, soll deine rechte Hand nicht wissen, was deine linke tut“. Spannend finde ich auch, dass es im Koran dazu eine Entsprechung gibt. In Sure 2 heißt es: „Macht eure Almosen nicht zunichte durch Vorhaltungen und Kränkungen, gleich demjenigen, der seinen Besitz ausgibt, um von den Menschen gesehen zu werden.“ Es gibt offenbar zwischen den drei Religionen Judentum, Christentum und Islam einen Konsens an ethischen Grundüberzeugungen. Ich denke, es könnte uns allen weiterhelfen, dieser Einsicht mehr Raum in unserem Bewusstsein zu geben.
Während der Predigt sind meine Gedanken durch weiter entfernte Räume gegangen. Jetzt kehren sie wieder zurück in die ganz konkrete Situation des Gottesdienstes.
Der Vorabendgottesdienst endet mit dem Teilen von Brot und Wein. Wir sitzen jetzt nicht mehr in den Bankreihen, sondern stehen zusammen im Nebenraum der Synagoge. Auf einem Tisch sind zwei gebackene Shabbatbrote – so eine Art Hefezopf -bereitgelegt und ein Kelch mit Wein. Die Kantorin singt den „Kiddusch“, das Segensgebet über den gemeinsamen Kelch: „Gelobt seist du, Ewiger, unser Gott, Gebieter der Welt, der die Frucht der Rebe erschaffen hat. (…) Deinen Heiligen Shabbat hast du in Liebe und Wohlgefallen uns zum Anteil gegeben. Gelobt seist du, Ewiger, der du den Shabbat geheiligt.“ Jetzt wird der Wein ausgeteilt. Ich muss ein wenig schmunzeln, dass es dazu kleine Einzelkelche auf einem Tablett gibt, die mit Wein oder Traubensaft gefüllt sind. Man kann wählen, was man nehmen möchte. Danach wird das Brot ausgeteilt. Jede Person darf sich ein Stück von dem Teller nehmen.
Mir wird in diesem Augenblick bewusst, wie tief das Abendmahl Jesu in der Tradition des jüdischen Gottesdienstes verwurzelt ist. Der Kelch der Gemeinschaft verbindet die Menschen hier miteinander und er verbindet sie mit Gott, dem Geber aller dieser Güter, dem wir Dank sagen und dem unser Leben gehört. Es ist offenbar ganz selbstverständlich, dass ich als Gast an diesem Fest teilnehmen darf und mit allen anderen von dem Brot esse und von aus dem Kelch der Gemeinschaft trinke. Hier scheint keiner danach zu fragen, ob ich das darf oder dazugehöre. Ich fühle mich als Teil der Gemeinschaft, mindestens als gern gesehener Gast. Und ich spüre den Segen, der in diesem Augenblick auf der Gemeinschaft der Anwesenden liegt. Es macht mich dankbar und froh.
Nach dem Gottesdienst fühlt es sich dann ganz so an wie bei einem Kirchkaffe. Die Gemeinde bleibt zusammen, und man hat sich vieles zu erzählen. Für mich ist es die Gelegenheit, vor allem mit jüngeren Gemeindemitgliedern ins Gespräch zu kommen. Studierende erzählen mir von ihrem Leben als Jüdinnen und Juden in Berlin. Sie erzählen, wie sich vieles verändert hat seit dem 7. Okober 2023. Dass es sich für sie schwieriger anfühlt, in dieser Stadt und in diesem Land zu leben. Sie erzählen, was ihnen die Synagoge bedeutet als ein sicherer Ort des Zusammenhalts und ganz besonders der Kiddusch, der gemeinsame Kelch, der sie miteinander verbindet und ihnen Halt gibt.
Ich nehme auch wahr, wie ihre Augen leuchten, wenn sie von ihren Eindrücken und Erlebnissen in Israel erzählen. Fast jeder und jede hier ist schon einmal da gewesen oder plant einen Aufenthalt dort. Ich spüre, dass für meine Gesprächspartner*innen jüdische Identität offenbar nicht ohne Erez Israel, dem Land Israel, zu beschreiben ist. Es wird nicht so deutlich gesagt, aber ich spüre auch, dass es für manche meiner Gesprächspartner*innen nahe liegt, darüber nachzudenken, ob ihre Zukunft nicht besser in Israel liegen könnte. Mich macht das traurig, denn ich meine, dass diese Stadt und unsere Gesellschaft etwas Wertvolles verlieren würden, wenn die Menschen, die jetzt neben mir stehen, nicht mehr da wären.
Als ich mich verabschiede, werde ich noch eingeladen, morgen wiederzukommen zum Gottesdienst um 10:00 Uhr. Das passt leider nicht.
Ich bin dankbar für das, was ich erlebt habe. Auf der Rückfahrt denke ich im Zug darüber nach. Ich bin froh, dass ich an diesem Freitagabend nicht über den Nahostkonflikt diskutiert habe und nicht meine Haltung zur Siedlungspolitik der israelischen Regierung erläutern musste. Ich bin froh, dass ich dabei sein durfte und zuhören und zuschauen durfte. Ich bin auch froh, dass wir nicht über komplizierte theologische Gedankengänge, wie die bleibende Erwählung Israels oder den doppelten Ausgang der Heilsgeschichte diskutiert haben. Das hätte uns an diesem Abend nicht weitergebracht.
Ich habe den Eindruck, dass zwischen uns eine Begegnung stattgefunden hat, zu der alles gehört, was man bei anderen Menschen erleben kann: das Gefühl von Fremdheit und eine gewisse Unsicherheit, die Feststellung, dass es ganz viel Gemeinsames und Verbindendes gibt, und das zum Teil bewundernde Staunen darüber, was eine andere Religion an Schätzen in sich birgt. Ich glaube, dass die Begegnung mit einer Religion, selbst dann, wenn sie unserer so verwandt ist wie das Judentum, vor allem die Bereitschaft zum Lernen und zum Zuhören nötig macht. Ich glaube auch, dass es uns guttut, bei aller Vertrautheit, die gelegentlich aufblitzt, dem Judentum seine Eigenheit und an manchen Stellen auch seine Fremdheit zu lassen. Ich glaube, was uns im christlich-jüdischen Dialog weiterbringen könnte, sind konkrete Begegnungen mit Menschen, die in unsere Zeit und in unsere Umgebung gehören.
Wir haben jeden Grund dankbar zu sein, dass es jüdisches Leben in unserer Stadt und in unserem Land gibt. Wir sollten uns neugierig, offen und sensibel darum bemühen, es kennenzulernen. Und dabei nicht glauben, dass wir schon zu viel wüssten. Ich bin mir sicher, dass Gott unsere Begegnungen segnen wird.
Amen.