Predigt zu Markus 2,23-28 am 18. Oktober 2026

Es gibt eine Frage, die mir in Gesprächen mit Menschen
meiner Generation immer wieder begegnet.
Sie klingt klein, fast ein bisschen komisch.
Gehört am Sonntag die Wäsche in die Waschmaschine, oder bleibt der Korb einfach stehen?
Die einen winken ab und finden das altmodisch,
ein Rest aus Großmutters Zeiten.
Einige spüren etwas und halten inne.
Hinter der kleinen Frage liegt eine viel größere.
Was geschieht mit einem Tag, der aus der Reihe fällt?
Und was geschieht mit uns, wenn dieser Tag verschwindet?

Ich lese aus dem Markusevangelium, aus dem zweiten Kapitel.

An einem Sabbat ging Jesus durch die Felder. Unterwegs rissen seine Jünger Ähren von den Halmen. 24Da sagten die Pharisäer zu ihm: »Sieh doch, was deine Jünger tun! Das ist am Sabbat verboten.« 25Er antwortete: »Habt ihr denn nicht gelesen, was David getan hat? Er und seine Männer waren in einer Notlage und hatten Hunger. 26 – Der Hohepriester war damals Abjatar. – Da ging David in das Haus Gottes und aß die Schaubrote, obwohl es verboten war. Nur die Priester durften davon essen. Aber er gab sogar seinen Männern von den Broten.« 27 Jesus sagte zu den Pharisäern: »Gott hat den Sabbat für den Menschen gemacht, nicht den Menschen für den Sabbat. 28Also kann der Menschensohn bestimmen, was am Sabbat erlaubt ist.«

An dieser kleinen Szene hängt mehr, als man zuerst vermutet.
Die Geschichte steht an einer zugespitzten Stelle im Markusevangelium.
Fünf Streitgespräche reihen sich hier aneinander,
und es geht Schlag auf Schlag.
Wenige Verse später beraten die Gegner Jesu bereits über seinen Tod.
Der Sabbat ist also ein Reizthema.
An ihm entzündet sich die Frage, wer Jesus ist und welche Freiheit er lebt.

Die Jünger gehen durch die Felder, und sie haben Hunger.
Also raufen sie im Gehen ein paar Ähren aus,
reiben die Körner in den Händen und essen.
Das Pflücken von Hand war im Alltag erlaubt,
das regelt schon das Buch Deuteronomium.
Am Sabbat aber zählt das Ährenraufen zur Arbeit des Erntens.
Und Arbeit ruht an diesem Tag.
Die Pharisäer sehen genau hin, und sie haben es ernst gemeint.
Sie hüten den Tag, weil er ihnen heilig ist.

Jesus antwortet mit einer Geschichte aus der Schrift.
David, auf der Flucht und hungrig,
ging in das Haus Gottes und aß von den Broten,
die den Priestern vorbehalten waren.
Jesus erinnert daran, dass die Not eines Menschen, der nackte Hunger,
ein hohes Gewicht vor Gott hat.
Die Schrift selbst macht hier Raum für das Leben.

Und dann fällt der entscheidende Satz:
Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht
und nicht der Mensch um des Sabbats willen.
Das klingt wie eine Befreiung, und es ist eine.
Zugleich steht dieser Satz mitten in Israels eigener Weisheit.
Schon die jüdische Auslegung sagt es so:
Der Sabbat ist euch übergeben, als Gabe in eure Hand.
Jesus streitet also aus der Mitte der Tora heraus.
Er hält den Sabbat in Ehren und legt frei, wofür er von Anfang an gedacht ist.

Beides gehört zusammen.
Wo der Hunger drängt, dient der Tag dem Leben, indem er Raum schafft. Wo die Hetze drängt, dient er dem Leben, indem er zur Ruhe einlädt.
In beidem gilt dasselbe. Der Sabbath (bei uns der Sonntag) ist für den Menschen da.

Die Tora erzählt davon gleich dreifach:
1. Am Anfang ruht Gott selbst am siebten Tag und segnet ihn.
Die Ruhe ist in die Schöpfung eingewoben,
als Krone der Woche, als Atemholen der Welt.
2. Im zweiten Buch Mose bekommt der Tag noch einen Klang.
Gedenke, dass du Sklave warst in Ägypten.
Der Sabbat ist Erinnerung an die Befreiung.
Ein Sklave schuftet sieben Tage.
Ein freier Mensch feiert am siebten Tag,
dass sein Wert tiefer liegt als seine Arbeit.
3. Und noch ein drittes Bild aus der Wüste gehört dazu.
Als Israel das Manna sammelte, kam am sechsten Tag die doppelte Menge,
und am siebten lag das Feld leer.
Die Ruhe des Sabbats wächst aus einem Vertrauen.
Gott sorgt, auch wenn die Hände für einen Tag still sind.
Der Sabbat lebt von diesem Zutrauen,
dass die Welt sich weiterdreht, während ich raste.

Damals stand der Sabbat in Gefahr, zur Last zu werden.
Die Hüter des Tages hielten ihn so fest,
dass ein hungriger Mensch daneben stand.
Heute liegt die Gefahr oft woanders.
Manchmal fühlt es sich an, als hätten wir den Tag leise aus der Hand gelegt.
Im Namen der Freiheit gleicht ein Tag dann dem anderen.
Manche Geschäfte öffnen, die Push-Up-Nachrichten und Mails blinken auch sonntags, To-Dos wandern heimlich mit in den Sonntag hinein.
Nur noch eben… und dann…
Und dann am Abend verschwimmt der Sonntag mit all den anderen Tagen.

John Mark Comer, ein Pastor aus den USA, nennt das die Rastlosigkeit, die unserer Seele den Atem nimmt. Er lädt dazu ein, die Eile aus dem Leben zu nehmen und den alten Rhythmus von Arbeit und Ruhe neu zu entdecken. Wer dazu mehr lesen will, für den lege ich hier einmal einen kleinen Werbeblock ein. Sein Buch heißt „Das Ende der Rastlosigkeit: Mach Schluss mit allem, was dich hetzt - und komm bei Gott an“ Mich hat das Buch sehr inspiriert, nochmal neu die Prioritäten am Wochenende zu sortieren.
Einige Freunde von mir haben das Buch auch gelesen und seitdem sehe ich in ihrem Whatsapp-Status „handyfreier Tag“. Einige machen konsequent einen Tag in der Woche das Smartphone aus. Das find ich beeindruckend. So konsequent bin ich aktuell nicht.

Doch Viele wünschen sich einen Tag, der sich vom Rest der Woche unterscheidet.
Die Lösung heißt dabei selten mehr Zeit.
Es ist kein Geheimnis: Die Woche hat für alle gleich viele Stunden.
Die Frage ist, welche Priorität dieser eine Tag bekommt.

Und das ist auch meine Frage. Letzten Sonntag habe ich mich dabei ertappt noch eben schnell Mails zu schreiben, damit dann der Urlaub ab Montag richtig entspannt wird. Ehrlich gesagt, ich hätte den Sonntag auch gut frei gebrauchen können.

Und hier kommt die kleine Frage von vorhin zurück.
Die Wäsche am Sonntag.
Von außen wirkt es spießig, einen vollen Korb einfach stehen zu lassen.
Von innen steckt darin eine Übung der Freiheit.
Die Frage handelt am Ende von mir.
Halte ich es aus, etwas liegen zu lassen?
Traue ich dem Manna?
Glaube ich für einen Tag, dass die Welt sich auch bei stillen Händen weiterdreht?

Sofort meldet sich ein Einwand.
Am Ende wird die Ruhe selbst zur neuen Leistung.
Noch ein Punkt auf der Liste, noch ein Anspruch an mich.

Für die einen heißt Ruhe, etwas liegen zu lassen.
Für andere sieht sie ganz anders aus.
Wer sonntags arbeitet, in der Pflege oder im Dienst.
Oder wer den Tag allein verbringt, und die Stunden lang werden.
Auch für sie ist dieser Tag gemacht. Auch ihnen gilt das Geschenk.

Auf beides antwortet der Text mit demselben Wort
Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht.

Er ist Geschenk, und er kommt mit offenen Händen,
als Einladung zum Atemholen.
Die Ruhe am Sabbat ist frei.
Sie wächst aus Gnade, lange bevor ich etwas leiste.
Wer wartet, bis alles fertig ist, wartet für immer.
Die Einladung heißt, mitten im Unfertigen einzukehren.
Der Korb steht, die Mail wartet,
und ich sitze trotzdem am Tisch des Tages, den Gott mir schenkt.

Und heute Morgen üben wir genau das.
Wir sitzen hier, lassen die Aufgaben einen Moment ruhen
und empfangen den Tag.

Am Ende der Geschichte steht ein großes Wort.
So ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.
Der Herr über diesen Tag ist derselbe, der an anderer Stelle ruft:
Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid,
ich will euch erquicken.

Der Herr des Sabbats teilt Ruhe aus.
In seiner Hand wird der Tag wieder das, wofür er gedacht ist,
ein Raum zum Aufatmen.

Vielleicht bleibt die Wäsche heute einfach liegen.
Vielleicht entsteht ein wenig Stille.
Und vielleicht wird dieser eine Tag neu, wofür er gedacht ist,
ein Geschenk, das vor aller Leistung liegt.
Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht.
Dieser Tag ist für dich.

Amen.