Predigt
»Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.« (Röm 1,7) Amen.
I.
Liebe Gemeinde,
»Wer's glaubt, wird selig« – so lautet die spöttische Bemerkung, wenn jemand etwas Unwahrscheinliches gesagt hat.
»Wer's glaubt, wird selig« – dieser Satz ist nicht nur eine volkstümliche Redewendung, sondern findet sich ähnlich auch im Neuen Testament. So etwa im Johannesevangelium, wenn der auferstandene Jesus dem zunächst ungläubigen Thomas sagt: »Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!« (20,29)
»Wer's glaubt, wird selig« – dieser Satz beinhaltet also etwas durchaus Richtiges. Doch, wenn jemand etwa am Ende meiner Predigt sagen würde: »Wer's glaubt, wird selig«, so müsste ich das als eine Kritik verstehen, als einen Hinweis darauf, dass ich etwas ganz und gar 'Un-glaubliches' gepredigt hätte.
Wie mag es dazu gekommen sein, dass ein so gut gemeinter Satz im Volksmund fast schon in sein Gegenteil verkehrt werden konnte? Ist das nur ein Missverständnis oder offenbart die Alltagssprache hier ein grundlegendes Problem dessen, was wir unter ›Glauben‹ verstehen?
Ich denke, hinter der Redewendung verbirgt sich die Kritik an einem bestimmten Glaubensverständnis:
In einer Zeit, in der die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse voranschreiten, wird vieles des christlichen Glaubens fraglich: Wie kann Gott die Welt in sechs Tagen geschaffen haben?
Wie kann Mose ein ganzes Meer mit seinem Stab trockenlegen?
Wie kann ein Mensch, der schon drei Tage tot war, auferstehen von den Toten?
Für jemanden, der an seinem Glauben festhalten möchte, sind solche Fragen nicht einfach zu beantworten. Einige Christ*innen versuchen, das Problem so zu lösen, dass sie sagen, darin liege ja gerade das Besondere des Glaubens, dass man an Dinge glaube, die eben nicht offen zutage lägen. Eben »Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!« (Joh 20,29).
Mit diesem Satz aus dem Johannesevangelium kann fast jede Frage nach der Wahrheit biblischer Aussagen an die Seite geschoben werden: Wer alles hinterfrage, der zeige im Grunde nur, dass sein Glaube nicht groß genug sei und er insgeheim zweifle.
Aber das Wissen, das Klagen, das Zweifeln und das Fragen gehört zum Glauben dazu; es lässt sich nicht wegdrücken wie die lästige Werbeunterbrechung bei einem guten Fernseh-Spielfilm.
»Wer's glaubt, wird selig.« Dieser Satz überspitzt also ein ganz bestimmtes Verständnis von Glauben und hält uns einen Spiegel vor, dass es so einfach ja nicht mit dem Glauben sein kann. Der Satz verweist uns auf die Frage zurück, was der Glaube eigentlich ist und was er für uns bedeutet.
II.
Auch unser heutiger Predigttext redet über den Glauben. Der Verfasser des Hebräerbriefes berichtet zunächst von den damaligen Schwierigkeiten, sich zum christlichen Glauben zu bekennen. Die Christ*innen wurden aus der römischen Gesellschaft ausgegrenzt, verachtet, enteignet und gefangen genommen. In Rom wurden sie von Kaiser Nero sogar für den Brand der Stadt verantwortlich gemacht, grausam verfolgt und getötet.
Der Glaube war der Grund für diese Verfolgungen, zugleich aber auch das einzige, worauf sie bauen konnten. Der Verfasser des Hebräerbriefes schreibt an seine Gemeinde
»Wir aber gehören nicht zu denen, die zurückweichen, um zugrunde zu gehen, sondern zu denen, die glauben, um das Leben zu gewinnen.« (10,39)
Und er versucht das, was er unter Glauben versteht, zusammenzufassen:
»Der Glaube aber ist eine Wirklichkeit dessen, was man hofft, ein Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht.«
III.
Liebe Gemeinde,
dies ist eine sehr ungewöhnliche Beschreibung des Glaubens. Es ist nicht ganz einfach zu verstehen, was der Hebräerbrief damit meint. Luther hatte übersetzt:
»Glaube ist eine feste Zuversicht auf das, was man hofft.«
Dies ist einfach zu verstehen. Doch Luthers Übersetzung ist bereits eine Interpretation. Der Hebräerbrief sagt wörtlich: »Der Glaube ist die Verwirklichung dessen, was man hofft«. Er geht also einen Schritt weiter. Der Glaube spielt sich nicht als eine bloße Zuversicht im Kopf ab, sondern er verändert die Wirklichkeit. Das, was man nicht sieht, wird durch den Glauben zur nachweisbaren Wirklichkeit.
Der Verfasser des Hebräerbriefes hat selber gemerkt, wie schwer das alles zu verstehen ist, und erinnert an die Geschichte Israels. An Abraham, Mose und die vielen anderen Gestalten des Alten Testaments, die ihren Glauben in schwieriger Situation in die Tat umgesetzt haben.
Ich selber fühlte mich bei diesen Gedanken an eine Geschichte erinnert, die ich vor vielen Jahren einmal gelesen habe. Es handelt sich um den Roman Jakob der Lügner von Jurek Becker.
Dieser Roman spielt in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges und handelt von einem Juden, der in einem polnischen Ghetto gefangen sitzt, das von deutschen Soldaten verwaltet wird. Jakob Heym – so der Name der Hauptfigur – hört durch Zufall in einer deutschen Wachstation eine Radiosendung mit. In dieser Sendung wird berichtet, dass die deutschen Soldaten auf dem Rückzug sind und die russischen Befreier nur noch wenige hundert Kilometer vom Ghetto entfernt Stellung bezogen haben. Die Radiomeldung verändert Jakobs Leben. Weil alle Radiogeräte beschlagnahmt wurden und auf das Mithören und Verbreiten von Radiosendungen die Todesstrafe stand, weiß niemand im Ghetto, ob es noch eine Rettung gibt.
Die Brot-Rationen werden immer knapper. Und jede Woche werden die Anwohner einer anderen Straße ins Vernichtungslager abtransportiert. Die Radionachricht musste Hoffnung bringen für das Leben im Ghetto. Doch Jakob hat Angst. Er weiß, wie schnell sich eine solche Nachricht herumspricht und was es für ihn bedeuten würde, wenn die Deutschen herausbekommen, wer sie verbreitet hat. Trotzdem erzählt er gleich am nächsten Morgen einem Arbeitskollegen die Neuigkeit. Dieser glaubt ihm jedoch erst, als Jakob wahrheitswidrig hinzufügt, er besäße ein Radio. Wenig später weiß es fast das ganze Ghetto: Die Russen sind im Anmarsch und könnten das Ghetto befreien. Von nun an wird Jakob täglich nach Neuigkeiten befragt. Dass er gar kein Radio besitzt, das kann er niemandem sagen; die Enttäuschung wäre zu groß. Und so beschließt Jakob, Nachrichten vom Vorrücken der russischen Truppen zu erfinden. Dies macht ihn zu »Jakob, dem Lügner«, wie Jurek Becker sein Buch nennt. Er schreibt dazu:
»Die erste Lüge, die vielleicht gar keine war, so klein nur, und einige sind zufrieden. Das ist es wert. Die Hoffnung darf nicht einschlafen, sonst werden sie nicht überleben. Er weiß genau, dass die Russen auf dem Vormarsch sind, er hat es mit den eigenen Ohren gehört, und wenn es einen Gott im Himmel gibt, dann müssen sie auch bis zu uns kommen, und wenn es keinen gibt, dann müssen sie auch bis zu uns kommen, und möglichst viele Überlebende müssen sie antreffen, das ist es wert. Und wenn wir alle tot sein werden, dann war es ein Versuch, das ist es wert.« (75)
Durch die Nachricht von heranrückenden Russen und dem, was Jakob dazuerfindet, wächst die Hoffnung im Ghetto. Schon seit Wochen hat sich niemand mehr das Leben genommen, und die Neuigkeiten von der Front sind das bestimmende Thema. (Pause)
Doch die Zeit spielt gegen Jakob. Je näher die Russen rücken, um so mehr Juden werden in die Vernichtungslager abtransportiert. Jakob ist kurz davor, an der Situation zu zerbrechen. Er erzählt einem alten Bekannten, dass er die letzten Nachrichten nur erfunden hat.
Am nächsten Morgen wird dieser Bekannte erhängt in seiner Wohnung aufgefunden. Nur die Radio-Nachrichten Jakobs haben ihn noch am Leben erhalten. Doch jetzt, nachdem er alles wusste, gab es keinen Grund mehr weiterzuleben.
Jakob ist schockiert, er beschließt aber, weiterhin Nachrichten zu verbreiten, um nicht auch noch die letzte Hoffnung im Ghetto zu zerstören.
IV.
Liebe Gemeinde,
wie die Geschichte ausgeht, erzählt uns Jurek Becker nicht. Vielleicht haben einige das Ghetto und den Transport ins Vernichtungslager überlebt, aber es werden nicht viele gewesen sein.
Die Geschichte von Jakob, dem Lügner, ist eine zutiefst tragische Geschichte. Und dennoch können wir aus ihr lernen, welche Kraft der Glaube freizusetzen vermag. In unserem Predigttext hieß es
»Glaube ist eine Wirklichkeit dessen, was man hofft, und der Nachweis dessen, was man nicht sieht.«
Vielleicht können wir diesen Satz jetzt etwas besser verstehen:
Jakobs Freunde haben an das geglaubt, was Jakob ihnen mitteilte. Und das, was Jakob berichtete, beruhte auf einer Wahrheit, Jakob verhalf dieser Wahrheit nur ein wenig auf die Sprünge. Doch das genügte, um das Leben im Ghetto nachhaltig zu verändern. Die Hoffnung, die viele schon aufgegeben hatten, wurde ein Stück weit zur Realität. Der Glaube verwandelte die tödliche Wirklichkeit des Ghettos in eine neue Wirklichkeit. Der Hunger, die Wachtürme und der Stacheldraht mussten einer neuen Wirklichkeit Platz machen: der Hoffnung auf die kommende Errettung.
Niemand wusste, wann die Russen kommen würden, und wie viele gerettet werden könnten. Eins aber war gewiss, die Errettung war durch den Glauben nachweisbare Wirklichkeit geworden.
V.
Liebe Gemeinde,
Ich möchte das zum Schluss noch ein wenig ausführen und dem auf die Spur kommen, was wir im Anschluss an den Hebräerbrief unter »Glauben« verstehen können:
Zunächst: Glaube ist keine Unterwerfung unter kirchliche Lehrsätze, nicht ein vages Vermuten, nicht fanatisches Behaupten und Fürwahrhalten.
Der Glaube ist nicht ein sicheres Ergriffenhaben, sondern ein immer sich neu Ausstrecken nach dem Wort, von dem wir leben. Nichts, wovon man sagt: »Wer's glaubt, wird selig.«
Wer glaubt, den hat die befreiende Macht des Evangeliums ergriffen und gewonnen. Dieser Glaube ist kein Aufschwingen zu höheren Erkenntnissen, kein Versenken in die Tiefen des Seins. Glaube ist Auferstehung von den Toten.
Gott hat der bitteren Realität des Kreuzes die Wirklichkeit der Totenauferweckung entgegengesetzt. Dadurch verändert sich unser Verständnis von der Wirklichkeit. Das, was im Zeichen der Vergänglichkeit und des Todes steht, wird umgestoßen von der Wirklichkeit der Auferstehung und des Lebens.
Wer glaubt, fängt an, auf die verheißene neue Wirklichkeit zu sehen und nicht mehr auf das, was man allgemein ›Wirklichkeit‹ zu nennen pflegt.
Der Glaube verweist über das Greifbare und Sichtbare hinaus auf das Reich Gottes. Dieses noch Unsichtbare ist die wahre Wirklichkeit der Dinge und bleibt. Das Sichtbare ist nur Schein und Bild, das vergeht.
Jesus Christus ist, wie es der Hebräerbrief formuliert, der »Abdruck der (neuen) Wirklichkeit Gottes« (1,3) und der »Anfänger und Vollender des Glaubens« (12,2). Er ist von dem Kreuz nicht überwunden worden und hat damit die neue Wirklichkeit Gottes für uns sichtbar gemacht. Wer ihm nachfolgt im Glauben, für den wird die Hoffnung ein Stück Wirklichkeit.
»Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.« Amen.

