Liebe Gemeinde,

Kennen Sie das auch?

Am liebsten möchte man sich komplett zurückziehen.
Mit genau diesem Gefühl beginnt eine Sehnsucht, die viele von uns tief im Inneren teilen.
Und nein, es ist heute mal nicht die verständliche Überlastung durch die großen weltpolitischen Krisen, die unerbittliche Nachrichtenflut oder den allgemeinen Zustand unserer Gesellschaft – obwohl das alles ohne Frage Grund genug wäre.

Es ist ein viel leiserer, intimerer und deshalb oft schmerzhafterer Rückzug, den ich meine:
der Rückzug von anderen Menschen, weil wir uns ihnen schlichtweg nicht mehr zumuten wollen.
Vielleicht kennen Sie diesen Moment, in dem man morgens in den Spiegel blickt und das drückende Gefühl hat, den eigenen Ansprüchen – und den Erwartungen der Mitmenschen – meilenweit hinterherzulaufen.

Wir versagen. Wir entsprechen nicht dem Bild, das wir gerne von uns abgeben würden.
Und besonders bitter:
So oft handeln wir ganz anders, als wir eigentlich reden.
Wir erleben uns selbst als widersprüchlich, zerrissen und gänzlich anders, als wir im tiefsten Herzen sein wollen.

Dieser Zustand kann einen zermürben.
Er kann auf Dauer krank machen.Es ist ein echtes, tiefes Leiden an sich selbst – ein Gefühl der Unzulänglichkeit vor unseren Mitmenschen und, ja, auch vor Gott.

Man fühlt sich schlecht, ungenügend, wie eine Fehlkonstruktion.
Was kann helfen, wenn die Seele streikt und sich am liebsten unsichtbar machen möchte?

Was kann ich dem entgegensetzen, was mich krank macht?
Was verschafft Heil und Heilung?

Mitten in dieses Spannungsfeld hinein spricht unser heutiger Predigttext aus dem Epheserbrief.
Ich lese aus dem Kapitel 4 dieses Briefes die Verse 22 bis 32 in der Neuen Genfer Übersetzung:

„Legt den alten Menschen ab, der euren früheren Lebenswandel bestimmte und der sich durch seine trügerischen Begierden selbst ins Verderben stürzt. Lasst euch stattdessen in eurem Denken erneuern, indem Gott euch seinen Geist gibt! Zieht den neuen Menschen an, der nach Gottes Bild geschaffen ist und sich zeigt in einem Leben, das von wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit geprägt ist.

Darum legt alle Lüge ab und sagt zueinander die Wahrheit; wir sind doch als Glieder ein und desselben Leibes miteinander verbunden! Wenn ihr zornig seid, dann sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen! Gebt dem Teufel keinen Raum! Wer bisher ein Dieb war, stehle nicht mehr, sondern arbeite hart und helfe mit seinen eigenen Händen, etwas Sinnvolles zu tun, damit er den Notleidenden davon abgeben kann.

Lasst kein faules Wort aus eurem Mund kommen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was den Zuhörern Segen bringt. Und betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt worden seid für den Tag der Erlösung! Jede Art von Bitterkeit, Wut, Zorn, lautem Geschrei und Lästerung gehöre nicht mehr zu euch, mitsamt aller Bosheit. Seid vielmehr freundlich und barmherzig zueinander und vergebt einander, so wie auch Gott euch in Christus vergeben hat.“

Wenn man diesen Text oberflächlich oder mit einer engen, gesetzlichen Brille ließt, dann könnte man leicht in die nächste Frustrationsfalle tappen.

Wir könnten stöhnen und denken:
„Na toll, jetzt packt der Apostel auch noch eine riesige moralische To-Do-Liste obendrauf!
Ich soll nicht mehr lügen, nicht mehr zornig sein, keine faulen Worte benutzen, immer nur freundlich sein...

Aber genau das ist doch mein Problem!
Ich schaffe das alles im Alltag nicht, und genau deshalb will ich mich ja zurückziehen!“

Wenn ich diese Worte aber im Geist der Freiheit Jesu Christi höre, dann klingt das ganz anders.
Dann höre ich nicht zuerst das Gesetz, das mich erdrückt, sondern eine zutiefst befreiende Einladung.
Es ist die Zusage, dass wir uns in unserem alten, festgefahrenen, unglücklichen Zustand überhaupt nicht einrichten müssen.
Wir sind keine Gefangenen unserer eigenen Fehlerbiografie!
Der Epheserbrief beginnt im Grunde nicht mit einer harten Forderung, sondern mit einer grandiosen Zusage:
Ihr seid bereits erneuert.
Ihr seid mit dem Heiligen Geist beschenkt.

Das Fundament steht schon längst, und das Wohlwollen Gottes umgibt euch bereits – bedingungslos.
Um das deutlich zu machen, benutzt der Text ein wunderbar plastisches Bild, das jeder versteht: Kleider wechseln.
Den alten Menschen ablegen wie eine abgetragene, schmutzige Jacke, und den neuen Menschen anziehen.

Was genau ist denn dieser „alte Mensch“, an dem wir so oft leiden?
Es ist jene Version von uns, die sich aus nackter Angst abkapselt.
Es ist der alte Mensch, getrieben von der tiefen Sorge, zu kurz zu kommen, nicht gut genug zu sein oder von anderen verletzt zu werden.

Aus diesen Ängsten heraus entstehen die „trügerischen Begierden“:
das krampfhafte Streben nach Anerkennung,
der giftige Neid,
das endlose Nachtragen von alten Kränkungen
und die bitteren Worte, die wir manchmal austeilen, nur um uns selbst irgendwie größer zu machen.

Hier hören wir:
Ihr dürft diese alten, staubigen, zerschlissenen Kleider der Angst ausziehen!
Ihr müsst sie nicht mehr tragen, sie passen einfach nicht mehr zu eurer Würde.
Denn Gott hat euch ein neues Gewand bereitgelegt – ein Kleid aus Freundlichkeit, aus Zuwendung und aus großer Freiheit.

Der ganz Besondere dabei ist:
Dieses Anziehen geschieht nicht aus eigener, verkrampfter Willensanstrengung.

Der Text sagt ganz:
„Lasst euch stattdessen in eurem Denken erneuern, indem Gott euch seinen Geist gibt!“

Das ist ein Passiv! „Lasst euch erneuern“.
Es beginnt also damit, sich zu öffnen, tief durchzuatmen und zuzulassen, dass Gott an uns handelt.

Die Initiative liegt bei Gott.
Unsere Aufgabe ist es lediglich, mit dieser geschenkten Erneuerung im Alltag spielerisch zu experimentieren.
Es ist kein plötzlicher Zaubertrick, sondern ein lebenslanger, lebendiger Lernprozess.

Und wie sieht das ganz praktisch in unserem Alltag aus?
Der Epheserbrief wird hier erstaunlich konkret und holt uns direkt in unseren realen Beziehungen ab.
Da ist zuerst das Thema Wahrheit und Lüge:

„Darum legt alle Lüge ab und sagt zueinander die Wahrheit; wir sind doch als Glieder ein und desselben Leibes miteinander verbunden!“

Warum lügen oder flüchten wir uns in Halbwahrheiten?
Meistens doch nicht aus Bosheit, sondern aus purem Selbstschutz.
Wir lügen, weil wir Angst haben, dass die anderen uns ablehnen oder verurteilen, wenn sie sehen, wie chaotisch oder unvollkommen es wirklich in uns aussieht.
Wir spielen die Perfekten, die Unfehlbaren, die Unverwundbaren.
Doch genau diese Masken trennen uns voneinander.
Sie machen einsam und führen uns geradewegs in jenen schmerzhaften Rückzug, unter dem wir leiden.

Wahrheit im Sinne des Evangeliums ist kein brutales „Dem-anderen-die-Meinung-Geigen“.
Wahrheit bedeutet hier:
Echtheit.Es bedeutet, den Mut zu haben, sich verletzlich zu zeigen.
Zu sagen: „Ich kann gerade nicht mehr.“
Oder: „Es tut mir leid, da habe ich einen Fehler gemacht.“

Wenn wir das tun, geschieht etwas Befreiendes:
Wir merken, dass die anderen auch nur mit Wasser kochen.
Wir entlasten uns gegenseitig vom mörderischen Druck, perfekt sein zu müssen.
Ein zweiter lebensnaher Punkt: Der Zorn.

„Wenn ihr zornig seid, dann sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen!“

Das finde ich schon sehr befreiend.

Es wird uns nicht verboten, zornig zu sein.
Zorn ist eine zutiefst menschliche, vitale Emotion.
Wir dürfen wütend sein.
Wir dürfen verletzt und empört sein.
Gott verlangt von uns keine künstliche, spirituelle Dauer-Gelassenheit, bei der wir jeden Ärger runterschlucken müssen.
Das chronische Herunterschlucken und Verdrängen ist es ja gerade, was uns innerlich vergiftet und auf Dauer krank macht!

Die Kunst liegt allein darin, was wir aus dem Zorn machen.

„Sündigt nicht“, das heißt hier:
Lasst den Zorn nicht zerstörerisch werden.
„Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen!“

Schleppt den emotionalen Müll des Tages nicht mit in die Nacht.
Klärt die Dinge, so gut es irgend geht, noch vor dem Schlafengehen.
Atmet dann tief durch und schlaft im Frieden ein.
Das ist gelebte Psychohygiene, geschenkt aus dem Geist Gottes.

Und dann spricht der Text von unseren alltäglichen Worten:
„Lasst kein faules Wort aus eurem Mund kommen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was den Zuhörern Segen bringt.“

„Faule Worte“ – im griechischen Urtext steht da ein Begriff für verfaultes, ungenießbares Obst.

Worte können in der Tat wie giftige Früchte sein.
Sie können Beziehungen schleichend vergiften, das Gegenüber kleinmachen, Vertrauen zersetzen und entmutigen.
Wir alle wissen, wie tief ein unbedachtes, bösartiges Wort verletzen kann und wie viele Jahre es im Gedächtnis nachhallt.
Die Alternative, die uns hier vorgestellt wird, ist so viel schöner:
Unsere Worte können zu Bausteinen werden.
Wir haben jeden Tag neu die Freiheit, Worte zu wählen, die aufrichten, die trösten, die neuen Mut machen.
Ein ehrliches „Schön, dass es dich gibt“,
ein aufrichtiges „Ich danke dir für deine Hilfe“

oder ein entlastendes „Du musst vor mir nicht perfekt sein“ – solche Worte verändern die Atmosphäre in unseren Familien, an unseren Arbeitsplätzen und in unserer Gemeinde grundlegend.
Sie machen das Miteinander lebendig und hell.

Am Ende dieses Abschnitts führt uns der Epheserbrief zum Kern des christlichen Glaubens, zur Mitte des göttlichen Wohlwollens:

„Seid vielmehr freundlich und barmherzig zueinander und vergebt einander, so wie auch Gott euch in Christus vergeben hat.“

Hier schließt sich der Kreis zum ängstlichen Rückzug und unserer Not mit uns selbst.
Wenn wir an uns selbst leiden, wenn wir uns vor anderen und vor Gott schlecht fühlen, dann liegt das fast immer an einer tiefen Unbarmherzigkeit uns selbst gegenüber.
Wir sind im Alltag oft unsere eigenen härtesten Richter.
Wir verzeihen uns selbst am allerwenigsten.
Doch die befreiende Botschaft des Evangeliums heißt:

Gott hat uns bereits vergeben!
In Christus hat er ein für alle Mal bedingungslos Ja zu uns gesagt – mitsamt unseren Widersprüchen und mitsamt unseren Fehlern.
Dieses göttliche Wohlwollen ist die Quelle, aus der wir leben und aufatmen dürfen.
Dann muss ich mich nicht mehr verstecken.

Dann muss ich mich nicht mehr aus Scham oder Minderwertigkeitsgefühlen von den Menschen zurückziehen.
Ich darf, ja ich soll mich den anderen zumuten.
Nicht, weil ich so perfekt bin.
Vielmehr weil ich ein geliebtes, geheiltes und im Wachstum befindliches Kind Gottes bin.
Und genau aus dieser inneren Gewissheit und Freiheit heraus wächst die Kraft, auch mit den Mitmenschen freundlich, nachsichtig und barmherzig umzugehen.

Wer im Tiefsten weiß, dass er selbst jeden Tag von der Vergebung lebt, dem fällt es viel leichter, auch dem anderen die Hand zur Versöhnung zu reichen.
Die Worte des Epheserbriefs laden uns ein, Gottes Gegenwart als Angebot zur Heilung zu begreifen.
Dieser Gott mutet sich uns zu – mit all seiner grenzenlosen Liebe.
Muten wir uns ihm und einander zu, mit all unserer Sehnsucht, unserer Lebendigkeit, aber eben auch mit unserer Unvollkommenheit.

Der Gott des Friedens nehme das Alte, Ängstliche von uns und ziehe uns täglich neu das Gewand der Liebe an.

Seine Gnade richte uns auf,
sein Wohlwollen heile unsere verletzten Seelen,
und sein Geist schenke uns den Mut zu einem echten, unverkrampften und hoffnungsvollen Leben.

AMEN