Erntedankpredigt am 4. Oktober 2026

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Denn der Herr, dein Gott, führt dich in ein gutes Land, ein Land, darin Bäche und Quellen sind und Wasser in der Tiefe, die aus den Bergen und in den Auen fließen, ein Land, darin Weizen, Gerste, Weinstöcke, Feigenbäume und Granatäpfel wachsen, ein Land, darin es Ölbäume und Honig gibt, ein Land, wo du Brot genug zu essen hast, wo dir nichts mangelt, ein Land, in dessen Steinen Eisen ist, wo du Kupfererz aus den Bergen haust. Und wenn du gegessen hast und satt bist, sollst du den Herrn, deinen Gott, loben für das gute Land, das er dir gegeben hat.

Das haben wir gerade eben in der alttestamentlichen Lesung gehört.
Es ist ein schöner Herbsttag im Oktober. Nicht zu warm, wechselnd bewölkt und trocken. Eine Gruppe macht sich gemeinsam auf den Weg zur Pilgerwanderung. „Auf dem Weg zu Gott und zu mir selbst“. Die Gemeinschaft ist gut gemischt aus Menschen, die enger zur Gemeinde gehören und welchen, die eher weiter weg leben. Menschen so um die dreißig Jahre sind dabei und Menschen über 50, so wie ich. Zuerst verständigen wir uns auf das Du. So sprechen wir unseren Bruder und unsere Schwestern an, mit dem – mit der – wir gemeinsam auf dem Weg sind. Denn der Herr führt dich in ein gutes Land, ein Land, darin Bäche und Quellen sind und Wasser in der Tiefe, die aus Bergen und Auen fließen. Dieses Wort gilt an diesem Tag uns, wenn wir gemeinsam auf dem Weg sind.

Wir stehen im Halbkreis am Ufer eines Flusses. Rings um uns sind die letzten Blüten in den angrenzenden Gärten zu sehen. Am Ufer wächst Schilf und allerlei blühendes Kraut. Munter und lebendig fließt das Wasser der Innerste vorbei. Wir hören einen Abschnitt aus der Bibel: Da kam das Wort des Herrn zu Elia: Geh weg von hier und wende dich nach Osten und verbirg dich am Bach Krit, der zum Jordan fließt. Und du sollst aus dem Bach trinken, und ich habe den Raben geboten, dass sie dich dort versorgen sollen. Er aber ging hin und tat nach dem Wort des Herrn und setzte sich nieder am Bach Krit, der zum Jordan fließt. Und die Raben brachten ihm Brot und Fleisch des Morgens und des Abends, und er trank aus dem Bach. Wir spüren das kalte Wasser. Wir hören, wie es fließt. Es hat scheinbar keinen Anfang und kein Ende. Es ist in Bewegung und fließt. Wir schließen die Augen und lassen das auf uns wirken. In der Bibel heißt es: Bei dir ist die Quelle des Lebens und in deinem Lichte sehen wir das Licht.

Wenig später stehen wir vor dem Portal der Kirche Peter und Paul etwa einen Kilometer von einem Dorf entfernt. Die Kirche ist im Mittelalter als Filiation der St. Vitus-Kirche in Ahrbergen gebaut worden. Heute wird sie als Friedhofskapelle benutzt. Über dem Eingangsportal ist das Wappen des Jesuitenordens angebracht: Jesous Huios Soter, auf Deutsch: Jesus, Sohn Gottes, unser Retter. Wir denken einen Moment an Ignatius von Loyola, den Gründer dieses Jesuitenordens. (Nicht gerade eine klassisch reformierte Gestalt der Kirchengeschichte.) Wir denken daran, welchen Rat Ignatius den Menschen gegeben hat, wenn sie sich biblische Texte erschließen wollen. Er schrieb in seinen geistlichen Übungen: Nicht das viele Wissen sättigt und befriedigt die Seele, sondern das innere Schmecken und Verkosten der Dinge. Es geht also nicht um abstraktes Wissen, sondern um Erleben, Spüren, Wahrnehmen. Ignatius sagt: Du wirst die Geschichte betrachten, indem du dir vorstellst, die Personen der Geschichte zu sehen, sie zu hören und zu betrachten. Wir nehmen diesen Rat mit, wenn wir auf unserem Weg weiter Geschichten aus der Bibel hören.

Probieren wir es aus. Wieder stehen wir im Kreis abseits des Feldweges unter einem Baum, der weit seine Äste ausspannt. Wir hören auf die Bibel: Und Elia legte sich hin und schlief unter dem Ginster. Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: „Steh auf und iss!“ Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen. Und der Engel des Herrn kam zum zweiten Mal wieder und rührte ihn an und sprach: „Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.“ Und er stand auf und ass und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb.

Wir schließen die Augen und hören auf das, was gesagt wurde: Und er stand auf und ass und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb. Das tut gut. Die Kraft Gottes zu spüren, die er uns gibt. Er lässt uns Zeit, lässt uns auch ausruhen und schlafen, wenn wir es brauchen. Und er weckt uns, wenn es Zeit ist aufzustehen. Er gibt uns Brot und Wasser zum Essen und zum Trinken, damit wir stark werden. Und er gibt uns noch einmal Zeit zum Schlafen und Ausruhen, wenn es nötig ist. Gott denkt von uns her und nicht von den Aufgaben, die vermeintlich zu tun sind. Gott kennt unsere Ressourcen und gibt uns Kraft zu leben. Das wollen wir in uns entdecken und in unserem Leben wirken lassen.

Nach einigen Kilometern erreichen wir ein Waldstück. Wir nehmen uns vor, ein Stück des Weges alleine zu gehen im Schweigen mit uns selbst und mit Gott. Darauf zu hören, was in uns spricht, zu fühlen, was sich in uns bewegt. Wir nehmen einen Satz für uns mit auf diesen Wegabschnitt. Und er stand auf und ass und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb. Was hat dir bisher in deinem Leben Stärkung gegeben? Was wünscht du dir von Gott, um gestärkt zu werden? Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke, mein Licht, Christus meine Zuversicht, auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht. Auf dich vetrau ich und fürcht mich nicht.

Vielleicht ist dieser Abschnitt der schwierigste auf der Wanderung. Nicht nur weil der Pfad durch den Wald ziemlich morastich ist und von allerhand umgefallen Ästen zugestellt. So wie es im Leben ist. – Auch weil es gar nicht einfach ist, im Schweigen zu gehen und alleine zu sein. In sich hineinzuhören und zuzulassen, was in mir kommt und wirksam ist. Ich darf darauf vertrauen, dass Gott in allem gegenwärtig ist, was mir auf meinem Weg entgegentritt. Aber ich darf nicht erwarten, dass Gott mir nur das schöne und angenehme in meinem Leben zeigen will. Vielleicht muss ich das allein sein mit mir und ihm auch einfach aushalten. Die Fragen richten meine Aufmerksamkeit auf das, was mich stark macht. Ich denke zurück an meinen Lebensweg und empfinde Dankbarkeit für so unendlich viele Momente, in denen mir Kraft geschenkt wurde von Menschen, die mir begegnet sind. Ich denke an Orte und Zeiten, die wie ein Rückzug für mich sind. Aufenthalte in Oasen. Ja, und ich nehme die Natur um mich herum wahr. Die Farben der Blätter, das Umherfliegen von Insekten, Vögel und ein Teich über und über mit Entengrütze bewachsen. Ja, ich bin nicht allein. Von allen Seiten umgibst du mich und hältst dein schützende Hand über mich.

Die Mittagspause verbringen wir auf eine Wiese am Waldrand. In guter Pilgertradition teilen wir miteinander, was wir haben. Wir legen in die Mitte auf ein Decke, was wir mitgebracht haben und sagen Dank: Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn, drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt und hofft auf ihn. Wir nehmen uns Zeit zum Austausch: Was hast du auf diesem Wegabschnitt erlebt? Welche Bilder sind für dich wichtig geworden? Jeder sagt das, was er möchte. Wir müssen nichts sagen. Aber wir dürfen mit anderen teilen. So wie wir unser Essen miteinander teilen, können wir auch unsere Bilder, unsere Gedanken, unsere Hoffnung und unser Glück, und sogar unsere Befürchtungen und unsere Ängste miteinander teilen. Teilen macht reich. Das können wir erleben.

Der Weg ist noch nicht zu Ende. Er geht weiter entlang der Innerste. Auf die Natur zu hören und sie wahrzunehmen, das haben wir jetzt gelernt. Auf einer ausgedehnten Wiese am Ufer halten wir noch einmal inne. Noch einmal hören wir auf die Bibel: Und Elia kam in eine Höhle und blieb dort über Nacht. Und siehe, das Wort des HERRN kam zu ihm. Der HERR sprach: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den HERRN! Und siehe, der HERR ging an ihm vorüber. Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht in dem Wind. Nach dem Wind kam ein Erdbeben, aber der HERR war nicht in dem Erdbeben. Und nach dem Erdbeben ein Feuer, aber der HERR war nicht in dem Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Säuseln. Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle. Gott ließ sich von Elia spüren in einem stillen sanften Säuseln.

Im Stillen geht jetzt jeder und jede für sich über die Wiese und sich sucht sich einen Ort, an dem es sich gut anfühlt und richtig. Wir schließen die Augen und nehmen die Umgebung rund um uns wahr. Wir hören und spüren. Wind, Sonne, Licht, Tierlaute, von weitem Geräusche der Stadt und das Summen von Insekten. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Säuseln. Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle. In welchen Klängen, in welchen Wahrnehmungen meiner Sinne, in welchen Gefühlen, in welchen Regungen meiner Seele und in welchen Bildern vor meinen Augen begegnet mir Gott? Ich weiß es nicht mit Gewissheit. Aber bestimmt begegnet er mir ganz anders, als ich es erwartet habe. Möglicherweise in kleinen unscheinbaren Dingen, die man Alltag leicht übersieht. Dazu dient es, meine Sinne zu schulen und aufmerksam zu sein. Nur wer bei sich selbst ankommt, kann auch bei Gott ankommen. Und deshalb ist unsere Pilgerreise auch eine Reise zu uns selbst.

Wir sind angekommen am mächtigen Mariendom in Hildesheim. Ihn zu betreten wäre noch einmal eine eigene Aufgabe und Übung für die Sinne. Dazu sind wir nicht gekommen. Überhaupt sind wir an vielen Kirchen auf unserem Weg vorbeigekommen, aber wir haben keine betreten. So wie Christinnen und Christen zunächst auf Wanderschaft gewesen sind, bevor sie irgendwann Kirchen gebaut haben. Eigentlich ist diese Wanderschaft nie zu Ende gegangen. Das Volk Gottes ist auf dem Weg, und es nicht am Ziel. So schön die Kirchen sind, die Wege, die zwischen ihnen liegen, sind eine Möglichkeit Gott zu begegnen.

Aber für den Kreuzgang nehmen wir uns Zeit. Sie wissen, den Kreuzgang mit dem tausendjährigen Rosenstock, der zum Symbol der Stadt Hildesheim wurde. Alleine und im Stellen gehen wir jeder und jede für sich durch den Kreuzgang. Nehmen die Verzierungen der Steine, die Ruhe der mittelalterlichen Architektur, das Grün und die Pflanzen im Inneren des Kreuzganges war. Und wieder hören wir auf die Bibel: Und Gott, der HERR, pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin. Und er nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaue und bewahre. - Gott der Herr nahm mich und setze mich in den Garten Eden, dass ich ihn bebaue und bewahre. Wir leben jenseits von Eden. Aber für einen Moment können wir vielleicht einen kleinen Eindruck davon bekommen wie es sein könnte. Wo unser zuhause ist.

Vielleicht werden Sie fragen, ob das eine Predigt zum Erntedank ist. Die Frage ist berechtigt, denn ich habe viel über das Pilgern gesprochen. Aber ich glaube dennoch ja, und ich hoffe, dass sie es ist. Denn gerade heute am Erntedanktag geht es darum, was uns geschenkt ist. Eine Haltung der Achtsamkeit und vielleicht sogar Ehrfurcht einzuüben vor dem, was uns umgibt. Zu verstehen und noch besser zu verinnerlichen, dass uns das alles geschenkt ist, damit wir Gott in seiner Schöpfung erkennen. Und damit wir uns selber besser kennenlernen, in dem wir erfahren, dass wir selbst Geschöpfe sind und aus der Liebe des Schöpfers leben.

Wir leben, Herr, noch immer vom Segen der Natur. Licht, Luft und Blütenschimmer sind deiner Hände Spur. Wer Augen hat, zu sehen, ein Herz, das Staunen kann, der muss in Ehrfurcht stehen und betet mit uns an.

Amen.