Liebe Gemeinde,

Heute ist Palmsonntag. Er erinnert an den Einzug von Jesus in Jerusalem.
Von den Menschen auf den Straßen wurde er an diesem Tag ais König und Messias begrüßt. Sie legten ihre Kleider auf den Weg sowie Zweige von den umliegenden Feldern. Daraus wurden in späteren Überlieferungen Palmblätter. Sie gaben dem Sonntag seinen Namen.

Es muss damals eine aufgeheizte Stimmung in der Stadt gewesen sein. Pessach stand kurz bevor, eines der großen Wallfahrtsfeste, zu dem jüdische Gläubige zu Tausenden in die Stadt und zum Tempel strömten. Gleichzeitig rumorte es im Land gegen die Fremdherrschaft der Römer. Obendrein feiern jüdische Menschen an Pessach die Befreiung aus einer anderen Fremdherrschaft, nämlich die der Ägypter. Auch ist es das Fest, das daran erinnert, wie die Israeliten nicht nur zu einem Volk wurden, sondern als Volk von Gott erwählt wurde. Vor diesem Hintergrund ist es für die römischen Besatzer ein besonders heikles Fest. Die Römer und ihre Unterstützer waren hoch alarmiert und angespannt.

Es ist die Methode aller diktatorischen Regime damals wie auch heute, dass Unruhen und Proteste möglichst schon im Keim und mit maximaler Brutalität erstickt werden. Denn auch das zeigt die Geschichte: Hat eine Protestbewegung erst einmal einen großen Raum erfasst, lässt sie sich nicht mehr kontrollieren. Es muss also frühzeitig und rigoros eingeschritten werden. Auch auf Kosten von Menschenleben,

Der Einzug von Jesus in Jerusalem sorgt für Aufsehen. Er reitet auf einem Esel. Für Schriftkundige ist die Verbindung zum Propheten Sacharja (9,9) klar. Dort wird angekündigt dass so der König und Retter zum Tempelberg (Zion) kommen wird.
Dort oben im Tempel vertreibt Jesus die, die bei dem anstehenden Pessach-Fest ihre größten Geschäfte des Jahres machen: die Geldwechsler, die Händler und Käufer im Vorhof des Tempels, die mit den Opfertieren für das Fest handeln.
Das Ereignis ist so ungeheuerlich, dass es sich in der Stadt schnell herumspricht. Vor allem die politisch und religiös einflussreichen Sadduzäer, die für den Tempelkult sorgen und die Hohepriester stellen, fühlen sich angegriffen. Sie profitieren vom Treiben am Tempel und arbeiten mit den Römern zusammen. Aber auch für die Schriftgelehrten tritt Jesus zu provokant auf. Und denjenigen, die den gigantischen Tempelbau bewundern, sagt er voraus, das kein Stein auf dem anderen bleiben werde (Mk 13,1f).
Spätestens jetzt wird Jesus als eine Gefahr für das bestehende System wahrgenommen, in dem sich viele eingerichtet haben.
Jesus weiß, dass er damit seine Verhaftung riskiert. Er bereitet seine Jüngerinnen und Jünger in Andeutungen mehr und mehr auf das Kommende vor.
All das muss zu einer ungeheuren Stimmung der Anspannung und Verunsicherung geführt haben.

Hier setzt der Text für die heutige Predigt ein. Er steht im Markusevangelium, Kapitel 14, Verse 1 bis 9. Ich lese ihn nach der Zürcher Übersetzung:

„Es war aber zwei Tage vor dem Fest des Passa und der ungesäuerten Brote.
Und die Hohen Priester und Schriftgelehrten suchten Mittel und Wege, wie sie ihn [vorher] mit List festnehmen und töten könnten.
Sie sagten nämlich: Nicht am Fest, damit kein Aufruhr entsteht im Volk.
Als er in Betanien im Haus Simons des Aussätzigen war und bei Tisch saß,
kam eine Frau mit einem Alabastergefäß voll echten, kostbaren Nardenöls;
sie zerbrach das Gefäß und goss es ihm über das Haupt.
Da wurden einige unwillig und sagten zueinander:
Wozu geschah diese Verschwendung des Öls?
Dieses Öl hätte man für mehr als dreihundert Denar verkaufen
und den Erlös den Armen geben können.
Und sie fuhren sie an.
Jesus aber sprach: Lasst sie!
Was bringt ihr sie in Verlegenheit?
Sie hat etwas Gutes an mir getan.
Arme habt ihr ja allezeit bei euch und könnt ihnen Gutes tun,
sooft ihr wollt; mich aber habt ihr nicht allezeit.
Was sie vermochte, hat sie getan.
Sie hat meinen Leib im Voraus zum Begräbnis gesalbt.
Amen, ich sage euch:
Wo immer in der ganzen Welt das Evangelium verkündigt wird,
da wird auch erzählt werden,
was sie getan hat, zu ihrem Gedächtnis.“

Soweit unser Predigttext.

Ich versuche mir das bildlich vorzustellen: Jesus ist mit dem Kreis seiner Jüngerinnen und Jünger im Haus von Simon, einem Aussätzigen oder ehemals Aussätzigen, eingekehrt. Der Ort ist deshalb etwas suspekt. Da geht nicht jeder hin.
Es wird gemeinsam gegessen.
Plötzlich tritt eine Frau ein, die aus einer anderen Welt kommt, jener der Reichen und Wohlhabenden.
Sie hat ein weißes Alabastergefäß dabei, das mit Nardenöl gefüllt ist. Ohne ein Wort zu sagen, zerbricht sie das Gefäß und gießt das kostbare und duftende Öl über den Kopf von Jesus.

Nardenöl gibt es auch heute noch. Es wird aus der gleichnamigen Pflanze gewonnen. Sie gehört zu den Baldriangewächsen und wächst im Himalaya, in China und in Bhutan. Sie wird per Hand gepflückt und ist wegen der hohen Nachfrage heute fast ausgestorben. Bereits im Altertum wurde sie wegen ihres guten Dufts, aber auch wegen ihrer teils entspannenden, teils aufreizenden Wirkung in wohlhabenden Kreisen genutzt.
Vor diesem Hintergrund ist klar, wie wertvoll das Öl ist. Im Predigttext heißt es, dass es für 300 Denare hätte verkauft werden können. 300 Denare entspricht ungefähr dem Jahreslohn eines Arbeiters der damaligen Zeit.
Somit ist es ein echter Luxusgegenstand, den sich nur sehr Reiche leisten konnten.

Im ganzen Predigttext prallen dicht gedrängt Welten aufeinander:
Da ist außen die Bedrohung durch die Mächtigen von Politik und Religion gegenüber der vertrauensvolle Runde innen im Haus mit den Menschen um Jesus herum.
Da steht den einfachen Menschen um Simon herum die sehr wohlhabende Frau gegenüber, die die Gruppe des Wanderpredigers aufsucht.
Da ist Jesus, der sich den Armen und Benachteiligten zuwendet, aber in dieser Situation zulässt, dass ihn die fremde Frau mit dem kostbaren Öl salbt, und der dafür dankbar ist.

Was wissen wir über diese geheimnisvolle Frau?
Sie weiß, wo sie Jesus findet.
Sie erkennt die Bedrohungslage.
Sie ist zielstrebig und handelt entschlossen.
Sie hat die Gemütslage von Jesus klar erkannt, ganz im Gegensatz zu den Jüngern, die den Ernst der Lage, wieder einmal, nicht erkennen.
Sie spricht kein Wort. Sie gießt das Öl über den Kopf und geht wieder.
Der Duft ihres Öls bleibt.

Und was ist mit Jesus?
Jesus ahnt, dass er in wenigen Tagen sterben wird. Er ist ganz Mensch und hat Angst vor dem, was vor ihm liegt. Am Kreuz wird er weniger Tage mit dem Psalm 22 verzweifelt beten: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ (Mk 15,34). Ein Psalm, der zugleich in den folgenden Versen erfüllt ist vom Vertrauen auf die Gottes Errettung aus menschlicher Gewalt.
Den Jüngern sagt Jesus, dass die Frau ihn im Voraus für das Begräbnis gesalbt habe.
Später werden Frauen nach der Kreuzigung das Grab von Jesus aufsuchen, um den Leichnam zu salben. Das wird nicht gelingen, denn sie treffen das leere Grab an.

Vielleicht ist es wie ein Fingerzeig, Menschen Gutes zu tun, so lange sie leben.
Ich denke an Menschen, die beruflich oder im Ehrenamt viel mit Menschen zu tun haben, die nahe am Lebensende stehen. Dann wird greifbar, wie diese Zeit am Ende des Lebens in ihrer existentiellen Bedrohlichkeit, in ihrer Zerbrechlichkeit, zugleich unendlich kostbar wird. Das, was man einem Menschen in dieser Zeit gibt, kann durch keinen Besuch am Grab, durch keinen Kranz, durch keine Aktion nach dem Tod ersetzt werden. Was ich einem Menschen in seiner letzten Lebensphase gebe, dient dem Menschen. Das, was ich nach dem Tode gebe, dient der eigenen Trauer, der eigenen Erinnerung, dem eigenen Abschied und manchmal dem eigenen Gewissen.

Die Jünger haben die Endzeitlichkeit der Zeit mit Jesus nicht erkannt und auch nicht seine Bedrückung. Sie sehen nur den Wert des vergossenen Öls und rechnen in Denaren. Für Jesus ist der materielle Wert des Öls in dieser Lebenslage irrelevant. Es kommt auf die Handlung von Mensch zu Mensch an. Das wahrhaft Wertvolle ist die Zuwendung, die hier geschieht. Sie schafft in dem Moment eine Einmaligkeit, vor dem der Wert des Öl zurücktritt. Der entsprechende materielle Wert lässt sich in Almosen jederzeit wieder an Bedürftige verteilen, der immaterielle Wert der besonderen Zuwendung nicht.
Jesus verteidigt die Frau gegenüber den Jüngern: Sie sollen sie lassen. Dann dankt er ihr, denn sie habe Gutes an ihm getan. Und schließlich verkündet er dieser namenlosen Frau einen Platz im Evangelium und einen Raum, der sich in der Welt verbreiten wird.
Es rückt damit der Mensch in den Mittelpunkt und zugleich die Wohltat an einem anderen Menschen in schwerer Lage.

Aus den Überlieferungen wissen wir, dass Jesus in seinen Begegnungen Frauen offen und unkonventionell begegnet ist, ganz entgegen der traditionell patriarchalen Gesellschaftsordnung. Frauen ziehen mit ihm mit. Er besucht sie zuhause wie die Schwestern Marta und Maria, er heilt eine blutflüssige Frau, die als unrein galt. Er ist ihnen zugewandt, wie der Samaritanerin am Jakobsbrunnen. Er macht sie zum Teil seiner Bewegung.
Diese Frau aber, die in das Haus des aussätzigen Simon kommt, ist nochmal anders. Sie ist es, die sich Jesus zuwendet, und nicht umgekehrt. Es gab vorher keinen Kontakt. Sie fordert nichts. Sie bekommt nichts unmittelbar zurück. Sie ist einfach nur zutiefst menschlich und nimmt die Not wahr.
Es ist so, als stünde sie für so viele Frauen, die so überall in der Welt einfach da sind, wo Not im Leben ist. Das ist da, wo Leben beginnt und wo Leben endet. Frauen tragen als Schwangere nicht nur Leben in die Welt, als Hebammen helfen sie bei der Geburt und stehen bei. In Krankenhäusern, Pflegeheimen und auch zuhause sind zumeist sie es, die die „Care-Arbeit“ leisten. Sie sind oft namenlos in unterbezahlten Jobs oder überhaupt nicht bezahlt, wenn sie Angehörige pflegen, oft über Jahren mit viel Geduld und Zuwendung. Auf den Stationen oder den Hospizen sind es wieder fast ausschließlich Frauen, die einen sterbenden Menschen in den letzten Tagen und Stunden begleiten.
Bestatter hingegen sind traditionell eher Männer. .

Ich kehre noch einmal zu der Geste des duftenden Salböls zurück, das so wohltuend über den Körper fließt.
Es sind gleich drei Sinne, die angesprochen werden. Zuerst die Wahrnehmung im menschlichen Miteinander, in dem die Bedürftigkeit des anderen erkannt und auf sie reagiert wird. Dann der Geruch des Öls, der entspannt. Und drittens die Berührung, der Reiz, das angenehme Gefühl, wenn das Öl über den Körper läuft. Es nimmt den ganzen Menschen mit in einen anderen Zustand und schafft eine zwischenmenschliche Nähe.

Es sind die kleinen Gesten der Zuwendung, die wie eine kleine Portion Seelsorge durch Tat sind. Jeder und jede von uns hat Zeiten erlebt, wo man genau so etwas braucht.
Es kann etwas ganz Einfaches sein. Ich erinnere mich, als ich in der Ausbildung als Assistenzärztin war, wenige Jahre nach der Wende im Osten. Es war schon dunkel draußen. Ich war allein auf der recht großen Station, der Chefarzt war immer noch nicht zur Visite gekommen und die Arbeit nahm kein Ende. Da kam die Stationsschwester auf mich zu und meinte mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete: „Ich habe Sie die ganze Zeit im Blick gehabt. Ich habe für Sie eine Schüssel Milchsuppe gekocht. Sie setzen sich jetzt mal hin und essen endlich etwas.“….Ja, auch das ist Fürsorge mit dem Duft von warmer Milchsuppe.
Mir fällt die Essenausgabe ein, die hier gerade zu Ende gegangen ist. Hier geht es nicht nur um eine warme Mahlzeit, sondern auch um Würde, um ein freundliches Wort, um einen sicheren Ort, um einen offenen Blick. Es ist der unausgesprochene Satz: „Ich seh’ Deine Not und fühle mit“, der einen Unterschied macht. Es ist ein Mahl auch für die Seele.

Auf der Intensivstation ist es berührend, wenn bei einem bewusstlosen Menschen der Puls ruhiger wird und der Blutdruck fällt, wenn man ruhig die eigene Hand auf die Hand oder den Arm des Patienten oder der Patientin legt. Allein die stille und unmittelbare Nähe eines anderen Menschen überbrückt die Angst und das Verlassensein.
Die Frau aus dem Predigttext hat Jesus nicht angefasst, als sie ihn mit dem Öl benetzt hat. Es ist ihre spürbare Präsenz ihm gegenüber und die Wahrnehmung seiner Bedürftigkeit als Mensch, die Jesus zu der Aussage verleiten: „Sie hat Gutes an mir getan.“

Haben Sie noch den Psalm 133 aus der Lesung im Ohr?
Der Psalmbeter spricht davon, dass Zusammensein von Menschen als Brüder und Schwestern so gut und so wohltuend ist wie Salböl, das über den Körper gegeben wird.
Und so schließt der Psalm: Dort im geschwisterlichen Umgang miteinander liegt der Segen Gottes und verheißt Leben bis in alle Zukunft

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen