Liebe Schwestern und Brüder,
sicherlich kennen Sie die Geschichte von der Arche Noah! Haben Sie die Bilder im Kopf von dem großen, etwas unbeholfenen Kasten, in dem nach biblischer Erzählung von allen Tieren je ein Paar Platz hatte, um vor der Sintflut gerettet zu werden? Längst haben sogar Spielzeughersteller wie Playmobil den Reiz dieser Geschichte erkannt und entsprechende Produkte auf den Markt gebracht.
Dabei hat diese Geschichte durchaus Haken und Ösen: Weil die Menschen mit der guten Schöpfung, die Gott ihnen anvertraut hatte, schlecht umgegangen sind, weil sie Habgier und Eigennutz vor Liebe und Sorge für ihre Mitgeschöpfe gestellt hatten, deshalb hatte Gott eine mächtige Flut geschickt, in der alles Leben auf der Welt vernichtet werden und untergehen sollte. Allein Noah wurde von Gott für gerecht befunden, und er bekam den Auftrag, eine Arche zu bauen, in der von allen Lebewesen ein Paar vor der Flut gerettet werden sollte. - Sie merken schon, in dieser Geschichte liegen Gefährdung und Bewahrung, Zorn und Liebe ganz dicht beieinander. Gott vernichtet Leben, und er bewahrt Leben. Er ist zornig, und er liebt.
Als ich ein Kind war, hatte ich eine Arche Noah aus Holz. Sie war schön geschnitzt und angemalt. Dazu gehörten natürlich auch Noah und jede Menge Tiere aller Art von Giraffen über Flamingos und Panthern bis hin zu einem Eichhörnchen – natürlich von jedem zwei, wie es sich für die Geschichte gehört. Ich hatte, als ich ein Kind war, einen unglaublichen Spaß daran, alle diese Tiere nach und nach, eines nach dem anderen, in die Arche einziehen zu lassen und ihm dort einen Platz zu geben. (Ich fand übrigens nichts Besonderes dabei, dass dabei Löwen neben Gazellen dicht an dicht nebeneinander standen. Suchten sie doch alle gemeinsam Schutz in der Arche!) Dann kam die Sintflut, und als das Wasser langsam zurückging, lies Noah eine Taube fliegen, die es in meiner Arche natürlich auch gab. Sie sollte feststellen, ob die Erde nun wieder bewohnbar ist, ob sie den Tieren und Menschen wieder eine Heimat geben könnte.
Mit derselben Freude und Achtsamkeit, mit der ich die Arche gefüllt hatte, habe ich nun jedes einzelne Tier aus meiner Arche aussteigen lassen. Jedes Geschöpf wurde dabei einzeln gewürdigt und in die Hand genommen. So bevölkerten die Tiere und schließlich auch die Menschen nach und nach den ganzen Raum meines Kinderzimmers. Dieses ganze Spiel konnte schonmal fast einen Vormittag dauern, und ich war dabei ganz bei der Sache, ganz in der Geschichte drin.
Sie können jetzt mit recht fragen, ob das nicht ein ziemlich einseitiger Blick auf diese Geschichte ist. Schließlich gehen tausende Lebewesen, Tiere, Pflanzen, und Menschen bei der Sintflut verloren.
In meinem kindlichen Bewusstsein war mir völlig klar, dass es Gott ist, der die Flut schickt und damit alles zerstört, was auf der Erde lebt. Derselbe Gott, der vorher voller Fantasie und Liebe die Welt geschaffen und alles ins Leben gerufen hatte. Sollte man Gott nicht dafür böse sein, oder - was vielleicht noch schlimmer ist - sollte man nicht Angst vor ihm haben? Das alles war für mich nicht der Fall. In meinem kindlichen Bewusstsein konnte ich Gott gut verstehen. Er war eben richtig sauer, wütend, vielleicht so wie ich, wenn ich mit viel Mühe aus Bauklötzen einen Turm gebaut hatte und mein Bruder ihn einfach so umgestoßen hatte. Gott war wütend, weil die Menschen alles kaputt gemacht hatten! Weil sie sich nicht daran gehalten haben, was ihr Auftrag in der Geschichte gewesen ist. Die Menschen hatten alles kaputt gemacht, und ich konnte verstehen, dass Gott darüber wütend gewesen ist. Was man manchmal tut, wenn man richtig wütend ist, dass war mir ja keineswegs fremd. Das kannte ich.
Nein, der zornige und zerstörende Gott rief in meinem kindlichen Gemüt keine Ablehnung hervor. Ohne dass ich es damals reflektieren oder irgendwie in Worte fassen konnte, war fast das Gegenteil der Fall. Dieser Gott kam mir irgendwie menschlich vor, und weil er als Gott menschlich war, kam er mir auch nahbar und nicht nur fremd vor. Ich konnte ihn verstehen, und das reichte mir.
Ja, und in der Tat ist es ja so, dass bei Geschichten das Ende meistens die stärkste Wirkung hinterlässt. Dass die Sintflutgeschichte buchstäblich ein „Happy End“ hat, das konnte ich auf dem Boden von meinem Kinderzimmer ganz anschaulich sehen, und ich hatte es schließlich mit meinen eigenen Händen miterlebt. Daran gab es für mich gar keinen Zweifel.
Der Predigttext, den wir gerade gehört haben, ist das Ende der Sintflutgeschichte, so wie es die Bibel erzählt. Ich lese ihn noch einmal vor:
So ging Noah heraus mit seinen Söhnen und mit seiner Frau und den Frauen seiner Söhne, dazu alles wilde Getier, alles Vieh, alle Vögel und alles Gewürm, das auf Erden kriecht; das ging heraus der Arche, ein jedes mit seinesgleichen.
Noah aber baute dem Herrn einen Altar und nahm von allem reinen Vieh und von allen reinen Vögeln und opferte Brandopfer auf dem Altar. Und der Herr roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.
Wie in meinem Kinderspiel verlassen auch in der Bibel die Tiere gemeinsam mit Noah und seiner Familie die Arche, um die Welt von neuem zu bewohnen. Die Bibel erzählt aber noch, dass Noah einen Altar für Gott gebaut hat und darauf Opfergaben dargebracht hat. Noah hat damit seine Dankbarkeit ausgedrückt dafür, dass das Leben doch nicht ausgelöscht worden ist. Er hat Gott für die Bewahrung in der Arche gedankt und dabei wohl auch gespürt, dass es jetzt darum geht, einen neuen Anfang zu machen. Das Leben auf der Erde von neuem zu beginnen. Noah möchte in diesem Augenblick gerne eine neue Beziehung zu Gott herstellen. Vielleicht ist ihm klar, dass das neue Leben auf der Erde nur gelingen kann, wenn die Menschen sich mit Gott verbunden fühlen, wenn sie im Einklang mit seinem Willen leben und mit dem, was Gott für seine Schöpfung will.
Wir hören in der Geschichte, dass Gott Noahs Opfer annimmt. Gott sprach in seinem Herzen, heißt es in der Bibel. Ich finde das eine erstaunliche Formulierung. Für einen Moment hört es sich fast so an, als könnte man Gott hier beim Nachdenken zuhören. Zumindest zeigt die Geschichte, dass dieser Gott nicht für immer unbeweglich und starr ist. Gerade deswegen lohnt es sich, mit ihm zu reden und ihn zu bitten. Offenbar schaut Gott noch einmal auf das, was geschehen ist, und fasst einen Entschluss. Und mit diesem Entschluss legt er einen Maßstab fest, der für die Zukunft gelten soll: nämlich dass es keinen Sinn macht, der Bosheit mit Gewalt und Tod zu begegnen. Noch mehr aber zeigt er, dass die Liebe, die er für die Schöpfung empfindet, viel größer ist als sein Zorn über alles böse Tun der Menschen. Und dass sein Wunsch, mit allen Geschöpfen auf der Erde Gemeinschaft zu haben, viel größer ist als der Drang nach formaler Gerechtigkeit oder Strafe.
Was dann folgt ist, eine Selbstverpflichtung, die Gott sich auferlegt. Anders gesagt ein Versprechen, das Gott der ganzen Schöpfung gibt: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich es getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Gott legt hier die Grundlage fest, auf der das Leben auf der Erde fortan und alle Zeit gedeihen kann. Er segnet das Leben von neuem und sagt allem, was lebt, seinen Schutz zu. Vielleicht kann man sagen, dass Gott am Ende der Sintflutgeschichte nach dem crashdown und der Gefahr des völligen Scheiterns des Projektes Schöpfung sein Ja für die Schöpfung noch einmal erneuert. Er gibt Noahs Nachkommen eine zweite Chance. Und er nimmt damit auch uns in die Pflicht, dieses Leben zu achten, es mit aller unserer Kraft zu schützen und es niemals infrage zu stellen.
Der Bund, den Gott an dieser Stelle mit Noah schließt, gilt der gesamten Schöpfung. Er gilt allen Menschen. Er steht damit vor allem, was die Bibel weiterhin erzählt. Er steht noch vor der Erwählung eines einzelnen Volkes aus der Menge der Menschheit heraus, das Israel heißen wird. Er steht vor der Berufung von zwölf Jüngern und einer großen Schar, die Jesus, seinem Sohn, nachfolgen wird. Und der Bund, den Gott mit Noah schließt, steht auch vor der Aufteilung der Menschheit in unterschiedliche Völker, er steht vor der Entstehung von unterschiedlichen Religionen, so wie wir sie heute kennen.
Er legt unumstößlich fest, dass Gottes Wille zum Leben allen Menschen gilt, wirklich allen und dass niemand, wirklich niemand jenseits dieses Willens zu einem erfüllten Leben steht. Ich finde, daran sollten wir denken, wenn wir als Christen, Juden und Muslime zusammenkommen. Wenn wir uns als „Farbige“ mit unterschiedlichen Farben (Ich habe übrigens noch nie einen weißen Menschen gesehen. Weiß ist keine Hautfarbe sondern eine Ideologie!), als Europäer, Afrikaner und Asiaten, als Männer und Frauen und als Menschen mit non-binären Geschlechtsidentitäten, als Geflüchtete und solche, die in diesem Land geboren sind, als Glaubende und als Menschen, die den Glauben verloren oder nie gekannt haben, wenn wir als Menschen und andere Geschöpfe auf dieser Welt zusammenkommen.
Amen.

